Daphne Caruana Galizia veröffentlicht am Montagnachmittag ihren letzten Artikel über Korruption - Minuten später ist sie tot. Eine Bombe zerfetzte den Peugeot, in dem sie saß. Ihr Beruf wurde ihr zum Verhängnis. Wer war die maltesische Journalistin und wen machte sie sich zum Feind?

Es ist ein trauriger Tag für die Familie von Daphne Caruana Galizia. Es ist ein trauriger Tag für den Journalismus und die Meinungsfreiheit: Am Montagnachmittag explodierte ein Auto in dem Ort Bidnija auf Malta. Am Steuer des Peugeot 108 saß Polizeiangaben zufolge die Journalistin und Bloggerin Daphne Caruana Galizia.

Bombe offenbar ferngezündet

Die Bombe detonierte gegen 15 Uhr. Nach neuesten Erkenntnissen soll sie sich nicht im Auto befunden haben und mittels Fernbedienung gezündet worden sein. Das berichtet der "Malta Independent".

Die Wucht der Explosion war so heftig, dass das Auto in mehrere Teile zerbarst. Ein Video und Fotos zeigen den zerfetzten Peugeot in einem Feld, nur wenige Meter von der Detonationsstelle entfernt.Galizias Leiche sei stark verbrannt gewesen und wurde nach Polizeiangaben außerhalb des Wagens gefunden.

"Bloggende Furie"

Der Anschlag scheint im Zusammenhang mit der journalistischen Arbeit der 53-Jährigen zu stehen. Galizia berichtete kritisch über Regierungsmitglieder Maltas, EU-Kommissare, Richter.

Korruption, Vetternwirtschaft, Drogendeals - das waren ihre Themen. Dass ihr Fokus darauf lag, sei kein Zufall gewesen, wie sie "Politico" gegenüber sagte. "Ich kann es nicht ertragen, dass sich Menschen derart selbst belohnen", so Galizia.

Das Magazin listete die Journalistin für dieses Jahr unter den 28 einflussreichsten Personen der Welt auf. Sie sei eine "bloggende Furie", die einen Kreuzzug gegen Intransparenz und Korruption in ihrem Land führte.

Kein Skandal schien zu groß, keiner zu klein, um das Interesse der Top-Journalistin zu wecken. Unerbittlich verfolgte die 53-Jährige ihre Arbeit.

Galizia berichtete über Panama Papers

Für Aufsehen über Maltas Grenzen hinweg sorgte sie mit ihrem Berichten über die sogenannten Panama Papers 2016.

Galizia veröffentlichte unter anderem Artikel über eine Offshore-Firma, die der Frau von Regierungschef Joseph Muscat gehören soll. Muscat hatte diese Darstellung als Lüge bezeichnet.

Die Berichterstattung über die Korruptionsvorwürfe, die in die Amtszeit Muscats fallen, hatte in der europäischen Union Anlass zur Besorgnis gegeben. Darüber berichtete unter anderem "The Guardian".

Die promovierte Archäologin startete ihre journalistische Karriere in den 1980er Jahren. Sie arbeitete bei der "Sunday Times of Malta". Später schrieb sie für den "Malta Independent" und als Kolumnistin für "The Times".

2008 rief Galizia ihren Blog "Running Commentary" ins Leben, den zeitweise etwa 400.000 Menschen lesen. Das entspricht etwa der Einwohnerzahl Maltas.

"Nur Gauner"

Etwa eine halbe Stunde vor ihrem Tod, um 14:35 Uhr, veröffentlichte die Journalistin einen Artikel über Korruption in der Regierung. Dabei ging es um Zeugenaussagen hochrangiger Politiker wie den früheren Oppositionsführer Simon Busuttil und den Stabschef des Premierministers, Keith Schembri. "Wo man nur hinschaut, sieht man Gauner. Die Lage ist desolat", schrieb Galizia.

Ein weiterer Artikel der Journalistin berichtet über einen illegalen Zoo. Der Betreiber soll ein Freund des Premierministers sein. Andere Berichte der Journalistin beleuchten Drogenhandel, Verschwendungssucht und Frauenrechte. Einige Artikel zielen direkt gegen Politiker wie den Oppositionsführer Adrian Delia. Galizia berichtete zudem über Maltas Grenzen hinweg – etwa über die Wahl in Österreich und den Rechtsruck des Landes.

Durch ihre schonungslose, extrem kritische Berichterstattung hat sich Galizia viele Feinde gemacht. Wer für ihren Tod verantwortlich ist, soll jetzt mithilfe des FBIs geklärt werden, berichten maltesische Medien.

Familie lehnt Ermittlerin ab

Dass der Fall nicht einfach zu klären ist, zeigt die verzwickte Lage. Galizia hatte sich auch mit der Justiz angelegt.

"Daphne Caruana Galizia war eine wahrhaft investigative Journalistin. Sie scheute sich nicht vor der Macht in Maltas politischer, geschäftlicher und krimineller Welt", sagte der stellvertretende Exekutivdirektor des Komitees für die Projektjournalisten Robert Mahoney.

Sie habe die Behörden untersucht, die nun ihre Mörder finden sollen. Deshalb müsse die Aufklärung des Falles über jeden Zweifel erhaben sein.

Dem trägt Richterin Scerri Herrera nun Rechnung. Sie hatte zunächst die Ermittlungen eingeleitet, distanziert sich nun aber von dem Fall, berichtet "Malta Today" online.

Herrera steht in einem möglichen Interessenskonflikt. Sie habe die Journalistin wegen Verleumdung vor Gericht gebracht. Diese wiederum habe über Herrera mehrfach kritisch berichtet. Die Richterin war eine der ersten, über die die Journalistin auf ihrem Blog schrieb.

Galizias Ehemann hatte zuvor einen Antrag gegen Herrera als Ermittlerin eingereicht. "Es ist nicht richtig, dass Scerri Herrera in Anbetracht des eklatanten Interessenkonflikts, die Untersuchung als Pflichtrichterin führt." Man habe die Befürchtung, dass dies die Untersuchung beeinträchtigen kann. "Wir haben kein Vertrauen in Scerri Herrera."

Sohn prangert Behörden an

Der Mord an Galizia macht Angst. Angst vor weiteren Attentaten auf Journalistinnen und Journalisten, die eine entscheidende Rolle bei der Aufdeckung schwerwiegender Vorwürfe zu Geldwäsche und Korruption spielen. Auch Matthew Caruana Galizia, der Sohn der 53-Jährigen, arbeitet als Journalist. Auch er ist ein kontroverser Kritiker des Politbetriebes auf Malta.

Wie seine Mutter wirkte er an den Veröffentlichungen über die Panama Papers mit. Er ist Mitglied des International Consortium of Investigative Journalists.

Nach dem Tod seiner Mutter prangert er die Behörden an. "Einige Stunden später, während dieser Clown von Premierminister ein Statement über eine Journalistin abgibt, die er mehr als ein Jahrzehnt dämonisiert und schikaniert hat, postet einer der Polizisten, der den Mord untersuchen soll (…) auf Facebook: 'Jeder bekommt, was er verdient, Kuhmist. Fühl mich glücklich :)'."

Es sei nicht irgendein Mord gewesen, so Matthew Caruana Galizia. "Wenn überall um dich herum Blut und Feuer ist, ist das Krieg."

Die Regierung habe zugelassen, dass eine "Kultur der Straffreiheit" auf Malta gedeihe. "Wären die Behörden bereits an der Arbeit, gäbe es keinen Mord, der aufgeklärt werden muss."

Matthew Caruana Galizia, der das Inferno mit ansehen musste, wird noch deutlicher: "Joseph Muscat, Keith Schembri, Chris Cardona, Konrad Mizzi, der Generalstaatsanwalt und die lange Liste der Polizeibeauftragten, die nichts unternommen haben: Ihr seid Komplizen. Ihr seid dafür verantwortlich."

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Im Fall Galizia gibt es noch viele Ungereimtheiten. So berichten maltesische Medien, dass sich die Journalistin wegen Morddrohungen vor 15 Tagen an die Polizei gewandt haben soll. Dies dementierte die Polizei.

Ob sich Daphne Caruana Galizia der Gefahr bewusst war? Mit Sicherheit. Dennoch blieb sie ihrem Mantra treu: Den Kampf gegen die Missstände im Land erbittert zu führen - scharfzüngig und bissig.

Dem Komitee zum Schutz von Journalisten zufolge ist sie eine von 27 getöteten Journalisten in diesem Jahr.