• Der Hospitalisierungsindex soll eine bessere Einschätzung der Corona-Lage ermöglichen.
  • Mehrere Medien rechneten in den vergangenen Wochen vor, wie der neue Indikator für die Corona-Politik die Lage dramatisch unterschätzt.
  • Das ist ein Problem, denn ausgerechnet dieser Wert dient nun als Grundlage für strengere Maßnahmen.

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Die Corona-Zahlen steigen in Deutschland weiterhin an. Am 18. November hat die Ministerpräsidentenkonferenz deshalb neue Schwellenwerte beschlossen, ab denen strengere Maßnahmen gelten sollen. Grundlage dafür ist der Hospitalisierungsindex.

Diese Hospitalisierungsrate ist in der Vergangenheit allerdings vielfach kritisiert worden, weil sie das Infektionsgeschehen systematisch verzerrt: Die angegebenen Werte des Robert-Koch-Instituts (RKI) fallen niedriger aus, als sie tatsächlich sind.

Was gilt aktuell?

  • Ab einem Schwellenwert von 3 soll flächendeckend die Regel 2G gelten. Zugang zu etwa Freizeitveranstaltungen, gastronomischen Einrichtungen, körpernahen Dienstleistungen und Beherbergungen haben dann nur noch Genese und Geimpfte.
  • Ab einem Schwellenwert von 6 soll in vielen Bereichen 2G plus gelten. Dies ist insbesondere relevant für Orte, an denen das Infektionsrisiko hoch ist, weil viele Personen anwesend sind und Hygienemaßnahmen schwer einzuhalten sind, also ganz besonders in Clubs, Diskotheken und Bars. Dort sollen dann nur Geimpfte und Genese mit einem negativen Testergebnis Zugang haben.
  • Ab einem Schwellenwert von 9 sollen die Länder weitere Möglichkeiten für strengere Maßnahmen auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes umsetzen. Diese sind bislang nicht näher festgelegt.

Was ist die Hospitalisierungsrate genau?

Die Hospitalisierungsrate gibt an, wie viele Patienten, die positiv auf das Coronavirus getestet worden sind, innerhalb der vergangenen sieben Tage in eine Klinik aufgenommen worden sind – berechnet auf 100.000 Einwohner. Diese Berechnung ist nötig, um die Raten bundesweit vergleichbar zu machen, unabhängig von absoluten Fall- und Einwohnerzahlen der jeweiligen Regionen.

Das heißt konkret: Wenn die Rate bei fünf liegt, sind in den vergangenen sieben Tagen je 100.000 Einwohner fünf Personen mit positivem Corona-Test in ein Krankenhaus aufgenommen worden.

Was wird an der Hospitalisierungsrate kritisiert?

An der Hospitalisierungsrate wird kritisiert, dass sie zwar einerseits als Grundlage für Entscheidungen dienen soll, andererseits aber die aktuelle Situation in den Krankenhäusern systematisch unterschätzt.

Darauf wies zunächst der SWR hin, auch Spiegel, Zeit Online und der NDR haben entsprechende Berechnungen durchgeführt.

Was genau ist das Problem?

Kritisiert wird im Detail, dass für die Berechnung nicht das Datum der Klinikeinweisung zugrunde gelegt wird, sondern das Datum des ersten positiven Tests. Viele COVID-Patienten müssen aber nicht zu Beginn der Erkrankung in einer Klinik versorgt werden, sondern erst nach einigen Tagen oder sogar Wochen.

Ein fiktives Beispiel: Thomas K. wird am 27.9. positiv auf das Coronavirus getestet. Am 6.11. hat sich sein Zustand so stark verschlechtert, dass er in ein Krankenhaus aufgenommen wird. Dieses meldet die Einweisung nun per Fax ans Gesundheitsamt, welches die Daten ans RKI weitergibt – im Detail das Datum, an dem Thomas K. positiv getestet worden ist.

Thomas K. würde also aus der aktuellen Sieben-Tage-Rate herausfallen und rückwirkend dem 27.9. zugeordnet werden. Das spiegelt aber nicht die aktuelle Situation in den Krankenhäusern wider, die damit unterschätzt wird: Die haben nicht am 27.9. ein Problem gehabt, wenn Thomas K. rückwirkend in der Statistik auftaucht, sondern gegebenenfalls am Tag der Einweisung am 6.11., sofern dann der Platz knapp wird.

Wie sieht das in konkreten Zahlen aus?

Laut Zeit Online liegt der tatsächliche Hospitalisierungsindex im Durchschnitt um rund 79 Prozent höher als der Wert, den das RKI zunächst angegeben hat. Das hat Zeit Online in einer rückblickenden Datenanalyse vom 2. bis zum 27. August 2021 ermittelt. Sehr groß war die Abweichung demnach etwa am 23. August: Das RKI hatte zunächst 1,28 Hospitalisierungen je 100.000 Einwohner gemeldet. Später lag dieser Wert aber bei 2,5, war also fast doppelt so hoch.

Auch der Spiegel hat eine ähnliche Berechnung angestellt. Er kommt auf Werte, die rund 70 Prozent über dem ursprünglich gemeldeten Wert liegen.

Wie kommt es dazu?

Wenn es wegen COVID-19 zu einer Einweisung in ein Krankenhaus kommt, liegt der Coronatest meist schon etwas zurück. Die Fälle werden entsprechend des Testdatums zugeordnet, das oft an einem der vorherigen Tage oder sogar Wochen liegt.

Das RKI berücksichtigt das zwar und korrigiert die Werte nachträglich. Diese Daten fallen aber oft gar nicht mehr auf – in den Nachrichten geht es in der Regel um den aktuellen Wert, an dem sich mutmaßlich auch die politischen Entscheidungsträger orientieren. Die aktuelle Kurve sieht fast immer so aus, als würde sie sinken und als sei Entspannung in Sicht. Das liegt aber nur daran, dass noch Nachmeldungen fehlen und die Daten erst nachträglich entsprechend angepasst werden.

Der Rechenweg, den das RKI nutzt, ist nicht grundsätzlich falsch – er zeigt allerdings nur zuverlässige, belastbare Daten an für Zeiträume, die bereits zurückliegen. Das heißt konkret, dass der tagesaktuelle Inzidenzwert niedriger ausfällt, als er tatsächlich ist – und dann in den kommenden ein bis zwei Wochen nachträglich ansteigt und korrigiert wird, wenn Patienten ins Krankenhaus kommen, die in der Vergangenheit positiv getestet worden sind.

Warum ist das ein Problem?

Auch wenn die Daten nachträglich korrigiert werden – in einer Pandemie ist entscheidend, Entscheidungen auf Basis aktueller Daten zu fällen, um schnell auf aktuelle Entwicklungen reagieren zu können. Wichtig wäre insbesondere ein Frühwarnsystem, wenn eine Überlastung in den Krankenhäusern droht. Dass sich die Ministerpräsidentenkonferenz nun ausgerechnet auf den Hospitalisierungsindex als Indikator festgelegt hat, ist deshalb vielfach kritisiert worden.

Es gibt beim Hospitalisierungsindex zudem ein Problem damit, wie die Daten auf der Seite des RKI dargestellt werden: In den COVID-19-Trends sieht es zumindest auf den ersten Blick so aus, als ginge die Zahl der Krankenhauseinweisungen zurück. Das bedeutet aber nicht, dass die Zahlen tatsächlich sinken – sondern nur, dass die Daten noch unvollständig sind. Die aktuellen Werte sind deshalb mit vergangenen Werten eigentlich gar nicht vergleichbar.

Welche Alternativen gibt es?

Präziser könnte der Index ausfallen, wenn man das Datum der Einweisung als Grundlage nähme, um aktuellere Daten zu nutzen. Großbritannien beispielsweise ermittelt seinen Index auf diese Weise. Geschickt wäre dann, die Daten der vergangenen vier Tage nicht zu berücksichtigen, wie Großbritannien es macht, da die Angaben aus den Kliniken unvollständig sein können, weil die Daten manchmal verzögert gemeldet werden.

Sinnvoll wäre es zudem, die Ursache für die zunächst immer zu niedrig angegebenen Werte zu bekämpfen: Die liegt neben dem Abstand zwischen dem positiven Test und der Einlieferung ins Krankenhaus darin, dass das Meldesystem nicht automatisiert ist.

Wie das besser funktionieren kann, zeigt etwa Niedersachsen: Das Land hat sich frühzeitig entschieden, parallel zum offiziellen Meldesystem ein eigenes, komplett digitales Meldesystem zu entwickeln. Der daraus ermittelte Hospitalisierungsindex dient im Land als Grundlage für Entscheidungen, nicht der offizielle Wert des RKI. Die Werte unterscheiden sich dabei deutlich: So gibt das RKI die Hospitalisierungsrate am 23. November 2021 für Niedersachsen mit 2,59 an, das Land selbst kommt mit den eigenen Berechnungen hingegen auf einen mehr als doppelt so hohen Wert von 5,7.

Was sagt das Robert-Koch-Institut dazu?

Das RKI begründet das Vorgehen auf Nachfrage damit, dass für jeden übermittelten Fall das Meldedatum vorliege, also das Datum, an dem es einen positiven Coronatest gab. Das Datum der Einweisung in ein Krankenhaus liege aber nicht immer vor. Den Meldeverzug, der zu der fälschlich abflachenden Kurve führt, bezeichnet das RKI als "nicht überraschend", verwies aber darauf, dass es bei den Trends einen optischen Hinweis dazu und eine Erläuterung gebe.

Tatsächlich sind dort die jeweils vergangenen 14 Tage grau unterlegt. Die Erläuterung dazu bekommt man allerdings erst, wenn man mit dem Mauszeiger über ein kleines "i" rechts oben geht. Dann heißt es: "Die letzten 14 Tage sind grau unterlegt, da durch Übermittlungsverzug die Werte in gewissem Maß unterschätzt werden können."

Um den Hospitalisierungsindex zu erstellen, habe das RKI "natürlich verschiedene Berechnungsmethoden überprüft". Mit dem gewählten Meldedatum könnten die Trends am zuverlässigsten abgebildet werden. Etwas mehr als die Hälfte der Einweisungen in ein Krankenhaus würden bereits am Tag der Meldung berichtet, "der Rest folgt in den nachfolgenden etwa drei Wochen", schreibt RKI-Pressesprecherin Susanne Glasmacher in ihrer Antwort. Auch wenn es noch viele Nachmeldungen gebe, gebe der tagesaktuelle Wert die Entwicklung grundsätzlich richtig wieder, nur eben auf niedrigem Niveau", heißt es weiter.

Wie geht es weiter?

Vorläufig bleibt die Hospitalisierungsrate in ihrer jetzigen Form bestehen. Inwiefern sie als Frühwarnsystem taugt, müssen die kommenden Monate zeigen.

Verwendete Quellen:

  • Schriftliche Antwort des Robert-Koch Instituts auf eine Anfrage
  • NDR.de: Hospitalisierungsrate unterschätzt Patientenzahlen dramatisch
  • Spiegel Online: Hospitalisierungsinzidenz: Der neue Coronaindikator führt in die Irre
  • Zeit Online: Die trügerischen Hospitalisierungsraten des RKI
  • GOV.UK: Coronavirus (COVID-19) in the UK Healthcare in United Kingdom
  • Webseite des Robert-Koch-Instituts
  • Bundesregierung: Videoschaltkonferenz der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder am 18. November 2021
  • Land Niedersachsen: Niedersachsen und Corona: Warnstufen und Leitindikatoren
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Hinweis: Der Absatz zur Berechnung der Hospitalisierungsrate war missverständlich formuliert, wir haben das korrigiert.

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