• Die Histamin-Unverträglichkeit ist unter Allergologen und Ernährungswissenschaftlern sehr umstritten.
  • Fachgesellschaften fehlt es an wissenschaftlichen Belegen. Zudem sehen sie in einer Histamin-armen Diät eine große Einschränkung der Lebensqualität.
  • Hinter den Beschwerden können auch andere Ursachen wie eine Alkoholintoleranz stecken.

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Bei der Bezeichnung Histaminintoleranz wird davon ausgegangen, dass der Körper auf zu viel des Eiweißstoffes in der Nahrung reagiert, weil er ihn nur unzureichend abbauen kann. Dann fehlt ihm das für diesen Vorgang zuständige Enzym Diaminoxidase in ausreichender Menge.

Die Beschwerden scheinen vielseitig: So werden Niesen und Schnupfen, Hautrötungen und Juckreiz aber auch Magen-Darm-Beschwerden beschrieben. Größere Mengen Histamin finden sich zum Beispiel in gereiften Lebensmitteln wie altem Käse, überreifem Obst, Geräuchertem und Gepökeltem, Sekt und Rotwein.

Also einfach auf Histamin-haltige Lebensmittel verzichten und alles ist gut? So einfach ist es aus verschiedenen Gründen nicht.

Expertin: "In der Allergologie kein umstritteneres Krankheitsbild als das der Histaminintoleranz"

Das größte Problem sei die Diagnose der Histaminintoleranz an sich, denn es gebe keine Labortests, die eine solche überhaupt bestätigen können, betonen die führenden deutschen Fachgesellschaften. "Bisher gibt es kein gesichertes Vorgehen zur Diagnostik einer Unverträglichkeit auf oral zugeführtes Histamin", heißt es in der Leitlinie Histamin-Unverträglichkeit, deren Herausgeber unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Allergologie (DGAKI) und der Ärzteverband Deutscher Allergologen (AeDA) sind.

Somit sind sich die Verfasser nicht einmal über die bloße Existenz der Histaminintoleranz im Klaren. "Die wissenschaftliche Evidenz für die postulierten Zusammenhänge ist begrenzt, eine verlässliche Laborbestimmung zur definitiven Diagnose nicht vorhanden", sagen die Experten.

Das betont auch Sonja Lämmel, Ernährungswissenschaftlerin beim Deutschen Allergie- und Asthmabund, auf Nachfrage unserer Redaktion. "Es gibt in der Allergologie kein umstritteneres Krankheitsbild als das der Histaminintoleranz", fasst sie zusammen. "Bis heute konnte kein Wirkmechanismus nachgewiesen werden."

Histamin hat im Körper viele Aufgaben

Wichtig zu wissen ist außerdem, dass Histamin mehr ist als ein Stoff, der eine angebliche Unverträglichkeit hervorruft. Es handelt sich um einen vielseitigen Botenstoff in unserem Körper, der für viele Vorgänge wichtig ist. Das sagt auch Jörg Kleine-Tebbe, der nach eigenen Angaben über viele Jahre zum Thema Histamin geforscht hat.

Im Organismus beschreibt er vier Rezeptoren, also Aufnahmestellen, für Histamin mit den Funktionen Gefäßregulation, Magensäureregulation, Wach- und Schlafrhythmus sowie Immunmodulation. Zudem spielt Histamin bei Allergien als Entzündungsstoff eine wichtige Rolle. "Histamin ist bei ganz vielen normalen physiologischen Vorgängen im Körper auf lokaler Ebene fein reguliert", sagt der Allergologe. "Deshalb ist es viel zu wichtig, als dass der Körper zulassen könnte, dass sein ganzes System durch etwas zu viel aufgenommenes Histamin außer Kontrolle gerät."

Den möglichen Nachweis über den Histamin-Abbau-Stoff Diaminoxidase im Blut hält er für nicht ausreichend. Zur Klärung einer Unverträglichkeit müsste man untersuchen, was im Darm geschieht.

Nur eine Internetdiagnose Histaminintoleranz?

Die seiner Ansicht nach simple Theorie, dass durch zu viel aufgenommenes Histamin im Körper ein Ungleichgewicht mit Unverträglichkeitssymptomen entsteht, hält er deshalb für "großen Quatsch". Ausgenommen davon sind Histamin-Vergiftungen, zu denen es durch eine größere Aufnahme von mehreren hundert Milligramm Histamin, zum Beispiel durch verdorbene Lebensmittel wie schlechten Fisch, kommen kann.

"Die Diagnose Histaminintoleranz ist nach wie vor in erster Linie eine Internetdiagnose und hat sich mittlerweile so verbreitet, dass es ein Riesenproblem geworden ist. Patienten gehen mit selbstgestellten Diagnosen zu Ärzten und erwarten etwas, was man nicht bieten kann", sagt Kleine-Tebbe.

Betroffene sollten in jedem Fall auch an andere Diagnosen denken. Als Beispiel nennt Kleine-Tebbe die Alkoholintoleranz. Bei ihr handelt es sich um eine gestörte Verstoffwechselung von Alkohol, die sich ebenfalls durch eine laufende Nase oder Magen-Darm-Beschwerden äußern kann.

"Aufgrund der umfangreichen klinischen Symptome ist eine breite Differentialdiagnostik zu berücksichtigen", heißt es auch in der Leitlinie Histamin-Unverträglichkeit. Berücksichtigt werden sollten dabei Hauterkrankungen, chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Zöliakie oder allergische Erkrankungen.

Die Fachgesellschaften der Leitlinie raten vom strikten Verzicht von potenziell Histamin-reichen Lebensmitteln ab. Es sei nicht erwiesen, dass dieser zielführend ist. Zudem schränke er die Lebensqualität der Patienten stark ein.

Wiener Professor: Histaminintoleranz lässt sich nachweisen, ist aber aufwändig

Anders sieht das Reinhart Jarisch. Der Wiener Professor hat zahlreiche Publikationen verfasst und gilt als Begründer der Histaminintoleranz. Er betont, dass es durchaus wissenschaftliche Belege zur Histaminintoleranz gibt. Auch den Nachweis im Labor über das Blut betrachtet er als fundiert: "Sie können Histamin im Blut bestimmen und sie können Diaminoxidase im Blut bestimmen."

Sind Histamin und Diaminoxidase im Einklang, gibt es der Theorie zufolge keine Beschwerden. Die Bestimmung des Histamins im Blut sei allerdings aufwändig, sagt Jarisch. "Sie müssen das Blut sofort in Eiswasser geben und in eine Kühlzentrifuge." Diese hätten aber viele Labore nicht und deshalb werde es nicht gemacht.

Das habe zur Folge, dass häufig nur der Diaminoxidase-Spiegel bestimmt wird. "Wenn er niedrig ist, ist die Diagnose klar. Wenn dieser Wert aber normal ist und ich habe das Histamin nicht bestimmt, kann ich eine Histaminintoleranz nicht ausschließen", sagt der Experte. Das Histamin könne trotzdem hoch sein. Sein Team habe nachgewiesen, dass das immer wieder vorkommt und dadurch die Beschwerden entstehen.

"Ich habe das alles sehr genau untersucht. Unsere Erfahrung ist, dass diese Bestimmung über die Blutwerte sehr gut funktioniert", sagt Jarisch. Er habe zu dieser Frage hundert Patienten wiederholt angeschaut. "In allen Fällen haben sich die Histamin- und Diaminoxidase-Werte durch die Histamin-freie Diät deutlich verbessert."

Symptome ja, wissenschaftlicher Nachweis nein

Natalija Novak vom Universitätsklinikum Bonn sieht zwar die Möglichkeit eines reduzierten Histamin-Abbaus im Körper, betont aber auch das Fehlen wissenschaftlicher Möglichkeiten für einen Nachweis der Histaminintoleranz. "Die Histaminintoleranz liegt meines Erachtens zwischen der Internetdiagnose und einer wissenschaftlich fundierten Diagnose", sagt die Dermatologin.

Viele Patienten fänden sich aufgrund der Vielzahl potenziell möglicher Symptome in dem Krankheitsbild Histaminintoleranz wieder, in vielen Fällen könne eine Histamin-Abbaustörung aber nicht diagnostisch belegt werden. "Leider fehlen klare, replizierbar messbare diagnostische Kriterien", erklärt Novak.

"Damit haben wir unsere eigenen Erfahrungen gesammelt und weder bei der Diaminoxidase-Messung, den genetischen Veränderungen sowie standardisierten Provokationstestungen klare Ergebnisse erzielen können."

Ernährungswissenschaftlerin: Genauer Histamin-Gehalt von Lebensmitteln unklar

Ernährungswissenschaftler sehen eine Histamin-arme Diät zudem als komplizierter an, weil gar nicht gesichert sei, auf welche Lebensmittel dann genau zu verzichten wäre. "Da wir keine zuverlässigen Werte über den Histamin-Gehalt von Lebensmitteln haben, und damit meine ich Laboruntersuchungen und keine Befragungserhebungen oder ähnliches, können wir auch keine verlässlichen Aussagen darüber machen, welche Lebensmittel wegzulassen wären", betont Ökotrophologin Lämmel.

Mehr Sinn ergebe es, im individuellen Gespräch mit Betroffenen herauszufinden, welche anderen Ursachen eventuell hinter den Beschwerden stecken. Denn auch wenn die Diagnose Histaminintoleranz zweifelhaft zu sein scheint: der Leidensdruck der Patienten ist real. "Diese Beschwerden gilt es zu bewerten und den Patienten ernst zu nehmen und nicht nur auf ein vermeintliches Krankheitsbild zu reduzieren", sagt Lämmel.

Tipps für Betroffene: Tagebuch und vorsichtige Ernährungsumstellung

Betroffenen wird in der Leitlinie von fast allen Experten empfohlen, ein Ernährungstagebuch zu führen. So können mögliche Zusammenhänge zwischen ihrer Ernährung, dem Alltag und den Beschwerden dokumentiert und ausgewertet werden. Zudem empfiehlt Imke Reese, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Nahrungsmittelallergie der DGAKI, eine dreistufige Ernährungsumstellung.

In der ersten Phase werden Lebensmittel mit potenziell großem Histamin-Gehalt weggelassen und es wird auf eine Vollwertkost umgestellt. Im zweiten Schritt wird die Lebensmittelauswahl langsam erweitert. Dabei werden auch Histamin-reiche Lebensmittel langsam wieder eingeführt. Zudem werden individuelle Einflussfaktoren auf das Wohlbefinden beachtet.

In der dritten Phase werden aus diesen Erfahrungen für den Einzelnen passende Empfehlungen abgeleitet. In der Folge soll nur ein geringer Verzicht auf einzelne Lebensmittel bestehen und das bei einer hohen Lebensqualität.

Über die Experten und Expertinnen: Prof. Dr. Jörg Kleine-Tebbe ist Hautarzt und arbeitet schwerpunktmäßig als Allergologe in Berlin. Zudem war er bis Sommer 2021 Vorstandsmitglied und Koordinator für Presse- und Medienarbeit der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI).
Prof. Dr. Reinhart Jarisch ist in Österreich Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Er arbeitet schwerpunktmäßig als Allergologe. Bis 2010 leitete er ein Allergiezentrum in Wien. Zudem war er Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie. Sein Buch "Histaminintoleranz - Histamin und Seekrankheit" ist in drei Auflagen erschienen.
Prof. Dr. Natalija Novak ist Professorin an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Dort arbeitet sie an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie.
Sonja Lämmel ist Diplom-Ökotrophologin beim Deutschen Allergie- und Asthmabund.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Prof. Dr. Jörg Kleine-Tebbe
  • Gespräch mit Prof. Dr. Reinhart Jarisch
  • Schriftliche Antworten von Sonja Lämmel
  • Schriftliche Antworten von Natalija Novak
  • awmf.org: Leitlinie zum Vorgehen bei Verdacht auf Unverträglichkeit gegenüber oral aufgenommenem Histamin.
  • Webseite von Dr. med. Volker Werner: Die verschiedenen Gesichter der Hitamin-Intoleranz
  • Reese, Imke: Histaminintoleranz - wirklich eine Unverträglichkeit im Sinne einer reproduzierbaren Gesundheitsstörung auf definierte Auslöser? In: Bundesgesundheitsblatt, Ausgabe 6/2016
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