• Alfred Nobel hat es seiner Nachwelt nicht leicht gemacht: Eine Formulierung in seinem Testament sorgt alljährlich für einen Spagat bei der Nobelpreis-Vergabe.
  • Diesmal steht vor allem eine Frage im Raum: Wird die Forschung rund um die mRNA-Impfstoffe im Kampf gegen Corona gewürdigt?

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Nichts hat die Welt seit dem Frühjahr 2020 so sehr durcheinandergewirbelt wie ein kleines, mit dem bloßen Auge nicht zu erkennendes Virus. Mit der ungewöhnlich schnellen Entwicklung der mRNA-Impfstoffe bekam die Welt aber schon Ende 2020 ein Mittel im Kampf gegen die Pandemie an die Hand.

Vor den am Montag (4. Oktober) beginnenden Bekanntgaben der diesjährigen Nobelpreisträger stellt sich nach 18 Monaten Pandemie deshalb die Frage: Ist es schon an der Zeit für einen Nobelpreis für die Forscherinnen und Forscher hinter dem wissenschaftlichen Durchbruch? Manche halten das für möglich - doch wie immer ist all das vorab nur Spekulation.

Alfreds Nobels Testament lässt alljährlich Gerüchteküche brodeln

Traditionell weiß niemand außerhalb der erlesenen Jurorenkreise in Stockholm und Oslo, wer für die Preise in den Kategorien Medizin, Physik, Chemie, Literatur, Frieden und Wirtschaftswissenschaften näher ins Auge gefasst wird. Die Spekulationen kochen dementsprechend jedes Jahr hoch - und das hat nicht zuletzt auch mit dem Wortlaut der Vorgaben von Preisstifter Alfred Nobel (1833-1896) zu tun.

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Im Testament des Dynamit-Erfinders, auf das die Nobelpreise zurückgehen, findet sich nämlich die berühmte Formulierung:

Dieser Satz werfe eine Spannung zwischen Aktualität und der Gründlichkeit bei der Auslese der Preisträger auf, sagt der Stockholmer Chemie-Professor Gunnar von Heijne, der bis zum vergangenen Jahr fast zwei Jahrzehnte lang im Auswahlgremium des Chemie-Nobelpreises gesessen hat.

"Die Nobelkomitees und die Vergabe-Institutionen ringen seit 120 Jahren mit diesem unvereinbaren Wunsch von Nobel", sagt von Heijne. Unvereinbar deshalb, weil man bereits im Jahr nach einer Entdeckung kaum entscheiden könne, ob diese tatsächlich einen großen - oder gar den größten - Nutzen für die Menschheit gehabt habe. Vielmehr müssten die Durchbrüche erst reifen, ehe man ihre ganze Tragweite erkenne.

Wie die Jury versucht, Nobels Formulierung gerecht zu werden

Die Komitees haben jedoch einen Weg gefunden, den Spagat zu meistern: "Preise werden an Dinge mit aktuellem Bezug vergeben, aber sie ehren oft Entdeckungen, die vor langer Zeit gemacht wurden. Diese Entdeckungen zeigen heute erst ihre Bedeutung", sagt von Heijne. Erst nach 10, 20 Jahren könne man oft sagen, ob etwas der Menschheit wirklich außerordentlich nützlich gewesen ist - das mache Nobels Preise unter anderem so einzigartig und besonders, findet der Professor der Stockholmer Universität SU.

Ein gutes Beispiel für einen solchen Spagat war unter anderem der Physik-Nobelpreis 2017: Dieser zeichnete den Nachweis von Gravitationswellen kosmischen Ursprungs aus, die erst 2015 mit Detektoren direkt gemessen werden konnten. Ein zum Zeitpunkt der Preisvergabe hochaktuelles Thema also - doch die ausgezeichneten Physiker hatten dazu bereits Mitte der 70er-Jahre geforscht, wie Nobel-Experte von Heijne unterstreicht.

Besonders schnell für Stockholmer Verhältnisse ging es im vergangenen Jahr bei der Auszeichnung der Biochemikerinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna: Sie erhielten den Chemie-Nobelpreis für die Entwicklung einer Gen-Schere zur gezielten Erbgut-Veränderung - eine Arbeit, die sie erst acht Jahre zuvor vorgestellt hatten. Das Potenzial dieser Entdeckung habe man bereits damals gesehen, sagt von Heijne. "Aber Potenzial ist nicht genug. Es muss erst seinen Wert für die Menschheit beweisen."

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Bleibt also abzuwarten, was ab Montag in Stockholm verkündet wird: Erst werden die Preisträgerinnen und -träger in Medizin/Physiologie benannt, dann folgen von Dienstag bis Donnerstag Physik, Chemie und Literatur. Übrigens: Bei den Buchmachern gilt wie im vergangenen Jahr die Weltgesundheitsorganisation WHO als Top-Favorit - allerdings nicht auf einen der wissenschaftlichen Preise, sondern auf den Friedensnobelpreis. (Steffen Trumpf, dpa/af)

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