• Die Ampel-Koalition will das Wahlalter auf 16 Jahre senken.
  • Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann hält das für richtig, denn die Jugendgeneration von heute sei in vielen Punkten reifer als ihre Vorgänger.
  • Der Wissenschaftler würde den jungen Menschen noch viel mehr Möglichkeiten einräumen.
Ein Interview

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Jugendliche sollen bereits mit 16 Jahren wählen dürfen. Das wird sehr wahrscheinlich bald zur Realität in Deutschland. Sie unterstützen diesen Schritt ebenfalls, warum?

Klaus Hurrelmann: Die Entwicklung hat sich beschleunigt. Der Übergang von der Kindheit ins Jugendalter ist ein deutliches Zeichen dafür. Die Pubertät hat sich im Lebenslauf der Jugendlichen in den letzten 200 Jahren aller Wahrscheinlichkeit nach um 5 oder 6 Jahre nach vorne verschoben und ist auch in den letzten 50 Jahren nochmal weiter nach vorn gerückt. Junge Männer und Frauen sind heute in dieser Umbruchphase im Durchschnitt schon mit zwölfeinhalb und 13 Jahren. Das heißt, die Lebensphase der Jugend tritt sehr viel früher ein.

Sie meinen, die Jugendlichen sind nicht nur geistig weiter, sondern auch körperlich?

Wir haben heute generell eine andere Entwicklungsdynamik, also sowohl körperlich, psychisch als auch intellektuell und sozial. Das muss man bedenken bei der Frage, ab wann man bürgerliche Rechte übernehmen kann. Insgesamt können junge Leute heute früher als noch vor 50 Jahren einschätzen, was bei einer politischen Wahl vor sich geht. Damals, also in den 1970er Jahren, wurde das Wahlalter von 21 auf 18 Jahre ebenfalls aus solchen Überlegungen herabgesetzt.

Wenn sich die Pubertät so weit nach vorne verschoben hat: Woran liegt das?

Das liegt an vielen Lebensbedingungen. Die Forscher führen das auf die Umstellung der Nahrungsaufnahme, reichhaltigere Lebensmittel, auf Medikamente und vieles mehr zurück. Das hat Einfluss auf die biologisch programmierten Prozesse der körperlichen, der psychischen und emotionalen Veränderungen. Wir müssen auch annehmen, dass die Lebenssituation mit der sich sehr stark beschleunigenden Mobilität und der durch die Digitalisierung stets verfügbaren Informationen unabhängig vom Alter ihre so Wirkung zeigt. Es bilden sich heute ab dem zwölften oder 13. Lebensjahr Lebensvollzüge aus, die vor 50 Jahren in diesem Alter nicht typisch waren.

Was sind Beispiele dafür?

Viele Jugendliche haben bereits ein eigenes Bankkonto, sie haben ein Smartphone, sie sind voll an die Nachrichtenwelt angeschlossen. Sie haben oft intime Kontakte und Beziehungen im Alter von 15 Jahren. Sie haben ein Leben, das sich von dem eines Erwachsenen in vielen Bereichen kaum unterscheidet und sie sind möglicherweise bei der Nutzung von sozialen Medien älteren Menschen überlegen.

Nun ist es in der Wissenschaft schwierig, von gut oder schlecht zu reden. Aber ist dieser frühere Eintritt in die Welt der Erwachsenen positiv oder negativ für die Jugendlichen?

Klaus Hurrelmann, Professor of Public Health and Education, Experte, Interview
Klaus Hurrelmann ist Professor of Public Health and Education an der Hertie School. Sein Forschungsinteresse gilt dem Bereich Gesundheits- und Bildungspolitik.

Die Kategorie gut oder schlecht ist in der Tat keine passende Kategorie, weil wir die Entwicklung sowieso nicht ändern können. Was wir sagen können: Mit der Vorverlagerung der Pubertät und damit auch der Reifung der Persönlichkeit gehen neue Herausforderungen einher. Als 13-jähriges Mädchen oder als 13-jähriger Junge muss ich wissen, wie ich mit meiner Pubertät umgehen kann, ich könnte theoretisch Mutter oder Vater werden. Das stellt junge Leute vor Herausforderungen. Sie müssen mit den neuen Medien umgehen. Das ganze Leben vom Übergang zur Pubertät ist beispielsweise verglichen mit der Großeltern-Generation vor 60 Jahren viel schneller, viel dichter, aber es ist auch viel selbstständiger. Die Jugendlichen müssen viel mehr auf eigene Faust machen, und das verlangt natürlich Kompetenz. Vor 60 Jahren stellten sich viele Fragen in dieser Übergangsphase nicht. Die Schule war vorbei, man lernte einen Beruf. Danach war man berufstätig und gründete eine Familie. Das war eine ganz einfache Taktung, die haben wir heute so nicht mehr. Wir haben viel mehr individuelle Gestaltungsmöglichkeiten.

Warum war die Wahl mit 16 Jahren bisher kein Thema?

Es ist eine Abwägungsfrage: Sollte man das Wahlalter von der Volljährigkeit unabhängig machen? Es gibt viele, die sagen, das ist nicht klug, weil das Ausdrücken seiner Wahlpräferenz auch eine gewisse Verantwortung mit sich bringt. Aus diesem Grund ist es von Vorteil, es mit der Volljährigkeit zu koppeln. Ich selbst finde das Argument wichtig, würde aber dennoch sagen, es ist viel wichtiger, ein Signal an die unter 18-Jährigen zu senden: Wir haben als Gesellschaft erkannt, dass ihr zur Wahl in der Lage seid und gar nicht anders könnt, als euch mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Wir respektieren, dass auch ihr euch beteiligen wollt an der Gestaltung. Und da ist dieser Wahlakt ein sehr wichtiger symbolischer Akt.

Welche Probleme könnte es geben, wenn die Wahl ab 16 kommt? Und was würden Sie Kritikern dazu sagen?

Ich halte das Absenken des Wahlalters auf 16 für einen sehr vorsichtigen Schritt. Ich bin sogar der Meinung, man könnte noch darunter gehen aus den genannten Gründen. Wie bei 18-Jährigen und vielen Älteren gibt es natürlich auch bei den 16- und 17-jährigen Menschen einige, die nicht gut auf die Wahl vorbereitet sind. Sie haben kein Interesse oder sind nicht in der Lage einzuschätzen, wofür die Parteien und die Kandidaten stehen. Doch die 16-Jährigen befinden sich zum großen Teil in der Schule, sodass wir die besondere Situation haben, mit gutem politischen Unterricht dafür zu sorgen, dass der Anteil derer, die nicht genau wissen, worum es bei so einem Wahlakt eigentlich geht, sehr klein ist. Man könnte sogar langfristig das Interesse an Wahlen steigern.

Aber sind Jugendliche unter 18 nicht viel zu sehr abhängig von ihren Eltern, entscheiden sie überhaupt selbstständig?

So wird oft argumentiert, aber hier sprechen die Daten dagegen. Die Eltern können zwar politisieren: Wenn viel über Politik im Elternhaus gesprochen wird, dann sind die Kinder auch politisch interessiert, das ist richtig. Aber bei den Wahlpräferenzen zeigen alle Studien, dass nur die Hälfte der 16- und 17-Jährigen so wählt wie die eigenen Eltern. Die Angst, dass alle Jugendlichen so wählen wie ihre Väter und Mütter, ist also unbegründet. Das wäre auch kein Beinbruch. Es würde ja nur heißen, dass sie mit den Einschätzungen der Eltern übereinstimmen. Eine andere Befürchtung ist, dass junge Leute empfänglich sind für extremistische und demokratiefeindliche Positionen. Auch dafür gibt es kaum Belege.

Gehen Jugendliche bei Ihrer Wahlentscheidung eigentlich anders vor als Erwachsene?

Wir wissen, dass junge Leute Themenwähler sind. Sie schauen genau darauf, wofür eine Partei steht. Sie schöpfen das Parteienspektrum viel stärker aus. Wenn sie begeisterte Tierschützer sind, dann wählen sie die Tierschutzpartei, völlig unabhängig davon, ob sie ins Parlament kommt. Wenn sie wirtschaftliche Krisen und Probleme sehen, wählen sie eine Partei, die sagt, wir sorgen für bessere Arbeitsbedingungen. Das sind aber alles demokratisch nachvollziehbare Mechanismen, die haben nichts mit Unreife oder Fehleinschätzungen von politischen Zusammenhängen zu tun, sondern im Gegenteil, das ist genau die Idee des demokratischen Systems. Man wählt das, was man für sachlich und fachlich richtig hält.

In den meisten Teilen Deutschlands würden Jugendliche Grün und Rot wählen, in Sachsen AfD. Wie ist das zu erklären?

Zunächst einmal: Junge Leute sind wenig ideologisch, das zeigen alle Studien der letzten 20 Jahre. Sie sind, wie schon gesagt, Themenwähler. Wählen sie zum ersten Mal, dann schauen sie auf die Positionen der Parteien und ihrer Kandidatinnen und Kandidaten. So schneidet die Partei der Grünen schon seit mehr als 15 Jahren bei den unter 25-Jährigen sehr stark ab, weil das Thema Klima und Umweltschutz dort mehrheitlich die größte Sorge bereitet. Die SPD schneidet stark ab, weil sie für die Sicherheit von Arbeitsplätzen und Alterssicherung eintritt. Bei der letzten Bundestagswahl hat die FDP erstaunlich gut bei jungen Wählern abgeschnitten, weil die Themen Freiheit, bürgerliche Rechte und Digitalisierung die jungen Leute in der Corona-Pandemie stark interessiert haben.

Und was ist in Sachsen anders?

Der höhere Zuspruch für die AfD in Sachsen könnte bedeuten, die jungen Menschen haben dort den Eindruck, sie sind in wirtschaftlich unruhigem Fahrwasser, sie können sich nicht 100 Prozent darauf verlassen, was auf sie zukommt, und sie befürchten Nachteile vor allem durch Zuwanderung. Die AfD wird als Partei wahrgenommen, die in einer unruhigen Zeit mit gesellschaftlichen Umbrüchen eine klare Sprache spricht, eine eindeutige Position hat und sich für die Rechte von Benachteiligten einsetzt. Und das wird gewürdigt.

Was macht Fridays for Future mit der jungen Generation? Hat die Bewegung Einfluss auf das Wahlverhalten?

Es ist eine sehr starke Bewegung. Es sind fast 5 Prozent aller Jugendlichen, die sich aktiv beteiligen, ein hoher Wert, das haben wir ganz selten. Die Bewegung spricht auch einen großen Teil der Jugend an. Insgesamt kann man von einem Drittel der Jugendlichen ausgehen, der die Positionen von Fridays for Future gut findet. Das erklärt auch das gute Abschneiden der Grünen. Die ganze Jugend-Generation steht allerdings nicht dahinter. Die ist durchaus auch in anderen politischen Lagern unterwegs - bis hin zu rechtsaußen mit einer starken Präsenz der AfD, die bei der Bundestagswahl in ganz Deutschland aber stark abgebremst wurde. Da scheint die FDP im Bereich der Freiheitsthemen der AfD entscheidende Punkte abgeluchst zu haben. Wir haben eine sehr bunte politische Landschaft bei der jungen Generation. So grün, wie man denkt, ist diese Generation nicht, es ist aber ein wichtiger Teil, der auch in andere Bereiche ausstrahlt.

Gab es eine ähnliche Bewegung wie Fridays for Future in der Geschichte schon einmal?

Bis auf die Studentenbewegungen in den 1970er Jahren eigentlich nicht, das ist etwas Besonderes und auch nicht einfach zu erklären. Meine Vermutung ist: Wenn eine junge Generation so politisch wird, hat sie zunächst eine gute wirtschaftliche Position und muss sich keine Sorgen machen, wie es weitergeht - also im ökonomischen Sinne. Sie hat keine Existenzprobleme und deswegen den Kopf frei, um sich Gedanken um die Gesellschaft zu machen. Das würde für heute passen und auch für die Studentenbewegung. In der Zwischenzeit hatten wir große wirtschaftliche Probleme, hohe Arbeitslosigkeit und auch Jugendarbeitslosigkeit. Da scheint es einen Zusammenhang zu geben.

Die damaligen 68er haben mit ihrer Elterngeneration gebrochen. Wie stark ist die Abgrenzung der heutigen Jugend von ihren Eltern?

Die Abgrenzung ist heutzutage eher gering. Auch die Aktiven bei Fridays for Future sagen zwar eindeutig zur älteren Generation: Ihr habt geschlafen, ihr seid dafür verantwortlich, dass wir solche Probleme haben. Aber wir werden euch nicht angreifen, wir brauchen euch, wir brauchen einen Schulterschluss der Generationen, damit wir eine konsequente Umweltpolitik machen und den Globus retten können. Es ist kein Generationenbruch wie bei den 68ern, die die Alten geradezu verhöhnt und zur Seite geschoben haben nach dem Motto: Jetzt kommen wir, ihr Alten habt hier nichts mehr zu suchen, ihr habt das Land in den Nationalsozialismus geführt.

Der Bruch mit der Elterngeneration der 68er hat auch zu neuen Strukturen geführt und zu einer Weiterentwicklung der Gesellschaft. Ist es nicht auch gut, wenn sich Kinder und Jugendliche von ihren Eltern abgrenzen?

Für eine junge Generation ist es sicherlich riskant, wenn sie sich nicht verselbstständigt und keine eigenen Wege geht. Heute haben wir die besondere Situation, dass die älteren Generationen von den Jungen sehr kritisiert werden, aber gleichzeitig gibt es das Kalkül, wir können politisch nichts verändern, wenn wir die mittleren und älteren Generationen nicht einbeziehen. Das Kalkül darf allerdings nicht zu freundlich ausfallen, denn dann versiegt die aufbrechende, aufmüpfige Kraft, die von der jungen Generation ausgeht. In dem Dilemma steckt Fridays for Future. Sie sind deshalb immer wieder bemüht, die Erfolge, die sie erzielt haben, herunterzuspielen. Sie sagen, die Regierung schläft immer noch, das ist noch nicht ausreichend. Innerhalb der Grünen gibt es deshalb große Spannungen. Die Grünen, die jetzt an die Regierung kommen, können es der Umweltbewegung nicht recht machen, da wird es immer Spannungen geben.

Ein großes Phänomen der heutigen Zeit sind Smartphones und Social Media. Sehen Sie das eher als Chance oder Rückschlag für die Entwicklung der Jugend?

Wir haben 5 Prozent der jungen Leute, die durch eine Fehlnutzung der digitalen Medien richtig krank werden. Das deutet darauf hin, dass es einem erheblichen Teil der jungen Leute nicht gelingt, mit den neuen Medien gut zurechtzukommen. Weitere 10 bis 15 Prozent der Jugendlichen haben große Probleme mit der ständigen Verfügbarkeit von Informationen, Unterhaltung und Videos, sie rutschen in eine passive Rolle und sind nicht in der Lage, die vielen Angebote zu kanalisieren oder produktiv nutzen. Andererseits schafft es die Mehrzahl der jungen Leute, bei ihnen sind keine Abhängigkeiten oder andere Auffälligkeiten erkennbar. Sie sind kompetent und gehen konstruktiv mit den Angeboten um. Hier gilt wieder: Es gibt kein gut und schlecht, wir haben keine Möglichkeit, die Entwicklung aufzuhalten. Deshalb brauchen die 20 Prozent der Jugendlichen, die Probleme haben, Unterstützung. Medienpädagogik muss Teil des Lehrplans sein.

Viele Jugendliche haben von der neuen Technik mehr Ahnung als ihre Eltern. Was bedeutet das für die Gesellschaft?

Es gibt Schulen, die machen Fortbildung in der Nutzung von digitalen Medien für Lehrkräfte, und die Fortbildung wird durchgeführt von Schülern. Das ist ein charakteristisches Beispiel. Junge Leute sind in manchen Sachen tatsächlich voraus, aber sie sind nicht automatisch immer kompetent. Unter dem Strich lässt sich sicher sagen, diese Entwicklung kann die junge Generation stark machen. Sie hat mit den digitalen Medien ein Instrument zur Verfügung, mit dem sie die gesellschaftlichen Veränderungen mitsteuern kann. Dadurch haben sie mehr Möglichkeiten, selbstständig zu sein und genau das spricht auch dafür, über eine Absenkung des Wahlalters nachzudenken.

In welchen anderen Bereichen sollte die Gesellschaft ebenfalls auf die Jugendlichen zugehen? Der Führerschein für begleitetes Fahren ab 16 ist ja ebenfalls im Gespräch.

Dafür sind die Erfahrungen auch recht gut, wenn es mit einer langen Übergangsphase der Begleitung durch erfahrene Fahrer gemacht wird. Andere Bereiche wären Kaufverträge, die junge Leute abschließen. Im Wirtschaftsbereich, im Freizeitbereich, im Medienbereich müssen wir über neue Rechte für Jugendliche unter 18 nachdenken. Oder Kindergeld, das bekommen die Eltern bis maximal zum 27. Lebensjahr, obwohl die Kinder da schon oft nicht mehr im Elternhaus wohnen. Da wäre es sinnvoll, über ein Jugend-Geld nachzudenken, dass die Mädchen oder Jungen ab 16 oder ab 14 bekommen wie eine Art Stipendium. Natürlich können sie mit ihren Eltern vereinbaren, dass sie etwas in die Haushaltskasse einzahlen. Alle diese Sachen sollten neu diskutiert werden.

Zum Expteren: Klaus Hurrelmann ist Professor of Public Health and Education an der Hertie School. Sein Forschungsinteresse gilt dem Bereich Gesundheits- und Bildungspolitik. Er war Gründungsdekan der ersten Fakultät für Gesundheitswissenschaften in Deutschland an der Universität Bielefeld. Er ist Mitglied des Leitungsteams mehrerer fortlaufender Studien zur Entwicklung von Familien, Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Zuvor war Klaus Hurrelmann Professor für Sozialisation an den Universitäten Essen und Bielefeld. Er studierte an der Universität Münster und der University of California, Berkeley und promovierte zum Thema Bildungssysteme und Gesellschaft.
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