• Im Alltag ist dank der Corona-Impfung fast schon wieder so etwas wie Normalität eingekehrt.
  • Zahlreiche Menschen isolieren sich aber weiterhin trotz Impfschutz und meiden Begegnungen - das sogenannte "Cave-Syndrom".
  • Eine aktuelle Studie zeigt nun, wie viele Menschen betroffen sind - und welche Altersgruppe dabei besonders hervorsticht.

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Restaurants und Kinos sind offen, das Theater spielt vor vollem Haus und sogar Feiern im Club ist für Geimpfte und Genesene möglich - aber nicht alle Menschen fühlen sich wohl damit. Während einige die wiedergewonnenen Freiheiten genießen und andere eher vorsichtig bleiben, finden manche aus der erzwungenen Isolation gar nicht mehr zurück ins Leben.

Was vor der Pandemie normal war, erscheint für diese Menschen plötzlich befremdlich oder macht sogar Angst: Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, mit Kollegen im Büro sitzen, Kultureinrichtungen besuchen. Forschende untersuchen und diskutieren diese Verhaltensweisen unter dem Schlagwort "Cave-Syndrom".

Seit Beginn der Pandemie fragt auch das Team von Generationenforscher Rüdiger Maas am privaten Institut für Generationenforschung in Augsburg alle zwei Wochen mindestens 1.500 repräsentativ ausgewählte Menschen, wie sie die Corona-Pandemie erleben. Die Daten belegen seiner Einschätzung nach eindeutig, dass es ein solches "Cave-Syndrom" tatsächlich gibt.

Umfrage: Viele Menschen möchten ihren Pandemiealltag beibehalten

Im Sommer gab etwa ein Zehntel der Menschen ab 40 Jahren an, bestimmte Dinge aus den Lockdown-Zeiten zu vermissen. Knapp sieben Prozent der sogenannten Babyboomer (ab 56 Jahre) und etwa acht Prozent der Generation Y (26 bis 39 Jahre) wollten ihren Pandemie-Alltag sogar am liebsten beibehalten. Fast die Hälfte der unter 27-Jähringen fühlte sich im Sommer gestresst davon, die wiedergewonnene Freiheit ausleben zu müssen.

Seither haben sich die Zahlen nur geringfügig verändert, wie eine Langzeitauswertung zeigt. Einzige Tendenz: Im Laufe der Monate stimmten dem Satz "Ich fühle mich unter Druck gesetzt, viele Dinge zu unternehmen, wenn es wieder möglich ist" immer weniger junge Menschen zu. Die Zustimmungswerte bei Älteren hingehen stiegen an.

Junge Menschen und Kinder sind nach Maas' Einschätzung vom "Cave-Syndrom" besonders betroffen: Sie erlebten Corona in einer prägenden Phase, eineinhalb Jahre Kontaktbeschränkungen machten einen viel größeren Anteil ihrer Lebenszeit aus. Hinzu komme, dass junge Menschen ohnehin mehr Zeit im digitalen Raum verbringen. "Unabhängig von der Corona-Pandemie ist eine Zunahme extremer Formen des sozialen Rückzugs zu beobachten", sagt Maas. Die Digitalisierung untergrabe schon lange das Bedürfnis, Menschen zu treffen.

US-Studie: Soziale Begegnungen für die Hälfte der Befragten problematisch

Auch der Frankfurter Psychologe Ulrich Stangier forscht zum Thema: Wie viele Menschen in Deutschland vom Cave-Syndrom betroffen sind und warum, will er mit einer Online-Befragung an der Goethe-Universität herausfinden. Bisher gibt es solche Daten nur aus den USA. Die American Psychological Association hatte im Februar 2021 mehr als 3.000 erwachsene Amerikaner befragt. Dabei sagten 46 Prozent, dass sie sich nicht damit wohlfühlen, zu ihrem Alltag vor Corona zurückzukehren. 49 Prozent gaben an, dass es ihnen schwer fällt, zwischenmenschliche Begegnungen wieder zuzulassen.

"Social distancing" war das Schlagwort der Pandemie, physische Kontakte zu reduzieren das Gebot der Stunde. Was bis dahin stets positiv bewertet wurde - rausgehen, Menschen treffen - wurde zum Risiko und damit negativ besetzt. Der Belohnungswert zwischenmenschlicher Begegnungen sei hierdurch geringer geworden, erklärt Stangier. Kochen, Spazierengehen oder Filmeschauen traten an ihre Stelle. "Nach 18 Monaten haben wir uns daran gewöhnt, dass es wenig sozialen Austausch gibt", sagt Stangier. "Wir haben gelernt, Lust und Freude bei anderen Aktivitäten des Alltags zu empfinden."

Das "Cave-Syndrom" sei ein normales Phänomen, kein pathologisches, betont Stangier. "Es ist keine Krankheit, sondern eine vorübergehende Anpassungsreaktion." Stangier nennt es eine vorübergehende "soziale Anhedonie": das Unvermögen, Freude an sozialen Begegnungen zu empfinden. Dabei sei der Kontakt mit anderen Menschen eigentlich ein Grundbedürfnis: "Soziale Isolation ist für den Menschen ein starker Stressor", sagt der Psychologe.

Psychische Spätfolgen durch die Corona-Pandemie

Viele Expertinnen und Experten überrascht die neue Angst vor dem Miteinander nicht. Forschende der University of British Columbia warnten bereits im Jahr 2020 vor psychischen Problemen wie Angststörungen oder posttraumatische Belastungsstörungen als Folge der Pandemie.

Die American Psychological Association (APA) befragt seit 2007 einmal im Jahr Menschen in den USA zum Thema Stress. Die Ergebnisse der Umfrage des Psychologenverbands im Jahr 2020 verdeutlichten, wie sehr die Pandemie die Psyche vieler belastet. Unter dem Titel "Eine nationale Krise der mentalen Gesundheit" wurde die Befragung veröffentlicht.

Auch 2021 steht es um die mentale Gesundheit vieler US-Bürger nicht gut. Laut der aktuellen "Stress in America 2021"-Umfrage durch die APA gaben 49 Prozent der befragten Erwachsenen an, dass sie sich beim Gedanken an zukünftige soziale Interaktionen nach dem Ende der Pandemie nicht wohlfühlen – und das unabhängig vom Impfstatus. 48 Prozent der geimpften Teilnehmer bestätigten die Angst vor sozialen Kontakten. Bei 46 Prozent löst der Gedanke, nach der Corona-Pandemie wieder einen Lebensstil wie vor der Pandemie zu verfolgen, ein unbehagliches Gefühl aus.

Von Angst geleitet – verändert Corona die Gesellschaft?

Auch ein Team der Universitäten Witten/Herdecke und Wuppertal untersuchte Angst als Schlüsselfaktor für Verhaltensänderungen in der Pandemie. Die Forschenden machen darauf aufmerksam, dass sich das Gesundheitsverhalten der Gesellschaft – also Verhaltensweisen, um die eigene Gesundheit nicht zu riskieren – aus Angst vor dem Coronavirus verändern kann. So würden etwa Operationen oder Vorsorgeuntersuchungen aus Angst verschoben. Dadurch steige das Risiko, anderweitig zu erkranken.

Doch ist die Angst vor dem Coronavirus auch dann noch berechtigt, wenn bereits ein Impfschutz besteht? Der Berliner Mediziner Ilker-Akgün Aydin, Facharzt für Allgemeinmedizin, erklärt: "Angst per se hat weder eine Berechtigung noch keine Berechtigung, da Angst ein Gefühl ist, das völlig irrational ist und keiner Logik und auch keiner Erklärung folgt."

Kann diese neue Grundangst zu weiteren Krankheiten führen, etwa zu stressbedingten Erkrankungen? "Es ist nicht davon auszugehen, dass solche Ängste zu stressbedingten Erkrankungen führen. Es ist eine natürliche Reaktion auf einen Zustand, in dem Nähe gleich Krankheit oder Tod suggeriert wurde. Das verfestigt sich kurzfristig in unserem Gehirn, ist aber auch reversibel."

Können wir uns also genauso an die neue Normalität nach der Pandemie gewöhnen, wie wir uns 2020 beispielsweise an das Tragen von Masken gewöhnt haben? "Genau, so wird das sein. Menschen, die etwas ängstlicher oder unsicherer sind, die wird es wahrscheinlich etwas mehr betreffen. Je normaler sich das Umfeld bewegt und lebt, desto einfacher wird es auch für diese Menschen sein, ins normale Leben zurückzukehren", erläutert Aydin.

Umarmungen gegen den Stress

Aber wie sieht es aus, wenn die Angst sich dauerhaft manifestiert? Ab wann sollten Betroffene sich helfen lassen? Der Facharzt erklärt: "Man muss sich nach einigen Wochen nicht als kranker Mensch fühlen oder in Panik verfallen. Wer jedoch über einen längeren Zeitraum subjektiv einen hohen Leidensdruck verspürt, kann sich immer ärztliche, psychologische oder psychiatrische Hilfe holen. Das wird wahrscheinlich eher in den wenigsten Fällen so sein. Ich denke nicht, dass uns das nachhaltig in die Isolation führt. Das wäre auch sehr schade, denn soziale Distanz entspricht ja nicht unserer Natur."

Eine größere Gefahr für die Gesundheit befürchtet der Mediziner eher durch dauerhafte Einsamkeit. Denn diese, so Aydin, mache nachweislich krank. "Neben der emotionalen Nähe brauchen wir auch die taktile Nähe. Wir müssen uns auch anfassen, fühlen, hören, schmecken und riechen. Das macht uns als Herdentier ja auch aus. Das negativ besetzte Gefühl von Einsamkeit erhöht das Risiko für verschiedene Erkrankungen, dazu gibt es sehr viele Studien."

Dass durch Umarmungen Hormone wie das beruhigend und stressreduzierend wirkende Oxytocin ausgeschüttet werden, ist längst nachgewiesen. Wer während der Corona-Pandemie also eine gewisse Angst vor Nähe entwickelt hat und eher mit gemischten Gefühlen an die Zukunft unter Menschen denkt, sollte sich vielleicht an das Kuschelhormon Oxytocin erinnern. (Aktualisierung: tar)

Verwendete Quellen:

  • Studie des Instituts für Generationenforschung: Ist die Rückkehr zur Normalität überhaupt noch möglich?
  • University of British Columbia/Canadian Mental Health Association: Mental health impacts of Covid-19: Wave 2
  • Studie der American Psychological Association: Stress in America
  • Goethe-Universität Frankfurt am Main: Studie zum "Cave-Syndrom"
  • Material der dpa
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