"Ach, was muß man oft von bösen Kindern hören oder lesen! Wie zum Beispiel hier von diesen, welche Max und Moritz hießen", heißt es im Vorwort zu "Max und Moritz" von Wilhelm Busch, das vor fast 150 Jahren erschien. Der Klassiker hat ein brutales Ende und scheint nicht mehr in unsere Zeit zu passen. Wir sprachen mit Kinder- und Jugendtherapeutin Christiane Wempe über Kinderbuch-Klassiker.

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Wilhelm Buschs "Max und Moritz" wird in diesem Jahr 150 Jahre alt. Was verbinden Sie mit dem Buch?

Christiane Wempe: Früher war das Buch Kult, genauso wie "Struwwelpeter". Aber heute ist es für Kinder nicht mehr so attraktiv. Eltern verbinden das Buch mit ihrer Kindheit, aber für Kinder ist es nicht so ansprechend.

Warum?

Weil die Aufmachung nicht mehr zeitgemäß ist. Das Original hat schwarz-weiße Zeichnungen. Heute gibt es Pop-up-Bücher und vieles andere, da ist "Max und Moritz" nicht mehr so spannend. Was nicht nur an der Aufmachung, sondern auch an der altmodischen Sprache liegt.

Insbesondere das Ende von "Max und Moritz" ist brutal. Die Beiden werden zu Korn gemahlen und das Federvieh pickt sie auf. Ist das zu drastisch und für Kinder nicht mehr zumutbar?

Wenn Sie sich Märchen oder andere Geschichten anschauen, dann sind die auch nicht besser. Es kommt darauf an, wie ein Buch rübergebracht wird. Denken Sie nur an "Struwwelpeter", der sogar für pädagogische Zwecke geschrieben wurde. Da steckt eine ganz andere Absicht hinter. Wer solche Geschichten in Verbindung mit Strafe bringt, kann Angst erzeugen. Da ist eine Erklärung nötig, dass das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.

Ich erinnere mich an Konrad, den Daumenlutscher in "Struwwelpeter". Ich hatte als Kind nach dem Vorlesen Angst um meine Daumen.

Wenn Eltern das benutzen und heute sagen "Das kann Dir auch passieren", dann wird das heute denselben Effekt haben. Auch in modernen Büchern gibt es so etwas. Ich habe viel mit Trauerbegleitung zu tun. In solchen Büchern heißt es dann "er schlief ein". Danach haben Kinder Angst vor dem Einschlafen.

In "Die kleine Hexe", "Pippi Langstrumpf" und "Jim Knopf" kommen wie selbstverständlich "Neger" vor, heutzutage eine eindeutig rassistische Bezeichnung. Sind solche Bücher deswegen schlecht oder kommt es auch hier darauf an, wie es rübergebracht wird?

Man kann nicht die komplette Weltliteratur rückwirkend umschreiben. Damals, als die Bücher entstanden sind, hatte das Wort keinen negativen Beigeschmack. Und man kann Kindern erklären, dass man heute solche Worte nicht benutzt, weil das schlimm ist. Es ist nicht gut, die Geschichte zu verändern. Das geht im Nachhinein nicht.

Meinen Sie, dass Kinder das nachvollziehen können, dass es vor 30 oder 40 Jahren anders war, aber heute nicht mehr gut ist?

Das kommt auf das Alter an. Aber die Kinder, die solche Bücher vorgelesen bekommen, sind in einem Alter, in dem sie es verstehen können.

"Pippi Langstrumpf" hat eine unterschwellige Botschaft, das Buch steht positiv für "starke, eigenwillige Kinder". Verstehen Kinder diese Botschaft?

Bei "Pippi Langstrumpf" ist das gar nicht so extrem. Da fallen mir eher die "Simpsons" ein, eine Serie, die ursprünglich für Erwachsene gemacht wurde. Da gibt es viele politische Anspielungen. Das können Kinder nicht verstehen.

Auch aktuell gibt es vieles Fragwürdiges, was Kinder lesen oder sehen. Was ist für Kinder gut, was nicht?

Da geht es um die Diskussion über Gewaltvideos. Man hat nachgewiesen, dass das zu einer Abstumpfung führt. Kinder sollten unterscheiden können, was Fiktion und was Wirklichkeit ist. Gerade Kinder mit hoher Aggressionsbereitschaft stumpfen durch solche Sachen ab. Exzesse wie beim Mobbing stehen womöglich damit in Zusammenhang.

Dr. Christiane Wempe arbeitet in Mannheim in ihrer Praxis als Diplom-Psychologin sowie als Kinder- und Jugendtherapeutin.
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