Es war ein symbolträchtiger Auftritt am vergangenen Donnerstag: Die beiden prominentesten Gesichter der ukrainischen Demokratiebewegung sprachen auf der gleichen Veranstaltung in Dublin – doch Julia Timoschenko und Vitali Klitschko redeten erst miteinander, als die Journalisten um ein gemeinsames Foto baten. Davor und danach hatten sie sich nicht viel zu sagen. Zuvor schon war ein Riss zu spüren: Während Timoschenko die Fotografen auf sich zog, bemerkte kaum jemand Klitschko, als er den Raum betrat - so beschreibt es ein Reporter von "Spiegel Online".

Zu Beginn der Proteste in der Ukraine galt der ehemalige Profiboxer Vitali Klitschko als einer der aussichtsreichsten Hoffnungsträger der Opposition. Er spreche die Sprache des Volkes und könne gut mit den Menschen umgehen, sagten Beobachter. Sie sahen den 42-Jährigen auf dem Weg zum gemeinsamen Mann der Opposition. Inzwischen ist jedoch fraglich, ob es Klitschko nach dem Sturz von Janukowitsch tatsächlich gelingen wird, eine führende Position in der politischen Landschaft der Ukraine einzunehmen. Drei Faktoren sind für diesen Wandel ausschlaggebend: Klitschkos Rolle während der Proteste auf dem Maidan, seine Unerfahrenheit als Politiker und die Freilassung von Julia Timoschenko.

Der letzte Punkt ist wohl der schwerwiegendste. Ende Februar wurde die Anführerin der "Orangenen Revolution" von 2004, in der Viktor Janukowitsch das erste Mal aus dem Amt gedrängt wurde, aus der Haft entlassen. Mit ihrer Rückkehr hat sich das politische Gleichgewicht innerhalb der Opposition verschoben. Während der Proteste auf dem Maidan war Klitschko einer von drei Oppositionsführern, die relativ gleichberechtigt auftraten. Doch in der jetzigen Übergangsregierung sind die Schlüsselpositionen von Vertrauten Timoschenkos besetzt, darunter der Posten des Präsidenten und des Premierministers. Von Klitschkos pro-europäischer Partei Udar dagegen ist kein einziger Vertreter dabei. Als Begründung sagte er, es solle eine Regierung aus Experten sein, die die Krise schnellstmöglich löst. Timoschenkos Partei hielt das jedoch nicht davon ab, einen Großteil der Übergangsregierung zu stellen.

Auch in Zukunft wird es für Klitschko schwer werden: Sowohl er als auch Timoschenko haben angekündigt, bei der Präsidentenwahl im Mai antreten zu wollen. Das macht sie zu direkten Konkurrenten. Timoschenko hat trotz ihrer Zeit im Gefängnis noch immer viel Einfluss und gute Kontakte. "Herr Klitschko hat da gar keine Chance gegen sie", sagte der Osteuropa-Experte Ewald Böhlke in einer Fernsehsendung. "Sie kann im oligarchischen System blendend umgehen mit den entsprechenden politischen Intrigen."

Hinzu kommt, dass Julia Timoschenko noch immer die öffentliche Wahrnehmung auf sich zieht. Nach ihrer Freilassung jubelten ihr die Massen auf dem Maidan zu und auch viele Medien konzentrieren sich auf sie, wie auf der Veranstaltung in Dublin zu beobachten war. Bei ihren Reden rückt sie sich in den Mittelpunkt, über die anderen Oppositionsführer verliert sie kein Wort. Auch Klitschko scheint sie nicht sehr zu schätzen, wie sich in Dublin zeigte.

Dabei spielt auch eine Rolle, dass es dem ehemaligen Boxer während der Proteste in den vergangenen Monaten nicht gelungen ist, wirklich an Autorität zu gewinnen. Das ist der nächste Punkt, warum es für Klitschko auf der politischen Bühne schwieriger geworden ist. "Klitschko wird als Figur kaum ernst genommen", sagte die gebürtige Ukrainerin Marina Weisband von der Piratenpartei in einem Interview, nach dem sie sich ein Bild von den Protesten in Kiew gemacht hatte. Er werde als Ausländer wahrgenommen und spreche kaum Ukrainisch. Tatsächlich gelang es Klitschko weder mit seinem Aufruf zu friedlichen Protesten zu den Leuten durchzudringen noch einen Generalstreik durchzusetzen. Stattdessen wurde der Ex-Boxer mit einem Feuerlöscher angegriffen und nach gescheiterten Verhandlungen mit Janukowitsch mit Pfiffen und "Schande"-Rufen ausgebuht. Auch die anderen Oppositionspolitiker, allen voran der jetzige Übergangspremier Arseni Jazenjuk, sollen Klitschko aufgrund seiner mangelnden politischen Erfahrung während der Proteste nicht ernst genommen haben, berichten Beobachter.

Das ist der dritte Grund, warum Klitschkos künftige Rolle unsicher ist. "Es fehlt ihm an politischer Erfahrung und rhetorischer Ausgereiftheit", heißt es in einem Länderbericht der Konrad-Adenauer-Stiftung. In einem abgehörten Telefongespräch kam heraus, dass deswegen auch die USA gegen eine führende Rolle Klitschkos sind. Er solle erst seine Hausaufgaben machen, bevor er für ein Amt in der Ukraine in Frage komme. Tatsächlich scheiterte Klitschko bereits zweimal bei der Wahl zum Bürgermeistern von Kiew. Seine Partei Udar, kurz für Ukrainische Demokratische Allianz für Reformen, gründete er erst 2010. Sie kämpfe für eine Annäherung an Europa sowie der Durchsetzung einer sozialen Marktwirtschaft und rechtstaatlicher Prinzipien, heißt es auf deren Internetseite. Experten halten Klitschko jedoch vor, dass er mit seinen Aussagen zu unkonkret bleibe. "Er ist kein Volkstribun, und er hat auch keine Messages", sagte der Osteuropa-Experte Alexander Rahr in einem Interview. "Ich habe immer noch nicht verstanden, was er wirklich vorhat für die Zukunft der Ukraine. Ein Politiker muss den Leuten suggerieren, was sie wollen." Und darin sei eine andere Person brillant, so der Experte: Julia Timoschenko.