Julian Assange, Chelsea - ehemals Bradley - Manning und Edward Snowden: Nach den aufsehenerregenden Enthüllungen über die Machenschaften von NSA, Militär und anderen Organisationen ist den meisten Deutschen "Whistleblowing" - die Veröffentlichung geheimer Daten, um auf Missstände in Behörden und Firmen aufmerksam zu machen - ein Begriff. Doch was ist aus den Menschen geworden, die - je nach Sichtweise - für manche als Geheimnisverräter und für andere als Helden gelten? Eine Spurensuche.

Julian Assange

Recht still ist es inzwischen um den Mann geworden, der als Mitgründer von WikiLeaks mit seiner Plattform die Kunst des Whistleblowing auf eine neue Stufe gestellt hat: Julian Assange. Innerhalb weniger Jahre gelangen ihm und seinem Team gleich eine ganze Reihe aufsehenerregender Veröffentlichungen, die vor allem bei US-Behörden für viel Unmut sorgten. Zwar ist der gebürtige Australier einer Strafverfolgung bisher entgangen, frei ist er dennoch nicht. Zur Erinnerung: 2006 war WikiLeaks als bis dahin größte Whistleblower-Website an den Start gegangen. Einer der Höhepunkte war die Veröffentlichung umfangreicher Militärakten durch den damaligen US-Militärangehörigen Bradley Manning.

2010 wurde schließlich bekannt, dass in Schweden ein Haftbefehl gegen Assange wegen des Verdachts auf Vergewaltigung vorliegt. Bereits seit fast zwei Jahren, seit Juni 2012, sitzt der gebürtige Australier deshalb in der Botschaft von Ecuador in London fest. Sobald er sein Asyl verlässt, drohen ihm die Auslieferung und ein Gerichtsverfahren.

Ebenfalls 2012 wurde bekannt, dass Assange als Parlamentsmitglied in Australien kandidieren wollte, weil er so eine Strafverfolgung umgehen könne. Daraus wurde nichts. 2014 geriet er abermals in die Schlagzeilen, weil der Ghostwriter Andrew O'Hagan seine Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit Assange veröffentlichte. Der Autor hatte insgesamt 50 Stunden die Memoiren des Australiers aufgezeichnet, am Ende ließ Assange das Projekt jedoch platzen.

Neben Schweden sind auch die USA an einer Auslieferung Assanges interessiert, eine offizielle Anklage liegt jedoch nicht vor. Wie lange der Australier noch seine Zeit im goldenen Käfig des ecuadorianischen Asyls verbringen muss, ist offen.

Seinen bisher letzten großen Auftritt hatte der umstrittene Internet-Rebell im März 2014 auf der Musik-Convention "South by Southwest" (SXSW) in Austin (Texas, USA). Freilich ohne persönlich anwesend zu sein - seine Rede hielt Assange per Live-Schaltung.

Chelsea - ehemals Bradley - Manning

Eine der ungewöhnlichsten und gleichsam tragischsten Figuren unter den Whistleblowern ist Chelsea Manning, die ihre 35-jährige Haftstrafe 2013 noch als Bradley Manning angetreten hatte. Der IT-Spezialist Bradley Manning hatte seinerzeit für einen Eklat gesorgt, als er der Website Wikileaks im Mai 2010 Hunderte geheime Daten des US-Militärs, vor allem über die Kriege in Irak und Afghanistan, zur Veröffentlichung zuspielte.

Mitte 2013 wurde der US-Amerikaner schließlich unter anderem wegen Spionage zu der langen Freiheitsstrafe verurteilt. Etwa einen Monat später erklärte Manning, sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen zu wollen. 2014 wurde ihr Antrag auf Namensänderung in "Chelsea" offiziell anerkannt.

An ihren grundlegenden Lebensumständen und den Haftbedingungen ändert das nichts. Bei dem verhängten Strafmaß ist laut amerikanischem Recht frühestens nach etwa zehn Jahren eine Entlassung auf Bewährung möglich. Wegen der menschenverachtenden Haftumstände im Militärgefängnis Quantico waren ihr zudem etwa dreieinhalb Jahre Gefängnis erlassen worden. Am Ende der Verhandlung hatte sich Manning für ihre Taten entschuldigt. Nach der momentanen Lage könnte sie frühestens 2020 auf freien Fuß kommen.

Edward Snowden

Die Enthüllungen mit der größten Reichweite und Sprengkraft wurden bisher zweifellos von dem US-amerikanischen Ex-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden veröffentlicht. Nur scheibchenweise erfährt die Öffentlichkeit seitdem vom ungeheuren Ausmaß der Überwachungstätigkeit, die vor allem unter Leitung der National Security Agency NSA vorgenommen wurde und wird.

Selbst Experten waren von dem bis dahin nur schwer vorstellbaren technischen Überwachungsapparat überrascht, den Snowden ans Licht zerrte. Die Überwachung des Handys von Bundeskanzlerin Angel Merkel und das Überwachungssystem PRISM waren nur zwei von vielen Skandalen, die Snowden aufdeckte.

Seit August 2013 befindet sich der Amerikaner in russischem Asyl an einem unbekannten Ort. Zahlreiche Petitionen aus verschiedenen Staaten fordern seitdem die Rehabilitation Snowdens. Sogar für den Friedensnobelpreis wurde er vorgeschlagen.

Die jüngste Ehrung wurde am 25. April 2014 bekannt: Russlands größte Internetanbieter wollen der Moskau Times zufolge in Zukunft den "Edward Snowden online media award" vergeben - für besonders herausragende Journalisten.

Ob und wann Snowden jemals Russland verlassen kann oder ob er sogar die russische Staatsbürgerschaft beantragen wird, ist bis heute unklar. Ebenso wie die Antwort auf die Frage, wie lange er sich vor den Nachstellungen der US-Geheimdienste verstecken muss.

Whistleblowing: Ein Geschäft mit Tradition

Prinzipiell ist der Verrat von Geheimnissen, um Missstände in Behörden oder Unternehmen aufzudecken, vor allem in der US-Rechtsprechung kein neues Phänomen. Bereits im Juli 1778 wurde in den Vereinigten Staaten das erste Gesetz zum Schutz von Whistleblowern erlassen, nachdem durch die Aussage zweier Marineoffiziere bekannt geworden war, dass unter dem Kommando von Commodore Esek Hopkins britische Kriegsgefangene gefoltert wurden.

Die Kongress-Väter bezeichneten es damals als "Pflicht jedes Militärangehörigen und jedes US-Einwohners", alle Rechtsverstöße von US-Offizieren zu melden und an die Öffentlichkeit zu bringen. Dennoch wird die Rolle von Whistleblowern bis heute unterschiedlich beurteilt. Die Reaktionen reichen von Todesdrohungen wegen Verrats bis hin zu höchsten Ehrungen wegen des Mutes, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

In Deutschland gibt es bislang kein eigenständiges Gesetz zum Schutz von "Hinweisgebern" wie Edward Snowden, Julian Assange oder Chelsea Manning.