Der Columbine-Amoklauf hat sich als einer der grausamsten Morde in das Gedächtnis der Amerikaner eingebrannt. 20 Jahre nach dem Attentat arbeitet Sue Klebold daran, dass sich die Tat ihres Sohnes nicht wiederholt. Die Leiden einer Mutter, deren Kind zum Massenmörder wird, hat sie öffentlich dokumentiert.

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Sue Klebold sitzt in einem Büro in Denver, als ihr altes Leben endet. Am 20. April 1999, einem lauwarmen Frühlingstag, setzen ihr Sohn Dylan und dessen Freund Eric Harris ihrem eigenen Leben und dem von 13 Menschen ein Ende. Der Tag wird als einer der schrecklichsten Massenmorde in die Geschichte der USA eingehen.

Erklärung für die Gräueltaten noch immer unbefriedigend

Der Amoklauf an der Columbine High-School in Littleton, einem kleinen Vorort von Denver, wurde aufgearbeitet wie kaum ein anderes Kriminalverbrechen in den USA. Und doch gibt es heute keine abschließende, für Eltern, Opfer und Ermittler befriedigende Erklärung dafür, was die beiden Schüler an diesem Montag zu ihrer grausamen Tat trieb.

Sue Klebold, die Mutter von Dylan, hat sich 2016, also 17 Jahre nach dem Attentat, mit einem vielbeachteten Buch "Liebe ist nicht genug" an die Öffentlichkeit gewandt. Seitdem hält sie Vorträge, gibt Interviews und nimmt an Podien teil.

Ihre Aufzeichnungen und zahlreiche Berichte über sie geben einen Eindruck davon, was eine Mutter fühlt, deren Sohn als Massenmörder in die Geschichte einging.

In der Bibliothek kommt es zum Blutbad

Die beiden Schüler, das finden die Ermittler bald heraus, wollen an diesem Tag zu Ende bringen, was sie seit Monaten geplant haben. Mit einer abgesägten Pumpgun, zwei halbautomatischen Schusswaffen und einer abgesägten Schrotflinte betreten sie gegen 11.19 Uhr Ortszeit ihre Schule und schießen wahllos auf Mitschüler und Lehrer.

Zehn Minuten später, um 11.29 Uhr, gipfelt das Massaker in der Schulbibliothek in seinem grausamen Höhepunkt. Dylan und Eric fordern die dort anwesende Gruppe von Sportlern, von denen sie sich in den Monaten zuvor drangsaliert gefühlt hatten, dazu auf, sich zu zeigen. Die, die es nicht tun, zerren sie unter den Tischen hervor. Andere lassen sie um ihr Leben betteln.

In der Notrufzentrale verfolgen Polizisten das Morden über den Telefonhörer. Eine Lehrerin hat den Notruf gewählt. Insgesamt fallen an diesem Montag 188 Schüsse, auch auf die Polizisten, die unter den Fenstern stehen. 13 unschuldige Menschen sterben. Die beiden Mörder richten sich anschließend selbst.

Erleichterung nach der Nachricht vom Tod ihres Sohnes

Kurz nachdem der Kugelhagel beendet ist, klingelt im Büro von Sue Klebold ein Handy. Ihr Mann Tom ist am anderen Ende der Leitung und erzählt von einer Schießerei in Dylans Schule.

"Ich geriet in Panik und dachte, Dylan sei in Gefahr", beschreibt Sue Klebold, was ihr in diesen Minuten durch den Kopf geht. Sie weiß noch nicht, dass ihr Sohn einer der beiden Mörder ist.

Erst Stunden später berichten ihr Polizisten, was passiert ist. Auf die Nachricht, dass ihr Sohn tot ist, reagiert sie erleichtert - weil er nun nicht mehr töten kann. "Danach unendliche Traurigkeit, einen echten körperlichen Schmerz", beschreibt sie.

Weit entfernt vom ursprünglichen Typus des Amokläufers

Doch wahrhaben will sie das Unbegreifliche zunächst nicht. Auch die Ermittler tappen im Dunkeln. Denn Dylan und Eric passen nicht in das übliche Raster von Schulamokläufern.

Der bekannteste deutsche Amokläufer Tim Kretschmer, der 2009 in der Albertville-Realschule in Winnenden 15 Menschen und sich selbst tötete, wurde in der Schule gemobbt. Durch seinen Vater, einen Sportschützen, hatte er eine Affinität zu Waffen.

Im Haus von Sue Klebold finden die Ermittler aber keine Waffen. Auch waren Dylan und Eric in der Schule durchschnittlich beliebt, berichten Mitschüler. In ihrer Freizeit schauen sie intellektuellen Mainstream, eher selten Horrorfilme. Für Sue Klebold und ihr soziales Umfeld macht die Tat keinen Sinn. "Dylan benahm sich wie ein normaler Jugendlicher", sagt sie.

1997, zwei Jahre vor dem Massaker, verändert sich der damals 15-Jährige. Gemeinsam mit einem Freund hacken sich Dylan und Eric in das Computersystem der Schule ein und entwenden eine Liste mit Zahlenschlosskombinationen für die Spinde ihrer Mitschüler. Ein Jahr später stehlen sie mit einem Van Elektrogeräte und müssen an einem Anti-Aggressionstraining teilnehmen.

Doch reichen ein paar Jugendsünden aus als Erklärung für einen Massenmord? "Ich konnte nicht glauben, dass mein Sohn in der Lage war, so etwas zu tun. Ich habe an einen Scherz oder ein tragisches Missverständnis geglaubt", sagt Klebold.

Wozu ihr Sohn imstande war, begreift sie erst, als die Ermittler seine "Kellervideos" entdecken.

Das Morden im eigenen Keller inszeniert

In mehreren Aufnahmen hatten die beiden Schüler im Keller von Eric Harris ihre Taten inszeniert. Auf den Clips tragen sie dunkle Kampfhosen, selbstdesignte T-Shirts und Trenchcoats - dieselben Mäntel, unter denen sie beim Betreten ihrer Schule die Waffen verstecken.

"Es war der pure Horror", erzählt Klebold über den Tag, an dem sie, Täter- und Opferfamilien und Journalisten erstmals die Aufnahmen gezeigt bekamen, die aus Sorge vor Nachahmern später vernichtet wurden.

"In meinem Kopf war Dylan ein liebevoller, freundlicher und fröhlicher junger Mann. Dort sah ich ihn so fies, so voller Hass", sagt Klebold. In Dylan, so begreift sie, brodelte es.

Klebolds Erklärung: Ihr Sohn war schwer depressiv

Heute glaubt Klebold, dass ihr Sohn in den Monaten vor seiner Tat schwer depressiv und selbstmordgefährdet war. "Wir sind alle auf ihn hereingefallen", sagt sie. Fest steht: Was Dylan in den Kellervideos sagt, ist ein Ausweis seiner Isolation und seelischen Störung. "Ich hasse diese ganze Scheißwelt", lautet eine verstörende Sequenz.

Heute stemmt sich Klebold gegen die öffentliche Darstellung, ihr Sohn sei ein Werk des Teufels. "Das Leben ist komplexer", sagt sie. "Menschen sind weder gut noch böse." Sie verwahrt sich gegen die Erklärung, die Taten seien einzig das Ergebnis einer verfehlten Erziehung.

"In seinem Denken lief etwas schief"

Die Asche ihres Sohnes trägt sie bei sich - und hat seit seinem Tod nur ein einziges Mal Zorn auf ihn empfunden. "Ich hatte einen Moment des Ärgers, als ich seine Kellervideos sah." Er sei dort wegen unbedeutsamer Dinge aggressiv gewesen, habe sich hochgeschaukelt. "Aber das war ein Zeichen, dass in seinem Denken etwas schief lief. Und dass er sich darauf vorbereitete zu sterben."

Klebold will ihren Beitrag leisten, dass sich Taten wie die ihres Sohnes nicht wiederholen. Sie engagiert sich in der Suizidhilfe und trifft sich mit den Eltern von Hinterbliebenen. Ihre Bucheinnahmen soll sie an Organisationen für psychisch Kranke gespendet haben - trotz privater Pleite aufgrund der Schadenersatzansprüche von Opferfamilien.

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Verwendete Quellen:

  • Sue Klebold - "Liebe ist nicht genug" (Fischer (2016), 16,99 Euro)
  • CBC: "Mother of Columbine shooter reflects on that day, 19 years later"
  • Stern: "Morgens war ich die Mutter eines Teenagers, abends die eines Massenmörders"
  • Ted: "My son was a Columbine shooter - this is my story"
  • BBC: "My life as the mother of of a Columbine killer"
  • Spiegel Online: "Die Schuld ist so gewaltig"
Teaserbild: © picture alliance/AP Photo/David Zalubowski