Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes gehört für uns zum Alltag. Doch Gesichtsmasken beeinflussen die zwischenmenschliche Kommunikation – und unser Empathie-Vermögen. Was nun?

Anja Delastik
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Beim Einkaufen, in Verkehrsmitteln, in Post oder Bank, beim Arzt, am Arbeitsplatz: Wir tragen eine Maske, um uns selbst und andere zu schützen, und das ist richtig und gut so.

Heißt nicht, dass sie nicht auch nervt. Wenn die Nase läuft etwa, die Brille beschlägt, das Make-up verschmiert, die Haut am Kinn gereizt ist. Und auch das Entsperren des Handys via Gesichtserkennung mochte bislang mit Mund-Nasen-Maske nicht klappen. Nun hat Apple dies mit seinem neuesten Update geändert. iOS 15.4 ermöglicht es, das iPhone per Face ID trotz Maske zu entsperren – und erleichtert uns damit den Alltag.

Gesichtserkennung für den Alltag

Wäre es nicht toll, wenn es eine Gesichtserkennung trotz Maske auch für andere Lebensbereiche gäbe? Für die Interaktion mit der Außenwelt zum Beispiel. Denn in der zwischenmenschlichen Kommunikation spielt unser Gesicht eine entscheidende Rolle: Was wir fühlen, offenbart sich in unserem Gesichtsausdruck.

Er hilft dabei, das Gegenüber zu verstehen, Signale zu empfangen und zu senden. Hinter einer Maske bleibt die Hälfte unseres Gesichts jedoch verborgen – und damit ein wichtiger Teil unserer Mimik.

Schluss mit Botox

Manche machen aus der Not eine Tugend: Nasen-OPs und Lippen-Injektionen haben Hochkonjunktur, denn Pflaster, Blutergüsse und Schwellungen bleiben hinter der Maske versteckt.

Momentan weniger gefragt hingegen sind Botox-Behandlungen an Augen und Stirn. Der Grund: Die Injektionen hemmen die Kontraktion der entsprechenden Gesichtsmuskeln, was Falten mindert, aber auch die Mimik. Deshalb: Wenn man den Mund schon nicht lächeln sieht, sollen es wenigstens die Augen weiterhin dürfen.

Angst in den Augen

Allein anhand der Augen ist ein freundliches Lächeln jedoch nur schwer zu erkennen. Lächelt der Kellner wirklich oder kneift er die Augen missbilligend zusammen? Ist die Chefin unheimlich erfreut oder eher erstaunt, erschrocken, vielleicht sogar entsetzt?

Schwierig, das jeweilige Befinden des maskierten Gegenübers zu deuten und verstehen - es sei denn, es handelt sich um Emotionen, die vorwiegend über die Augen ausgedrückt werden. Angst ist so ein Gefühl, das Menschen buchstäblich in den Augen steht.

Blick in den Spiegel

Weil uns das Deuten von Gefühlen neuerdings so schwerfällt, verlieren wir schneller das Interesse an unserem Gegenüber. Wir investieren weniger Zeit, ein Gesicht zu studieren, wenn die Person eine Maske trägt, bestätigt auch eine Studie der Universität Bamberg.

Dabei tendieren wir normalerweise dazu, den Gesichtsausdruck unseres Gegenübers zu imitieren, sei es ein aufmerksamer oder besorgter Blick, ein Grinsen, ein Lächeln. Und dieses sogenannte neuronale Spiegeln beeinflusst unser Empathie-Vermögen und wie wir mit anderen sozial interagieren. Ergo: Mit Maske lächeln wir weniger, fühlen uns seltener zugehörig.

Körpersprache, Gesten, Worte

Das alles kann und darf selbstverständlich keine Entschuldigung sein, aufs Tragen einer schützenden Maske zu verzichten. Im Gegenteil. Es soll eine Ermunterung sein, all die anderen Möglichkeiten der Kommunikation zu nutzen, die uns zur Verfügung stehen: Körpersprache, die Neigung des Kopfes, Gesten und nicht zuletzt unsere Sprache.

Denn ein freundliches Wort, eine nette Geste, ein offenes Ohr, ein "Bitte" und "Danke" oder ein "Verzeihung" würden uns allen ohnehin gut zu Gesicht stehen. Besonders in Zeiten, in denen Angst das Gefühl ist, das wir am leichtesten erkennen.

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