• Spezialkräfte der USA haben zu Beginn der Woche den Topterroristen Aiman al-Sawahiri durch einen Drohnenangriff in Kabul getötet.
  • Der ägyptische Islamist und Al-Kaida-Chef war Drahtzieher bei den Anschlägen vom 11. September 2001.
  • Aber ist die Organisation mit seinem Tod entschieden geschwächt worden? Zwei Experten sind skeptisch.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen der Autorin bzw. der zu Wort kommenden Experten einfließen. Hier finden Sie Informationen über die verschiedenen journalistischen Textarten.

"Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan. Dieser Terroristenanführer lebt nicht mehr", sagte US-Präsident Joe Biden am vergangenen Montag in einer Fernsehansprache und verkündete den Tod von Aiman al-Sawahiri.

Der ägyptische Islamist stand seit Langem auf der Liste der Amerikaner: Er plante die Anschläge vom 11. September 2001, bei denen in den USA etwa 3.000 Menschen ums Leben kamen. Ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar war auf den Topterroristen ausgesetzt.

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Osama bin Ladens Nachfolger wurde in Kabul aufgespürt

Anfang des Jahres hatten US-Geheimkräfte den Nachfolger von Osama Bin Laden dann in Kabul aufgespürt, nun gab Biden den Befehl zur Tötung des 71-Jährigen. Der erfolgreiche Einsatz sei ein deutliches Signal an alle Feinde der USA: "Egal, wie lang es dauert, egal, wo du dich versteckst: Wenn du eine Bedrohung für unsere Bevölkerung bist, werden die USA dich finden und ausschalten", so Biden.

Terrorismusexperte Rolf Tophoven hält die Nachricht für einen wichtigen Achtungserfolg der Amerikaner, sagt aber: "Al-Sawahiri war zuletzt nur noch eine Propaganda-Ikone, eine Symbolfigur, die man nicht überschätzen darf". Die Operation zeige, dass die USA den Kampf gegen den Terror weiterhin auf ihrer Agenda habe, allerdings mit einem anderen Modus Operandi vorgehe.

Neuer Modus Operandi der Al-Kaida

"Statt Panzer, Luftwaffen und Kommandoaktionen sehen wir High-Tech- und Drohneninstrumente", sagt Tophoven. Die USA hätten mit ihrem Schlag die Botschaft gesendet, kein Biotop des Terrors wie in der Vergangenheit in Afghanistan zu dulden. "Sie zeigen damit: Wir haben nicht vergessen, welche Rolle al-Sawahiri als Mastermind, als Programmierer der Terroranschläge vom 11. September, als ideologischer Kopf und als Lehrmeister Osama Bin Ladens gespielt hat", analysiert Tophoven.

In der internationalen Gemeinschaft wurde der Tod al-Sawahiris wohlwollend aufgenommen, es gab jedoch auch warnende Stimmen. So twitterte beispielsweise die Bundestagsabgeordnete Lamya Kaddor (Grüne), das Terrornetzwerk sei "keinesfalls besiegt". Finanzströme und Terrorfinanzierung blieben weiterhin das größte Problem.

Auch der Terrorismusforscher Nicolas Stockhammer ist sich sicher: "Al-Kaida ist keineswegs tot. Man hat aber in der Führungsspitze erkannt, dass man langlebiger und strategisch nachhaltiger operieren kann, wenn man nicht so im Fokus der Medien und Counter-Terrorism-Operations steht."

In den letzten Jahren sei Al-Kaida durch US-Schläge in den Hintergrund gedrängt worden. "Man hat in den 2010-ern eine Phase des strategischen Tiefschlafs in der Klandestinität (Heimlichkeit, Verheimlichung lt. Duden; Anm. d. Red.) auf sich genommen, um sich aufzubauen, resilienter zu werden und neu zu erstarken", warnt der Experte. Der IS wurde zu einem Prellbock für westliche Terrorismusbekämpfung. Ein Feind, der als Terrormiliz zeitweise territorial im selbsternannten „Kalifat“ ein Gesicht hatte und konventionell militärisch zu bekämpfen war. Dies habe die gestaltlose Mutterorganisation für sich ausgenutzt, Al-Kaida hingegen sei zerteilt, aber überlebensfähig. "Die Diversifikation und das Ausbreiten in autarke Ableger hat die Organisation stark gemacht", ist er sich sicher.

Experte: Tötung von al-Sawahiri ist ein wichtiges Symbol der Rache für die USA

Die autonomen Verästelungen seien zumindest regional als Terrorplayer relevant – etwa in Syrien, im Jemen oder in Afghanistan. "Global gesehen würde ich Al-Kaida derzeit nach wie vor mit Abstrichen auf Platz 1 der Terrororganisationen setzen, denn sie ist so gut wie unabhängig von Führungsstrukturen", sagt Stockhammer. Die Tötung al-Sawahiris sei für die USA ein Symbol der Rache, habe aber wenig Einfluss auf das Machtvermögen der Organisation.

"Sie ist zuletzt hierzulande in den Hintergrund gerückt, weil sie viel im außereuropäischen Raum, nämlich in Teilen Asiens und Afrikas, vor allem aber im Mittleren und Nahen Osten operiert hat", argumentiert Stockhammer.

Tophoven schätzt die Lage etwas anders ein: "International ist Al-Kaida in keiner Weise mehr mit der Hochzeit vor 20 Jahren vergleichbar und personell stark geschwächt", sagt er. Die aktuelle Personalstärke sei schwierig zu schätzen, Beobachter gingen von einer oberen fünfstelligen Zahl an Anhängern und Sympathisanten weltweit aus.

"Operativ sieht es aber dünn aus", meint Tophoven. Die stärksten Bastionen befänden sich heute in Nordafrika, im Maghreb-Gürtel und in Mali. "Hier steht Al-Kaida auch in Konkurrenz mit anderen militanten islamistischen Gruppen, etwa dem Islamischen Staat", erinnert er.

Die Rolle der Taliban

"Über die Jahre ist eine veritable Konkurrenz zu Al-Kaida gewachsen. Der IS hebt sich durch seine Brutalität und die absolute Konsequenz ab, es gibt auch ideologische Unterschiede", erklärt er. Nach Tophovens Einschätzung hat der IS Al-Kaida in der Wahrnehmung der Weltöffentlichkeit längst abgelöst.

Aus Sicht beider Experten spielt die Machtergreifung der Taliban in Afghanistan allerdings eine wichtige Rolle. "Die Taliban waren schon in der Vergangenheit, als sie von 1996 bis 2001 erstmals regierten, Gastgeber für Al-Kaida", erinnert Tophoven. Damals sei der Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar persönlich mit Al-Kaida Chef Osama Bin Laden vertraut gewesen und habe dessen Terrorcamps geduldet.

Warnung an die Taliban

"Die Taliban-Regierung hat ihn unterstützt. Es gibt private Beziehungen, die bis heute anhalten", sagt Tophoven. Er hält es für möglich, dass der jetzige Schlag der USA die Warnung an die Taliban senden sollte: "Wir dulden nicht, dass sich selbst alte Al-Kaida-Führer bei euch aufhalten", so der Experte.

Auch Stockhammer sagt: "Durch den Abzug der westlichen Truppen und die manifeste Machtstruktur der Taliban in dem Land wurde auch Al-Kaida ein Platz eingeräumt." Ehemalige Kämpfer seien Teil der Taliban-Strukturen, sodass die Organisation ein bequemes Dasein fristen könne, ohne Angst vor Konflikten haben zu müssen. Relevant ist hier vor allem das Haqqani Netzwerk, das eine Schlüsselrolle spielt und immer wieder als Bindeglied zwischen den Taliban und Al-Kaida fungierte.

Möglicher Deal mit den USA?

Dass al-Sawahiri in Kabul untergetaucht war, hatte die Frage aufgeworfen, ob die Taliban den Al-Kaida-Chef deckten. Diesen Punkt macht auch Stockhammer: "Man fragt sich: Wie sind die USA darauf gekommen, dass sich al-Sawahiri in Kabul aufhält?". Es sei möglich, dass es einen Insider-Tipp innerhalb der Taliban-Strukturen gegeben habe. "Es ist Spekulation, aber es ist nicht auszuschließen, dass die Taliban einen Deal mit den USA gemacht haben und im Gegenzug Unterstützungszahlungen erhalten haben könnten", so Stockhammer.

US-Außenminister Antony Blinken sagte in einem Statement, man werde "angesichts des Unwollens oder Unvermögens der Taliban" weiterhin die Menschen in Afghanistan mit humanitärer Hilfe unterstützen und ihre Menschenrechte hochhalten.

Über die Experten:
Rolf Tophoven studierte Geschichte und Germanistik in Münster. Er forscht seit Jahrzehnten zum Phänomen der Guerilla und des Terrorismus. Tophoven leitet das "Institut für Krisenprävention" (IFTUS) in Essen.
Dr. Nicolas Stockhammer ist Politikwissenschaftler mit Fokus auf Sicherheitspolitik und Terrorismusforschung. Seit Juli 2021 obliegt ihm die wissenschaftliche Leitung und Koordination des Research Clusters „Counter-Terrorism, CVE (Countering Violent Extremism) and Intelligence" an der Donau-Universität Krems (Österreich).

Verwendete Quelle:

  • Twitter-Profil von Lamya Kaddor