Franziskus ist der neue Papst. Mit der Wahl des Argentiniers von Jorge Bergoglio überraschten die Kardinäle die katholischen Gläubigen, die auf dem Petersplatz der Bekanntgabe des neuen Pontifex entgegen fieberten. Nach der ersten Euphorie stellt sich nun die Frage: Was kann die Welt vom neuen Bischof Roms erwarten? Kommen die lang ersehnten Reformen, oder verharrt die Kirche weiter im Stillstand? Trotz vieler nobler Eigenschaften ist Bergoglio nicht unumstritten - die Stärken und Schwächen des obersten Hirten.

Haltung zu Homosexualität, Abtreibung und Verhütung

Wer Reformen in Sachen Sexualmoral erwartet, wird von Franziskus wohl enttäuscht werden, zumindest wenn man seinen bisherigen Aussagen Glauben schenkt. Gleichgeschlechtliche Ehen, Abtreibung und Verhütung lehnt er ab.

So kritisierte der damalige Bischof von Buenos Aires 2010 die argentinische Regierung nach der Legalisierung von gleichgeschlechtlichen Ehen scharf. In einem Brief an die Klöster von Buenos Aires schrieb er: "Lasst uns nicht naiv sein, wir reden nicht von einem einfachen politischen Schlagabtausch; es ist eine destruktive Anmaßung gegen den Plan Gottes. Wir reden nicht über ein bloßes Gesetz, sondern eher eine Intrige vom Vater der Lügen, welche die Kinder Gottes zu verwirren oder zu täuschen versucht", wie das "Time Magazine" damals berichtete. Zudem bezeichnete er die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe als "Teufels-Manöver", gegen den die Kirche einen "Krieg Gottes" führen muss (El Pais). Ebenfalls problematisch für den neuen Papst sind Adoptionen von homosexuellen Paaren: Diese bezeichnete er als "Diskriminierung gegen Kinder", wie die "Huffington Post" schreibt.

Auch bei Abtreibungen schlug der neue Papst bislang eher martialische Töne an. Wie der "Boston Herald" berichtet, sagte er 2012 in einer Rede an Priester: "Wir stimmen der Todesstrafe nicht zu. Doch in Argentinien haben wir die Todesstrafe. So kann ein Kind, dass bei der Vergewaltigung von geistig behinderten Frauen gezeugt wurde [mit der Abtreibung, Anmerkung der Redaktion] zum Tode verurteilt sein."

Die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner kritisierte immer wieder Bergoglios Haltung. 2010 sagte sie, der Ton der Kirche erinnere an "Mittelalter und die Inquisition".

Ungeklärtes Verhältnis zu Argentiniens Militärjunta

Der Menschenrechtsanwalt Marcelo Perrilli warf Bergoglio im Jahr 2005 vor, am Verschwinden zweier Jesuiten-Priester im Jahr 1976 mitschuldig zu sein und erstattete Anzeige bei einem Gericht in Buenos Aires. Ein Sprecher Bergoglios bezeichnete die Anzeige damals als Verleumdung. Allerdings gilt es noch Einiges in dem Fall zu klären: So gaben die beiden Priester Franz Jalics und Orlando Yorio laut einem Bericht von "El Pais" nach ihrer Freilassung an, von Bergoglio denunziert worden zu sein.

Bergoglio selbst erklärte, er habe erst wenige Tage vor dem Staatsstreich 1976 die beiden Patres vor der bevorstehenden Gefahr gewarnt, wie das "Handelsblatt" schreibt. Laut seiner Version habe er ihnen angeboten, im Jesuitenhaus Schutz zu suchen. Die beiden Priester, die in Elendsvierteln von Buenos Aires wirkten, sollen nach seinen Angaben dieses Angebot abgelehnt haben.

Die Zeit der Militärdiktatur ist in Argentinien ein heikles Thema. Die Diktatoren ließen bis zu 30.000 echte oder vermeintliche Regimegegner heimlich entführen, foltern und ermorden. Viele dieser Verbrechen sind bis heute nicht vollständig aufgeklärt.

Engagement für die Armen

Wirkliche Reformen dürfen die Christen hingegen im Kampf gegen die Armut erwarten. In diesem Bereich war Franziskus bereits zu seinen Zeiten als Priester und Bischof aktiv. "Die Menschenrechte werden nicht nur durch Terrorismus, Unterdrückung und durch Morde verletzt, sondern auch durch die ungerechten wirtschaftlichen Strukturen, die große Ungleichheiten verursachen. Die Armut ist unmoralisch, ungerecht und illegitim", zitiert die Zeitung "El Pais" den jetzigen Pontifex. Und er lebt, was er predigt: Er gilt als sehr bescheiden, lebte beispielsweise nie in einem großen Pfarrhaus und unterstützt aktiv Organisationen, die sich für die Verbesserung der Situation der Armen und Kranken einsetzen.

Auch sein Name "Franziskus" deutet auf einen verstärkten Fokus auf die Armen und Schwachen der Gesellschaft und der Welt hin: Franz von Assisi war der Begründer des Bettelordens der Franziskaner. Die Namenswahl von Franziskus wird in der katholischen Kirche deswegen als deutliches Signal aufgefasst.

Ebenfalls möglich ist die Interpretation, dass sich Bergoglio mit seinem Namen auch an den Mitbegründer des Jesuiten-Ordens, den heiligen Franz Xaver, angelehnt hat. Franziskus ist selbst Jesuit, der erste auf dem Papststuhl. Franz Xaver gilt auch als Wegbereiter der christlichen Mission in Asien – ein Hinweis auf die Zukunft der Kirche? Das muss die Zeit zeigen.

Reformen in der Struktur der katholischen Kirche

Besonders die Medien im Heimatland Franziskus' hoffen auf Reformen im Apparat der katholischen Kirche, der bis heute als zu monozentrisch und unflexibel gilt. "Bergoglio ist berüchtigt dafür, die Kirche Argentiniens modernisiert zu haben, die zu den konservativsten in Lateinamerika gehörte", schreibt beispielsweise die Zeitung "Diario Uno". Und auch die Zeitung "El Pais" hofft auf Veränderungen: "Niemand würde einen revolutionären Papst erwarten und manchmal treffen die Erwartungen nicht auf das Profil des Erwählten zu, aber die Ernennung von Franziskus als aufrechter und dialogbereiter Mensch, zusammen mit seinem Stand als Jesuit, kann der entscheidende Schritt für die erforderliche Entwicklung sein."

Ob sich der Papst gegen die eingefahrenen Strukturen in Rom durchsetzen kann, bleibt abzuwarten. Im Vatikan gelten immer noch eigene Gesetze, die Reformen schwierig machen und viel Kraft kosten. Das musste auch Benedikt XVI. zum Ende seiner Amtszeit erfahren. Er hinterließ Franziskus eine Kirche, die nach einer neuen Richtung sucht. Vielleicht kann der Papst vom anderen Ende der Welt ihr diese Richtung nun endlich geben.