Fukushima 2011: 50 Arbeiter versuchten den Super-GAU des Atomkraftwerks Fukushima-Daiichi unter Einsatz ihres Lebens zu verhindern. Seit dem Erdbeben und dem Tsunami vom 11. März, dem Beginn der Nuklear-Katastrophe in Japan, rätselt die Welt über das Schicksal der Arbeiter. Geklärt ist wenig, die Regierung und Anlagen-Betreiber Tepco hüllen sich in Schweigen – eine Bestandsaufnahme.

Ein typischer Tag der sogenannten "Fukushima 50" nach dem größten anzunehmenden Unfall: 6 Uhr Aufstehen, 7 bis 8 Uhr ein erstes Meeting, danach Frühstück. Um 10 Uhr beginnt die gefährliche Arbeit in den hochradioaktiven Reaktorgebäuden, Dienstschluss um 17 Uhr, danach Abendessen und nochmals ein Besprechungstermin. Gegen 22 Uhr kehrt Nachtruhe ein. So beschreiben Medien weltweit den Alltag der namen- und gesichtslosen "Helden von Fukushima". Doch über die Menschen hinter dem Mythos, ihr Schicksal und ihre genaue Anzahl erfährt die Welt nur wenig.

Die Legende der 50 Arbeiter

"Die 'Fukushima 50' sind eine Legende, die eine ausländische Zeitung erfunden hat", erklärt ARD-Korrespondent Robert Hetkämper in einem Interview mit "tagessschau.de" vom 23. März 2011. "Es waren, nach allem, was man weiß, nie 50. Es waren viel mehr Mitarbeiter, die abwechselnd immer wieder in das Kernkraftwerk gegangen sind. Das waren Ingenieure, Techniker, aber eben auch einfache Arbeiter."

Der Mythos entstand, als am 15. März fast alle der beinahe 800 auf dem Gelände verbliebenen Arbeiter abgezogen wurden. 50 Angestellte blieben zurück, die Legende war geboren. Allerdings mussten auch die letzten Arbeitskräfte bereits am nächsten Tag aufgrund extrem hoher Strahlenwerte das Gebiet räumen. Bei ihrer Rückkehr noch am 16. März, hatte sich die Anzahl auf 180 erhöht und stieg konsequent weiter. Bis zum 12. April 2011 arbeiteten wieder 700 Menschen auf dem Gelände, wie japanische Medien berichteten.

Die Last der "Helden von Fukushima"

Einer von ihnen war Atsufumi Yoshizawa. Der 54-jährige Nuklear-Techniker war einer der Arbeiter, die sich während des Zwischenfalls auf dem Gelände aufhielten. In einem seltenen Interview mit der britischen Tageszeitung "The Guardian" beschreibt er seine Gefühle und Erfahrungen direkt nach dem Erdbeben: "Ich habe nie daran gedacht zu gehen. Ich musste bleiben und die Situation unter Kontrolle bringen. Ich dachte nicht an meine Familie, nur an die anderen Arbeiter und wie besorgt sie um ihre eigenen Familien sein mussten. Wir wussten, dass wir nicht ersetzt werden würden. Niemand wurde zum Bleiben gezwungen, aber wer blieb wusste, dass wir das bis zum Schluss durchstehen mussten. Denn nur wir konnten das Kraftwerk retten."

Nach seiner Evakuierung, kurz vor den Wasserstoff-Explosionen in den Reaktor-Gebäuden, fasste er den Entschluss, wieder auf das Kraftwerksgelände zurückzukehren. "Wir fühlten uns wie 'Tokkotai' (Kamikaze-Piloten während des 2. Weltkriegs, Anmerkung der Redaktion), denn wir waren bereit, alles zu opfern. Die Leute, die sich draußen aufstellten um uns zu verabschieden, sagten nicht viel, aber in ihren Gesichtern sah ich, dass sie nicht an unsere Rückkehr glaubten." Als Held sieht sich Yoshizawa allerdings nicht. Trotzdem sei er dankbar, wenn Menschen sich für den Einsatz der Arbeiter bedanken.

Die soziale und gesundheitliche Belastung

Für Seiko Takahashi sind die Fukushima-Arbeiter wie Yoshizawa ebenfalls keine Helden. Sie war eine Einwohnerin von Fukushima City und engagiert sich nun gegen Atomkraft. "Ich fühle mit den Arbeitern, aber ich sehe sie nicht als Helden", erzählt sie in einem Interview mit der "BBC". "Wir sehen sie als einen Block, sie arbeiten alle für Tepco und haben gut verdient. Das Unternehmen hat viel Geld mit Atom-Energie gemacht und das hat ihnen ein schönes Leben finanziert." Dass sich Atsufumi Yoshizawa an die Öffentlichkeit wendet, ist daher ein Einzelfall. Denn viele haben Angst, von den Menschen wie Takahashi, die ihr Hab und Gut durch die Nuklear-Katastrophe verloren haben, ausgegrenzt zu werden. Außerdem befürchten sie, dass Kinder und Familie ebenfalls durch die Arbeit in Fukushima von Verwandten, Freunden und Fremden gemieden werden. So etwas gab es in Japan zuletzt nach den Atombomben-Abwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Die Überlebenden wurden als "Hibakusha" bezeichnet und mussten mit Ausgrenzung und Vorurteilen kämpfen.

Neben den sozialen Auswirkungen der Katastrophe leiden die Arbeiter auch unter der Ungewissheit der gesundheitlichen Folgen. Direkt nach dem Unglück erhöhte die japanische Regierung die Grenzwerte für die radioaktive Belastung während der Arbeit im AKW von 100 Millisievert auf 250 Millisievert. Die Langzeitfolgen dieser Dosis lägen laut Erik Hall, Strahlungsbiologe an der University of Columbia, bei einem 1,25 Prozent erhöhten Krebsrisiko im Vergleich zum Durchschnitt, wie die Online-Ausgabe der "USA Today" berichtet.

Allerdings birgt die Strahlung auch direkte Gefahren. So wurden wenige Tage nach dem Erdbeben zwei Arbeiter schwer verstrahlt, als sie fast eine Stunde durch radioaktiv verseuchtes Wasser gewatet waren. Doch genaue Opferzahlen oder wie hoch die Belastung für die Arbeiter genau ist, wird weder von der Regierung noch von der Betreibergesellschaft Tepco bekanntgegeben.

Was bringt die Zukunft?

Auch zwei Jahre nach der Katastrophe sind viele Fragen nicht geklärt oder werden unter dem Mantel des allgemeinen Schweigens erdrückt. Wie viele Menschen sind von Verstrahlung betroffen? Wie lange werden die Aufräumarbeiten in Fukushima noch dauern? Was wird mit der Ruine geschehen? Momentan weiß das noch niemand.

Aktuell will Japan wohl auch in Zukunft auf Atomkraft setzen. Der bereits geplante Atomausstieg scheint derzeit vom Tisch. Welche Lehren das Land aus dem Unglück ziehen wird, bleibt abzuwarten.

Und was wird aus den Helden von Fukushima? Sie werden wohl weiter pflichtbewusst ihren Dienst verrichten und ihr Leben in den Dienst ihres Landes stellen. Denn eine Atomruine wird nicht einfach verschwinden – wie man an Tschernobyl sieht.