Im ARD-Sommerinterview muss sich der Linken-Vorsitzende Bernd Riexinger gegen Vorwürfe des Reichen-Hasses verteidigen und über Prozentzahlen der nächsten Bundestagswahl spekulieren. Wirklich große Themen sprach Interviewer Oliver Köhr hingegen nicht an.

Christian Vock.
Eine Kritik

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Es dürfte ein ziemliches unbefriedigendes Sommer-Interview für den Linken-Vorsitzenden Bernd Riexinger gewesen sein, dass er da am Sonntagnachmittag mit dem stellvertretenden Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, Oliver Köhr, geführt hat.

Obwohl Riexinger mehrfach versuchte, über die großen Themen wie die Klimakrise oder ökonomische Ungerechtigkeit zu sprechen, ging Interviewer Köhr auf keine dieser Einladungen Riexingers ein.

Stattdessen wollte sich Köhr in den knapp 25 Minuten lieber kleinen und kleinsten Themen widmen. Zum Beispiel Riexingers Bemerkungen auf der vergangenen Strategie-Konferenz der Linken, von der bei Köhr offenbar lediglich der Satz Riexingers hängenblieb, man wolle Reiche nicht erschießen, sondern sie für nützliche Arbeit einsetzen - eine Reaktion auf den Redebeitrag einer Diskussionsteilnehmerin über eine Revolution.

Für seine Wortwahl hatte sich Riexinger in der Vergangenheit mehrfach entschuldigt, Köhr wollte trotzdem noch einmal darüber sprechen, um dem Vorsitzenden und seiner Partei einen generellen Groll auf Vermögende zu unterstellen: "Woher kommt dieser Hass auf Reiche?", wollte Köhr von Riexinger wissen.

Bernd Riexinger beklagt "üble Kampagne"

Bereits zuvor hatte Riexinger erklärt, was man von "den Reichen" erwarte: "Wir wollen, dass Millionäre und Milliardäre mehr Steuern bezahlen, damit die Altenpflegerin besser bezahlt werden kann", stellte aber noch einmal klar, dass es hier nicht um Persönliches geht: "Wir haben ja gar keinen Hass auf Reiche. Auch die Genossin hat das auch gar nicht so gemeint, deswegen hat das auch niemand so aufgegriffen, der dabei war."

Dass andere, die nicht dabei waren, daraus "eine üble Kampagne" gemacht hätten, empört Riexinger, weshalb der Linken-Chef noch einmal klar stellt: "Wir haben keinen Hass, aber wir akzeptieren nicht, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr auseinander geht. (…) Das ist auch unsere Aufgabe, dass wir in diesem Land für Verteilungsgerechtigkeit einstehen und sagen: Es gibt so viel zu machen, so viel zu investieren in Bildung, ins Gesundheitswesen. Wir haben einen Pflegenotstand bei uns. Und da müssen eben diejenigen, die gar nicht mehr wissen, wohin mit dem Reichtum einen größeren Beitrag zur Finanzierung des Gemeinwohls leisten."

"Weswegen bekämpfen Sie dann nicht das System?", will es Köhr nun eine Nummer größer angehen, hält aber an seiner These vom Hass gegen Reiche fest. Riexinger versucht Köhr nun zum dritten Mal zu erklären, dass es nicht um Hass gegen Reiche oder um Persönliches gehe, sondern in der Tat auch um die Systemfrage, denn Milliarden durch Aktienpakete würden in der Regel nicht erarbeitet, sondern vererbt und durch die Arbeit anderer Leute erwirtschaftet.

Der Gegensatz zwischen Arm und Reich sei heute noch nie so groß wie in der Nachkriegszeit, so Riexinger.

Riexinger will keine Ablenkung von eigentlichen Botschaften

Für Köhr soll es das aber nicht gewesen sein und so holt er die nächste Einzelmeinung eines Linken-Mitglieds hervor. Diesmal von Tim Fürup, Sprecher der Antikapitalistischen Linken, der auf derselben Strategiekonferenz von "parlamentsfixiertem Abgeordnetenbetrieb" und dem "Abgreifen von Informationen aus dem Staatsapparat" sprach.

Auch hier sieht sich Riexinger ungerecht behandelt: "Es ist auch nicht ganz fair, einzelne Stimmen unter Hunderten von Beiträgen rauszunehmen, die dann skandalisiert werden."

Die Strategiekonferenz sei sehr gut gewesen, denn man habe dort besprochen, wie man die Frage der sozialen Gerechtigkeit und des Klimaschutzes zusammenbringen könne. Doch auch hier ließ Köhr die Gelegenheit verstreichen, über solche grundlegenden Themen und die diesbezüglichen Visionen der Linken zu sprechen.

Mehr oder weniger durch die Blume machte Riexinger Köhr auf dieses Versäumnis aufmerksam: "Wir sollten das jetzt nicht benutzen zur Ablenkung über die eigentlichen Botschaften der Linken, nämlich, dass wir eine soziale Schieflage in diesem Land haben und dass wir viele Krisen haben, die wir bewältigen müssen, auch eine Klimakrise."

Sommerinterview mit Riexinger: Kritik an der falschen Stelle

Nun ist es nicht Aufgabe von Journalisten, Parteien Raum für deren Selbstdarstellung zu geben, sondern kritisch nachzufragen und auch und gerade unangenehme Themen anzusprechen, selbst, wenn es Einzelmeinungen und keine generellen Botschaften der Partei oder Teilen der Partei sind. Diesbezüglich sind Oliver Köhr beim Interview mit Riexinger auch keine Vorwürfe zu machen.

Trotzdem geben gerade die Sommerinterviews die Gelegenheit, die Tagespolitik einmal Tagespolitik sein zu lassen und stattdessen über die großen Themen und das, was den einzelnen Parteien hierzu einfällt, zu sprechen. Das wollte Oliver Köhr offenbar nicht und sprach lieber weiter über Personen, Steuern, den Stinkefinger von Bodo Ramelow oder über die Bundestagswahl in einem Jahr.

Etwas sehr unglücklich war dabei Köhrs Wortwahl, als es um den vermeintlichen oder tatsächlichen Extremismus von Strömungen innerhalb der Linken ging. Hier wollte Köhr die Perspektive wechseln und sagte: "Sie sind aber auch, wenn man so will, Opfer von Extremismus von der anderen Seite, von rechts."

Hier muss man nicht "so wollen", um zu erkennen, dass Linken-Politikerinnen wie Janine Wissler Opfer von rechtem Extremismus geworden sind, als sie Drohschreiben erhalten haben.

Und so war es ein leidlich gutes Sommerinterview, das eine Spur zu sehr über Vorurteile gegenüber der Linken kreiste, statt sich konkret mit den generellen Zielen der Partei auseinanderzusetzen und diese zu kritisieren.

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