Die Ereignisse von Köln scheinen viele Vorurteile zu bestätigen. Rechtsextremismus-Expertin Beate Küpper sieht eine Doppelmoral in der öffentlichen Debatte und warnt vor einer Zunahme rechter Gewalt: Die kollektive Wut könnte auch bisher unauffällige Menschen enthemmen.

Die Vorfälle von Köln sind eine Steilvorlage für die Rechten: Menschen nordafrikanischer Abstammung sollen für massive Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof verantwortlich sein.

Zu den Anzeigen gehören auch sexuelle Belästigungen bis hin zu zwei Vergewaltigungen. Die Kommunikation von Polizei und Politik lief völlig schief, auch die Medien haben Fehler gemacht.

Köln: Opposition bezeichnet Jäger als "Problem".

Obwohl immer noch nicht ganz klar ist, was an Silvester wirklich geschah, ist das Urteil schon längst gefallen. "Wir schieben es auf kulturelle Hintergründe. Es passt so perfekt zu unserem alten, tiefsitzenden Vorurteil", sagt Beate Küpper.

Die Konfliktforscherin und Rechtsextremismus-Expertin an der Hochschule Niederrhein beobachtet in der Debatte, dass "die Schleusen zum offenen Rassismus geöffnet sind".

Eine scheinheilige Debatte

Vergessen wird dabei: Der Großteil der sexuellen Übergriffe passiert zu Hause. Jede vierte Frau in Deutschland hat nach einer Studie von 2004 schon einmal von ihrem Beziehungspartner körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren, unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund.

Erst sieben Jahre zuvor, 1997, wurde Vergewaltigung in der Ehe überhaupt erst ein Straftatbestand. "Wir tun jetzt so, als ob patriarchale Strukturen unserer Gesellschaft unbekannt wären", meint Küpper.

So ging in der hitzigen Diskussion um Köln auch die Meldung unter, dass jeder Dritte von den Regensburger Domspatzen Opfer von Gewalt wurde, darunter sexueller Missbrauch.

Es geht um rund 700 Kinder – deutlich mehr als zunächst angenommen. Es ist kein Einzelfall in der Katholischen Kirche, doch die öffentliche Empörung blieb aus.

Mehrheit schätzt Migranten nach Vorfällen in Köln nicht kritischer ein.

"Da sehen wir, mit welcher Selbstgerechtigkeit und doppeltem Standard diskutiert wird", mahnt Küpper. "Ich weiß, dass das jetzt keiner gerne hört: Aber die Täter gehören in genau den gleichen Topf." Hier wie dort nehmen sich die Täter das Recht heraus, sich an Schwächeren zu vergreifen.

Kulturelle Unterschiede werden überbetont, aus Bequemlichkeit, und auch wegen eines Wahrnehmungsfehlers: Verfehlungen bei uns selbst schieben wir auf externe Faktoren.

Dieselben Verfehlungen in einer als fremd empfundenen Gruppe schreiben wir tieferen Ursachen zu, wir sehen sie als Teil des Gruppencharakters.

Expertin Küpper warnt vor "kollektiver Wut"

Die Gewalt gegen Menschen, die als ausländisch empfunden werden, könnte nach Meinung der Expertin bald zunehmen. Jüngste Umfragen in der Bevölkerung zeigen, dass es zwischen Rechtspopulisten und Rechtsextremisten kaum noch Grenzen gibt, berichtet Küpper.

Deswegen soll Staat Asylbewerbern vorschreiben, wo sie wohnen müssen.

Wer typische rechtspopulistische Denkmuster aufweist, also Ausländer abwertet, Demokratie ablehnt und autoritär denkt, neigt auch deutlich stärker zu einer Befürwortung von Gewalt.

"Das kann sich aufladen zu einer kollektiven Wut und das macht das Ganze so gefährlich", warnt Küpper.

Das könnte auch Menschen enthemmen, denen es zuvor nicht zugetraut wurde. "Wir wissen aus der Forschung, dass diejenigen, die tatsächlich Gewalt ausüben, sich auf eine gefühlte Mehrheitsmeinung berufen", erklärt die Forscherin.

Soziales Umfeld spielt wichtige Rolle

In bestimmten Situationen könnte dann die Gewalt eskalieren. Nicht zufällig geschehen solche Taten oft in großer Überzahl. Am Sonntagabend prügelten in der Kölner Innenstadt zwanzig Angreifer auf sechs Pakistaner ein und fünf gegen einen Syrer.

In einer Gruppe von Gleichgesinnten sinke die Hemmschwelle, oft auch durch Alkohol, erklärt die Konfliktforscherin. Hinzu komme Anonymität, durch Vermummung und das Verschwinden in der Masse oder in der Dunkelheit.

Nach Attacken in Köln blicken USA mit Sorge auf Bundesrepublik.

Trotz Willkommenskultur gab es auch schon im vergangen Jahr einen rasanten Anstieg der Gewalt gegen Asylbewerber. Folgt auf Köln jetzt eine Welle der Gewalt gegen Flüchtlinge?

Ähnliches geschah in Deutschland zuletzt in den 1990er Jahren. Der damals offene Fremdenhass und zahlreiche Ausschreitungen gegen Asylbewerberheime führten später auch zum Rechtsterrorismus des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).

Küpper warnt vor einer sich radikalisierenden Szene, in der sich Täter von ihrem Umfeld ermutigt und abgesichert fühlen.

Im vergangenen Jahr konnten Haftbefehle gegen 350 Täter aus der rechtsextremen Szene nicht ausgeführt werden, weil diese untergetaucht waren.

"Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir nicht in die 1990er Jahre zurückfallen und die Pogromstimmung noch weiter anheizen!"

Was die Politik jetzt leisten muss

Übergriffe wie in Köln sollen sich nicht wiederholen.

Was kann getan werden, um eine völlig überhitzte Debatte zu beruhigen? Was sind die echten Probleme und was ist Hysterie?

Küpper warnt vor schnellen Parolen nach Abschiebungen und Gesetzesverschärfungen. Die Lage am Kölner Hauptbahnhof war sehr unübersichtlich, es brauche Zeit, sie zu analysieren.

"Wir müssen die Deutung durchbrechen, dass es sich hierbei um für uns vollkommen kulturfremde Verhaltensweisen handelt", fordert die Konfliktforscherin.

Die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau muss erst gelernt werden, das gilt für alle Menschen in Deutschland.

"Es ist wichtig, jungen Migranten zu vermitteln: Ihr gehört zu unserer Gesellschaft und wir bieten euch eine Perspektive. Dafür müsst ihr euch an die Spielregeln halten", meint Küpper.

Das funktioniere aber nur über Sozialarbeit, wie bei anderen problematischen Gruppen auch.

Prof. Dr. Beate Küpper gehört zu den führenden Experten für Rechtsextremismus in Deutschland. Sie lehrt und forscht an der Fakultät für Sozialwesen der Hochschule Niederrhein.