• Der Ballermann-Hit "Layla" spaltet die Musikszene.
  • Inzwischen wurde das Lied zum Sommerhit des Jahres gekürt.
  • Im Interview mit unserer Redaktion hat der Freiburger Musikwissenschaftler Michael Fischer über Sexismus in Partysongs gesprochen.
Ein Interview

Herr Fischer, warum kommen sexistische Ballermann- und Partyschlager wie "Layla" so gut bei der breiten Masse an?

Michael Fischer: Diese Songs greifen Elemente auf, die für Menschen wichtig sind: Urlaub, Freizeit, Sexualität, oft gepaart mit Alkoholgenuss. Offenkundig antworten die Liedtexte auf Alltagsbedürfnisse, möglicherweise speziell auf die Fantasien junger Männer. Sie werden ja üblicherweise auf Festen und Partys gespielt, diese "Rahmung" darf man nicht vergessen. Dass die künstlerische Umsetzung oft unzulänglich ist und die Songs ethisch problematisch sind, steht auf einem anderen Blatt.

Dennoch nimmt das Bewusstsein für Sprache eine immer größere Rolle ein …

Es gibt in der Bundesrepublik ein gesellschaftliches Milieu, das akademisch gebildet ist und das diese Sensibilisierung vorantreibt. Vollkommen zu recht, wie ich meine, setzen sich Menschen für eine Sprache und für eine soziale Praxis ein, die niemanden diskriminiert oder ausschließt. Allerdings können andere Menschen diesen oft sehr speziellen Diskursen nicht folgen und teilen nicht unbedingt die Ansichten der Eliten oder der Medien. Möglicherweise gibt es hier ein "Übersetzungsproblem", weniger was die Ziele betrifft (diskriminierungsfreies Sprechen und Handeln) als die Mittel.

Was ist hier also zu tun?

Wenig hilfreich ist sicher ein überzogener Moralismus und Rigorismus. Wenn die fortschreitende Humanisierung der gesamten Gesellschaft verfolgt werden soll, muss man alle Menschen erreichen – und nicht die "Massen" in ihrer angeblichen Rückständigkeit abwerten. Umgekehrt gibt es politische Blasen, die rechtspopulistisch argumentieren und quasi auf ihr "natürliches" Recht auf Diskriminierung (etwa von Frauen, Schwulen und Lesben, Ausländern) bestehen.

Kunstfreiheit geht mit Verantwortung einher

Frauenfeindlich, diskriminierend, gewaltverherrlichend, jugendgefährdend – manche Acts provozieren immer wieder mit ihren Songs. Kritiker sprechen an dieser Stelle von Ausnutzung der Kunstfreiheit – wie stehen Sie dazu?

Bei der durch das Grundgesetz geschützten Kunstfreiheit geht es um das Erlaubte, nicht um das gesellschaftlich Erwünschte oder gar das Gute. Die Kunstfreiheit wird durch den Jugendschutz und das Strafrecht begrenzt, nicht von ästhetischen oder ethischen Überlegungen. Einfacher gesagt: Auch Songs, die man vielleicht schlecht findet oder sexistisch sind, dürfen produziert, aufgeführt und gehört werden. Dennoch ist es legitim, vielleicht sogar notwendig, solche Lieder zu kritisieren. Die Kunstfreiheit enthebt die Künstler und Produzenten nicht von ihrer Verantwortung.

Medienwissenschaftler hingegen fordern, Heranwachsende müssten sich selbstständig und reflektiert mit frauenfeindlichen oder politisch inkorrekten Inhalten auseinandersetzen und eine eigene Haltung entwickeln. Ist dieser Spagat möglich?

Das trifft so zu. Jugendliche müssen eine Position in ihrem Leben finden, das gilt natürlich auch für politische und ethische Fragen.

Insofern ist ja die öffentliche Diskussion um Partyschlager hilfreich, weil – im besten Falle – Argumente vorgetragen und miteinander abgewogen werden. Allerdings ist auch zu bedenken, dass sexistische Texte, die massenwirksam werden, wie durch den Schlager oder HipHop, die Grenzen des Sagbaren und die Normen des Zusammenlebens verschieben können.

Sehen Sie eine Verantwortung im Partyschlager, sich von dem Schmuddel-Image zu lösen? Hat Schlager nicht vielmehr das Potenzial, positive Stimmung zu vermitteln, ganz ohne Sexismus und "Sauf"-Attitude?

Auf der einen Seite stellen Musikstücke, Schlager und Popsongs keine Moralimperative dar und sind nicht als Handlungsanleitungen zu verstehen. Diese Offenheit gehört zur Kunst, unabhängig davon, welche ästhetische und ethische Qualität den einzelnen Produkten zugesprochen wird.

Auf der anderen Seite sind die Musiker und Produzenten ohne Einschränkungen für ihre eigenen Produkte verantwortlich. Problematisch ist dabei nicht, dass Sexualität in einen humoristischen Rahmen gestellt wird oder frivol besungen wird – problematisch wird es erst dann, wenn Menschen herabgewürdigt oder diskriminiert werden.

Den Song "Layla" würde ich aber nicht als einen typischen Schlager der Gegenwart bezeichnen. Hier zeigen ja erfolgreiche Mainstream-Künstlerinnen wie Andrea Berg und Helene Fischer, dass auch in diesem Genre Inhalte differenziert dargestellt werden können.

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Wie stehen Sie dazu, das Abspielen von kontroversen Liedern wie "Layla", etwa auf Volksfesten, zu verbieten?

Bisher gibt es ein solches Verbot überhaupt gar nicht, es wäre auch rechtswidrig. Vielmehr hat die Stadt Würzburg beschlossen, dass bei ihren Veranstaltungen keine rassistischen und sexistischen Lieder gespielt werden sollen – eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Es geht ja auch gar nicht um Gebote und Verbote, sondern um die Diskussion, wie wir unsere Gesellschaft gestalten wollen und wie wir über Sexualität sprechen bzw. Sexualität (er)leben. Diese Auseinandersetzung ist wichtig, auch über "Layla" hinaus, ein Song, der diese Aufregung gar nicht verdient.

Zur Person: Prof. Dr. Dr. Michael Fischer, Jahrgang 1968, ist geschäftsführender Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik sowie Honorarprofessor an der Hochschule für Musik in Freiburg. Sein Schwerpunkt liegt in dem Gebiet "Geschichte und Theorie populärer Musik". Von 2004 bis 2013 war er Mitglied der Arbeitsgruppe "Lieder" zur Erstellung eines neuen katholischen Gebet- und Gesangbuches.

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Aufregung um den Ballermann-Hit "Layla": Aufgrund seines sexistischen Texts wollen mehrere Volksfeste das Lied nicht spielen. Warum das der falsche Weg ist und der Debatte um Geschlechtergerechtigkeit damit einen Bärendienst erwiesen wurde, erklärt der Neurowissenschaftler Dr. Henning Beck in der neuen Folge von "Die Psychologie hinter den Schlagzeilen".