Die Wissenschaftlerin Isabell Winkler von der TU Chemnitz hat erforscht, welche Faktoren bei Menschen die Zeitwahrnehmung beeinflussen. Auch Smartphones spielen dabei eine Rolle.

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Frau Winkler, gefühlt vergeht die Zeit in vergleichbaren Situationen manchmal langsamer und manchmal schneller. Woran liegt das?

Isabell Winkler: Nehmen wir ein Beispiel: Sie warten an einer Haltestelle auf einen Bus. Wenn Sie dabei auf die Zeit achten, beispielsweise immer wieder auf die Uhr schauen, wird Ihnen die Wartezeit deutlich länger vorkommen. Dagegen wird Ihnen das Warten bei jeder Art von Ablenkung kürzer vorkommen.

Hat auch das ständige Schauen auf das Smartphone Einfluss auf unser Zeitempfinden?

Ja, weil man sich dadurch ablenkt. Und das Smartphone ist eine einfache Möglichkeit, sich effektiv abzulenken.

In Zeiten ohne Smartphone war das vermutlich deutlich schwieriger. Da musste man Langeweile häufiger aushalten können. Oder man war achtsamer und richtete seine Aufmerksamkeit stärker auf die Geschehnisse in der Umgebung.

Ablenkung lässt also die Zeit gefühlt schneller verstreichen. Gibt es noch andere Faktoren?

Ein anderer Faktor neben der Aufmerksamkeit auf die Zeit ist das sogenannte Arousal, also körperliche oder emotionale Aktivierung. Ist jemand sehr aktiviert, muss er oder sie beispielsweise schwere Einkaufstüten die Treppe hochtragen, kommt der Person die Dauer länger vor. Man erklärt das so, dass ein hohes Arousal dazu führt, dass unsere innere Uhr mehr Takte produziert.

Was haben Takte mit der Zeitwahrnehmung zu tun?

Wenn die Aufmerksamkeit auf der Zeit liegt, dann ist das Zeitempfinden intensiver. Vereinfacht erklärt könnte man sagen, dass die jeweilige Person dann jeden Zeittakt registriert.

Wenn man aber beispielsweise einen Film schaut, etwas liest oder sich anderweitig vom Fokus auf die Zeit ablenkt, dann gehen Takte der inneren Uhr verloren und man schätzt dieselbe Dauer kürzer ein.

Kommt einem auch der Fußballabend im Nachhinein kürzer vor als der Zahnarztbesuch?

Ja, beim Zusammensein mit anderen vergeht die Zeit gefühlt oft wie im Fluge, wie man so schön sagt. Und beim Zahnarzt wünscht man sich, die Zeit möge schnell vergehen. Das beeinflusst das Zeitwahrnehmen.

Wie beeinflussen unsere Erwartungen an die Dauer eines Ereignisses die Wahrnehmung?

Auch unsere Erwartungen, wie lang etwas dauern sollte, beeinflusst unser Zeitempfinden. Wenn eine Zeitspanne länger ist, als wir erwartet haben, kommt uns deren Dauer übermäßig lang vor. Dauert es dagegen etwas kürzer als gedacht, scheint die Zeit verflogen zu sein und wird als positiver wahrgenommen.

Wenn wir also das nächste Mal jemandem sagen, wir sind in fünf Minuten an einem vereinbarten Treffpunkt, schaffen es aber erst in 15 Minuten, hat das vermutlich spürbar negativere Konsequenzen als von Anfang an eine genauere Schätzung mitzuteilen.

Wie ist das mit Musik? Vergeht die Zeit schneller, wenn man Musik hört?

Das hängt davon ab, ob man die Musik mag. Wenn man sie mag, dann vergeht die Zeit gefühlt schneller. Wenn man die Musik nicht mag, kann es sein, dass einem die Zeit länger vorkommt.

Menschen mögen unterschiedliche Musik, deshalb ist es schwierig, zum Beispiel für Warteschleifen am Telefon oder in Kaufhäusern die richtige Musik für alle zu finden.

Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Zeit in der Kindheit langsamer vergeht als im Erwachsenenalter. Woran liegt das?

Das muss man differenziert betrachten. So gibt es keine Altersunterschiede, wenn Kinder oder Erwachsene Zeit zum Beispiel in Laborexperimenten schätzen sollen. Die Altersunterschiede im Zeitempfinden sind ein retrospektives Phänomen, also rückblickend in der Erinnerung auftretend.

Als Kind erleben die Menschen viele Dinge zum ersten Mal. Sie werden sie im Gehirn speichern, weil sie ungewöhnlich und neu sind. Sie haben also für diese Zeit langfristig mehr Gedächtnisinhalte.

Bei einem Erwachsenen passieren nicht mehr so viele Dinge zum ersten Mal. Außerdem haben die Menge an Routinen und der empfundene tägliche Zeitdruck Auswirkungen auf das Zeitempfinden: Sie beschleunigen es.

Was sollten wir dann als Erwachsener anders machen?

Am einfachsten zu sagen wäre, viel Neues erleben. Weg vom Zeitdruck, mehr Achtsamkeit auf die Dinge um einen herum legen und raus aus Routinen.

Aber gerade der letzte Punkt ist auch mit Kosten verbunden. Denn die täglichen Routinen geben Sicherheit, sie können das Leben effizienter machen, mit ihnen kann man den Alltag oft besser bewältigen. Aus ihnen auszubrechen, ist aufwendig und kann auch unangenehm sein.

Vielleicht wäre kurzfristig ein Mittelweg ideal. Beispielsweise könnte man versuchen, sich privat möglichst viele neue Erlebnisse zu schaffen, im Berufsleben aber seine Routinen beizubehalten.

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Spielt es eine Rolle, dass Kinder und Erwachsene unterschiedlich Stress ausgesetzt sind?

Das spielt auch eine Rolle. Wir haben im Jahr 2017 eine Studie publiziert, im Rahmen derer wir 500 Personen rückblickend zu ihrem Zeitempfinden über Abschnitte von jeweils fünf Jahren befragt haben – von der Kindheit bis zu ihrem aktuellen Lebensalter. Wir haben auch gefragt, wie viel Stress und wie viel Routinen sie in dem jeweiligen Zeitabschnitt hatten, wie viele neue Ereignisse sie erlebt haben.

Das Ergebnis war einerseits: Wenn Menschen viele Erinnerungen an neue Lebensereignisse in der jeweiligen Lebensphase hatten, kam ihnen die Zeitspanne länger vor. Aber andererseits auch: Wenn Sie in dieser Phase hingegen viel Stress verspürten und die Phase stark aus Routinen bestand, kam ihnen die Zeitspanne kürzer vor.

Vergeht die Zeit im Alter dann immer schneller?

Nicht in jedem Fall. Es gibt Untersuchungen in Seniorenheimen. Dort hat man die Zeitwahrnehmung von Senioren, die sozial eingebunden waren, mit solchen Senioren verglichen, die sozial wenig eingebunden waren. Das Ergebnis war, dass sich die Zeitwahrnehmung bei Senioren, die weniger sozial eingebunden waren, wieder verlangsamt.

Bei Menschen mit vielen Freunden vergeht die Zeit schneller, bei guter Musik und Ablenkung ebenfalls. Geht es den Menschen also besser, wenn die Zeit schneller vergeht?

Einige Studien deuten darauf hin. Beispielsweise sollten Probanden in einem Test Aufgaben lösen. Für eine Gruppe wurde eine Uhr so manipuliert, dass sie schneller lief.

Diese Teilnehmer schätzten die Situation im Vergleich zu einer anderen Gruppe, in der die Uhr in normaler Geschwindigkeit lief, als angenehmer ein. Aber ob diese Ergebnisse aus einer künstlichen Umgebung auf den Alltag übertragbar sind, ist nicht leicht zu beantworten.

Noch eine letzte Frage: Was ist eigentlich Zeit?

Dazu gibt es viele Definitionen, und sie sind von Fach zu Fach unterschiedlich - in der Physik anders als in der Philosophie.

Am einfachsten sagt man es mit den Worten des Philosophen Augustinus Aurelius: "Wenn mich niemand über die Zeit fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht." In der Psychologie beschäftigen wir uns aber eher mit der Wahrnehmung der Zeit.

Über die Expertin: Isabell Winkler arbeitet an der TU Chemnitz und hat zur Zeitwahrnehmung promoviert. Ihre Arbeit wurde von der Studienstiftung des Deutschen Volkes gefördert. Es gibt verschiedene Methoden, die menschliche Zeitwahrnehmung zu erforschen, darunter Online-Befragungen und Experimente im Labor.
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