Wir erleben gegenwärtig eine Verrohung der Sprache und Zunahme von Aggression im Austausch von Meinungen. Zudem ist mit dem politischen Rechtsruck in Europa auch ein destruktiver Pessimismus zu spüren. Aber wie kommt es zu solchen Entwicklungen ausgerechnet in einer Phase, in der Friede und Wohlstand die Regel sind und nicht die Ausnahme? Man könnte sagen: Uns geht's wohl zu gut. Das jedenfalls meinen sinngemäß die Autoren des Buches "Das Unbehagen im Frieden. Die neue Lust am Leid". Wir haben mit ihnen darüber gesprochen.

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Frau Lermer und Herr Fischer, Sie haben ein Buch über das Unbehagen im Frieden geschrieben. Warum?

Professor Dr. Peter Fischer: Wir fragten uns, warum so viele Leute nach rechts rücken und bewusst Frieden und Demokratie aufs Spiel setzen, was der Einzug der AfD in den Bundestag oder der Brexit zeigen - und das trotz Wohlstand und Frieden, historisch niedriger Arbeitslosenzahlen und brummender Konjunktur.

In der Psychologie ist das Phänomen bekannt, dass Menschen autoritär werden, wenn es ihnen schlecht geht. Doch warum werden sie destruktiv, wenn es ihnen so gut geht wie nie zuvor? Diese Frage wollten wir untersuchen und für ein breites Publikum verständlich darstellen.

Warum ist denn der Mensch mit Frieden und Wohlstand nicht zufrieden?

Professorin Dr. Eva Lermer: Frieden und Wohlstand werden vielfach als selbstverständlich hingenommen. Wohlstand stärkt das Selbstwertgefühl und kann zum Übermut führen. Diesen Effekt nennen wir Wohlstandsübermut.

Selbstüberschätzung und Langeweile können dazu führen, dass Menschen risikoreiche und manchmal auch schädliche Dinge tun. Wie schwer es Menschen fällt, Langeweile zu ertragen, zeigt eindrücklich ein Experiment von Timothy Wilson und Kollegen aus dem Jahr 2014.

Hierbei hielten sich Männer und Frauen jeweils alleine 15 Minuten in einem reizarmen Raum ohne Handy oder andere Beschäftigungsmöglichkeiten auf. Die Aufgabe bestand darin, sich nur mit den eigenen Gedanken zu beschäftigen und dabei wach zu bleiben.

Zusätzlich hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, sich selbst über eine Elektrode einen leichten, aber schmerzhaften Elektroschock zu verabreichen. Das Ergebnis war erstaunlich: mehr als zwei Drittel der Männer und etwa ein Viertel der Frauen verabreichten sich tatsächlich selbst mindestens einen Elektroschock.

In Ihrem Buch sprechen Sie von der Lust am Leid. Ist diese neu?

Fischer: Nein, dem Leiden und Sterben Anderer zuzusehen und sich daran zu ergötzen, ist ein uraltes menschliches Bedürfnis. In der Antike gingen die Menschen ins Kolosseum, im Mittelalter war es die Guillotine, heute findet das beispielsweise via Internet statt.

Man holt sich dadurch einen Kick und ist dann zufriedener mit seinem Leben. In der Sozialpsychologie nennt man dieses Phänomen abwärts gerichteter Vergleich.

Die meisten Menschen würden nicht sagen, dass sie sich über das Leid anderer freuen. Doch sobald der Mensch die Chance bekommt, sein Selbstwertgefühl durch einen Vergleich zu erhöhen, nutzt er diese Chance. Das läuft ganz unbewusst im Gehirn ab.

Wie wirkt sich dieser Effekt in den sozialen Medien aus?

Fischer: Die Digitalisierung macht den abwärts gerichteten Vergleich noch viel leichter. Denn im Netz finden sich immer Leute, denen es noch schlechter geht.

Die Menschen sind dort auch nicht besonders nett zueinander, im Gegenteil: Es wird polarisiert und es gibt viele Konflikte, was zu Frustrations-Aggressions-Effekten führt. Die wenigsten würden beispielsweise einen Brief mit solchen Worten schreiben, wie es online gemacht wird.

Was könnte gegen diesen Trend helfen?

Lermer: Ein Ansatz, der noch viele weitere positive Effekte hätte, wäre die Einführung von Psychologie als Fach in der Schule.

Wenn Menschen ihre Denk- und Verhaltensmuster sowie die ihrer Umwelt besser verstehen und beispielsweise ihre Entscheidungen und die Konsequenzen ihrer Handlungen mehr überdenken, dann kann das die Welt ein Stück weit besser machen. Dazu jedoch müssen sie über das Wissen und die Motivation dazu verfügen.

Kann man selbst etwas tun, um sein Gehirn umzustrukturieren? Haben Sie ein paar praktische Tipps?

Fischer: Im Gehirn haben wir zwar nicht Zugriff auf alles, aber auf einiges schon. Wir müssen uns diese Effekte immer wieder bewusst machen. Dann verlieren sie ihre Wirkung.

Der Bystander-Effekt ist dafür ein gutes Beispiel. In den 1970er-Jahren ging das Phänomen durch die Medien, dass bei Unfällen viele Leute zwar hinschauen, aber niemand hilft, weil sich jeder denkt, der andere wird schon helfen. Heute wissen die meisten Menschen darüber Bescheid und packen an - ein Effekt der Psychoedukation.

Im Hinblick auf die oben angesprochenen Effekte müssen wir uns bewusst machen, dass unser Denken fehleranfällig ist. Wir müssen uns beispielsweise fragen, was Aggression ist und wann wir aggressiv werden.

Mit der Einsicht, welcher Gedanke dem nächsten folgt und welche Emotionen dabei entstehen, können solche Situationen leichter umschifft und Fehler vermieden werden.

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Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Prof. Dr. Peter Fischer, Inhaber des Lehrstuhls für Sozial-, Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Regensburg. Seine Schwerpunktthemen liegen in den Bereichen evidenzbasierte Führung, Digitalisierung und Informationsverarbeitung bei Entscheidungen
  • Gespräch mit Prof. Dr. Eva Lermer, Psychologin und Soziologin. Sie forscht und lehrt an der FOM Hochschule in München sowie der Universität Regensburg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Risikoverhalten, Entscheidungen und Positive Psychologie
  • Peter Fischer, Eva Lermer: "Das Unbehagen im Frieden. Die neue Lust am Leid", Claudius Verlag, 157 Seiten