Eine Religion des Friedens statt Vorwand für Abkapselung und Terror: Der Deutsch-Algerier Abdel-Hakim Ourghi will den Islam mit westlichen Werten zusammenbringen und ihn neu reformieren.

Ein Interview

Er möchte, dass seine Religion "den Anschluss an die heutige Zeit nicht verliert": Der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi hat in einem Buch 40 Thesen zur Reform des Islam aufgestellt.

Frauen sollen sich demnach gegen die Herrschaft der Männer erheben. Die Moscheen will er von "Import-Imamen" befreien. Im Interview erklärt Ourghi, warum es nötig ist, der mächtigen konservativen Strömung einen liberalen Islam entgegenzusetzen.

Herr Ourghi, Sie haben in Ihrem Buch 40 Thesen zu einer Reform des Islam aufgestellt. Gab es einen Auslöser, der Sie dazu gebracht hat?

Abdel-Hakim Ourghi: Der Auslöser ist die Sinnkrise, in der sich der Islam befindet. Sie äußert sich in Gewalttaten, die von Muslimen verübt werden, in der Unterdrückung von Frauen, im theologisch begründeten Antisemitismus. Da wir in einem westlichen Kontext leben, halte ich es für nötig, den Koran und die Tradition des Propheten gemäß der jetzigen Situation neu zu interpretieren.

Durch die Macht der sogenannten Dachverbände hat sich in Deutschland ein konservativer Islam etabliert. Es ist Zeit, den Islam auf der Grundlage der reflektierenden Vernunft zu reformieren. Diese Reform richtet sich gegen die Macht des poli­tischen Islam und der konservativen Gelehrten, deren veraltete Sichtweisen nicht mehr der Lebenswelt der hiesigen Muslime entsprechen.

Warum ist diese konservative Strömung so mächtig?

Die Moderne hat den Menschen von Grund auf verändert. Die Glaubensvorstellungen und -praktiken des Islam allerdings sind weitgehend dieselben geblieben. Bei uns im Westen gilt die Religion für viele Muslime als letzter Anker in einem unruhigen Umfeld. Seit Jahrhunderten wird der Islam von einer konservativen Theologie beherrscht, was immer wieder in Gewalttaten mündet.

Sie sind der Überzeugung, dass der Islam eine Religion des Friedens sein kann.

Allerdings. Ich unterscheide in meinem Buch zwei Teile des Korans. Der zeitlos-ethische Koran ist mit unseren westlichen Werten vereinbar. Er vertritt die Freiheit des Menschen, den Frieden und den Respekt vor dem anderen.

Daneben haben wir aber noch den sogenannten politisch-juristischen Koran, der im 7. Jahrhundert entstanden ist. Wenn man sich heute noch an diesem Koran orientiert, führt das nur zu Problemen mit anderen Menschen. Dieser Koran ist historisch zeitbedingt und sollte nur in seinem Entstehungskontext verstanden werden.

Eine Ihrer Thesen lautet: Der Islam hat sehr wohl mit Islamismus zu tun. Das bestreiten viele Muslime.

Der Islam hat auch eine unheimliche Seite, die in seiner Um­gebung Unbehagen auslöst. Diese dunkle Seite ist immer dort erkennbar, wo die Religion von der Politik nicht zu trennen ist, wie etwa im gewalttätigen Fanatismus der Islamisten.

Fest steht, dass nicht alle Muslime Terroristen sind. Fest steht jedoch auch, dass die Terroristen Muslime sind. Sie halten sich sogar für die besseren Muslime und be­anspruchen für sich, nach dem Koran und der Tradition des Propheten zu leben. Sie berufen sich auf den politisch-juristischen Koran, der in den Jahren 622 bis 632 in Medina offenbart wurde – und auf das Handeln des Propheten selbst als Staatsmann.

Hat auch das Kopftuch seine Wurzeln in diesem politisch-juristischen Islam?

Über das Kopftuch heißt es immer wieder, es sei im Islam begründet – was aber nicht stimmt. Das Kopftuch ist ein historisches Produkt der männlichen Herrschaft zur Kontrolle der Frauen. Das heißt nicht, dass ich etwas gegen Frauen habe, die aus freien Stücken ein Kopftuch tragen. Doch der kollektive Druck sollte nicht dazu führen, dass Frauen es tragen, um in der eigenen Gemeinde akzeptiert zu werden.

Sie setzen sich sehr kritisch mit dem Islam auseinander. Sehen Sie auch Stärken der Religion?

Natürlich. Wir lesen im ethischen Koran zum Beispiel, dass die Freiheit der Menschen ein hohes Gut ist. Und wir lesen dort, dass keine Religion die absolute Wahrheit besitzt und in der Religion kein Zwang besteht. Außerdem heißt es, dass man keine Angst zu haben braucht, wenn man seinen Glauben verändert.

Sie haben mit Ihren 40 Thesen möglicherweise ein Fundament für Reformen gelegt. Wie müsste es jetzt weitergehen?

Die Muslime müssen zunächst den Mut haben, miteinander zu reden und zu diskutieren – und zwar friedlich. Man kann voneinander lernen, unterschiedliche Meinungen können sich ergänzen. Inzwischen haben einige Muslime angefangen, über meine Thesen zu sprechen. Das ist ein toller Beginn. Viele Menschen schreiben mir, dass sie dankbar sind, dass ich dieses Buch geschrieben habe.

In Berlin hat die Rechtsanwältin Seyran Ates eine eigene liberale Moschee gegründet ...

Ich bin Mitbegründer dieser Moschee, wir sind insgesamt sechs Personen. Wir haben gelernt, dass Reformen des Islam immer von einzelnen Stimmen eingeleitet wurden. Letztendlich war diese Diskussion über eine Reform des Islam aber immer eine Sache von Intellektuellen. Deswegen haben wir entschieden, ganz unten anzufangen: mit eigenen Moscheen und mit islamischem Religionsunterricht.

Bekommen Sie auch negative Reaktionen auf Ihr Buch?

Selbstverständlich. Nicht jeder ist mit den Reformvorschlägen einverstanden. Ich glaube, dass das ein historischer Prozess ist, der Zeit benötigt. Und ich bin sicher, dass wir Erfolge erzielen werden.

Der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi wurde 1968 in Algerien geboren. Er leitet den Fachbereich Islamische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, wo er Lehrer für den Islamischen Religionsunterricht an Schulen ausbildet. In diesem Jahr erschien sein Buch "Reform des Islam: 40 Thesen".