Die Corona-Beschränkungen werden immer weiter gelockert – trotzdem steigt die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland nicht. Es gibt fünf Gründe dafür.

Wolfram Weimer
Eine Kolumne
von Wolfram Weimer

Die Tageszahl der Neuinfektionen ist im Durchschnitt der vergangenen sieben Tage auf 500 gefallen. Anfang April waren es noch zehn Mal so viele. Der Erfolg in der Bekämpfung des Coronavirus ist verblüffend - und überrascht viele Virologen.

Vor allem weil die Zahlen weiter fallen, obwohl immer mehr Restriktionen der Corona-Bekämpfung immer rascher gelockert werden. Die Wirtschaft fährt die Produktion wieder hoch, Schulen füllen sich, Restaurants öffnen und Geschäfte haben alle wieder auf - auf die Infektionszahlen hat all das, entgegen vieler Mahnungen, keine negativen Auswirkungen.

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Fünf Gründe, warum sich das Infektionsgeschehen positiv entwickelt

Es gibt fünf Umstände, die für die positive Entwicklung verantwortlich gemacht werden. Die Wissenschaft kann nicht beziffern, wie groß die Wirkung der jeweiligen Umstände ist, aber jede einzelne Maßnahme dürfte eine Dämpfungswirkung auf das Infektionsgeschehen haben.

Erstens: Die Deutschen halten sich trotz der Lockerungen in bemerkenswerter Weise an Abstandsregeln. Damit verhindern sie durch kollektive Disziplin einen größeren Neuausbruch. Die sogenannte Reproduktionszahl war schon vor den weitreichenden Beschränkungen stark gesunken. Aus Sorge vor einer Ansteckung sind die meisten Deutschen also schon seit Mitte März weniger unterwegs, distanzierter aktiv, meiden Infektionsrisiken, halten sich an Hygieneregeln. Und dieses Vorsichtverhalten hat sich bislang kaum geändert.

Zweitens: Die Maskenpflicht zeigt Wirkung. Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig sieht sogar messbare Erfolge der Masken: "Nach dem Öffnen der ersten Läden konnte man sehen, dass die Reproduktionszahl leicht angestiegen ist, nach der Maskenpflicht ist sie wieder runtergegangen." Erste Geschäfte durften ab dem 20. April öffnen, eine Woche später galt in fast allen Bundesländern eine Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Asiatische Staaten wissen schon von den SARS-, MERS- und Schweinegrippen-Epidemien, dass das Maskentragen ein Schlüssel zum Überwinden der Epidemie ist.

Drittens: Das umfangreiche Testen und detaillierte Nachverfolgen von Infektionsketten durch die örtlichen Gesundheitsämter helfen enorm. Deutschland führt inzwischen wöchentlich bemerkenswerte 400.000 Coronavirus-Tests durch. Damit wird die Infektionslage täglich transparent und so besser einzudämmen. Die Mitarbeiter der Gesundheitsämter kontaktieren wieder in allen Einzelfällen in ihrem Stadt- oder Landkreis enge Kontaktpersonen von Corona-Infizierten und schicken sie in häusliche Quarantäne. Viele lokale Kleinausbrüche - ob es eine Restaurantfeier in Niedersachsen oder einen Gottesdienst in Frankfurt betrifft - werden aus diesen Gründen derzeit sofort eingedämmt.

Viertens: Der Sommer bremst das Virus. Wärme und Sonne machen es bekanntermaßen den Grippe- und Erkältungserregern schwerer, sich zu verbreiten. Das gilt offenbar auch für das neuartige Coronavirus. Atemwegserkrankungen können sich vor allem dann gut ausbreiten, wenn sich mehrere Menschen in Räumen mit trockener Heizungsluft aufhalten. Im Sommer sind wir aber öfter an der frischen Luft – der Luftaustausch ist größer. Experten zufolge kann das Virus zudem auf Oberflächen mit direkter Sonneneinstrahlung durch UV-Strahlen zerstört werden. Auch die Luftfeuchtigkeit spielt im Sommerhalbjahr eine positive Rolle.

Der Berliner Virologe Christian Drosten geht ebenfalls davon aus, dass die Ansteckungsrate im Sommer zurückgeht. Gleichwohl warnt er mit den meisten Virologen, diesen Effekt zu überschätzen. Einen "kleinen Effekt", der aber nicht signifikant sei, erwartet der Leiter der Virologie der Medizinischen Hochschule Hannover, Thomas Schulz. Auch Clemens Wendtner, Chefarzt der Klinik für Infektiologie der München Klinik Schwabing, rechnet mit einem leichten Abflauen im Sommer, mahnt aber: "Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass wir durch die höheren Temperaturen ein Verschwinden des Virus erreichen werden." Das Risiko einer zweiten Welle im Herbst bleibe real.

Fünftens: Die rückläufigen Infektionszahlen könnten auch der Anfang vom Ende der Pandemie anzeigen. Der Ex-Direktor der WHO Professor Karol Sikora (Universität Buckingham) vertritt die These, das Virus sei dabei, von alleine zu verschwinden. Corona werde auf natürliche Weise verschwinden noch bevor es überhaupt einen Impfstoff gibt. "Wir sehen überall ein grob ähnliches Muster – ich vermute, wir haben mehr Immunität als angenommen. Wir müssen das Virus weiter verlangsamen, aber es könnte von selbst verschwinden", schreibt Sikora. Allerdings empfiehlt auch er: "Wir müssen weiter Abstand halten und hoffen, dass die Zahlen rückläufig bleiben."

Virus-Epidemien können im Nichts verschwinden

Eine Teilimmunisierung der Bevölkerung mindert das Virus in seiner Gefährlichkeit, zugleich könnte das Virus zusehends mutieren und weniger gefährlich sein. Allein im 20. Jahrhundert sind vier Grippepandemien über den Globus gefegt. Zu den neuen, aus dem Tierreich stammenden Viren gehören auch der SARS- und der MERS-Erreger, zwei Coronaviren, die 2003 und 2012 für Schlagzeilen sorgten.

Sie alle sind verschwunden oder in ihrer Aggressivität völlig abgeschwächt. Virus-Epidemien kommen seit Jahrhunderten scheinbar aus dem Nichts, sie verschwinden aber auch häufig schnell und plötzlich. Vielleicht ist es schon so weit.

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