Ein Blick auf das Cover von Heinz Strunks neuestem Roman lässt schon Böses erahnen. Hat sich Strunk etwa vorgenommen, ein aus männlicher Sicht beschriebenes Pendent zu Charlotte Roches "Feuchtgebiete" abzuliefern?

Nach eigenen Aussagen: Nein. Nicht wirklich. Obwohl der ehemalige Telefon-Terrorist des Humoristen-Trios Studio Braun gerne zugibt, dass er ohne Frau Roche nie auf die Idee gekommen wäre, die schwere Zeit der jugendlichen Desorientierung auf diese Weise zu verwursten.

Ein Buch von Heinz Strunk zu lesen, ist das eine, dem dazugehörigen Hörbuch zu lauschen, etwas ganz anderes. Es ist nicht so, dass der Harburger nicht mitreißend genug schreiben könnte, aber seine stimmliche Vielfalt, mit der er jedem seiner Charaktere auf unverwechselbare Weise Leben einhaucht, ist nicht nur um einiges witziger als selbst zu lesen, sondern ein echtes Hörerlebnis.

Es ist 1977. Thorsten, 16 Jahre alt und etwas zu klein für sein Alter, fährt mit der evangelischen Sommerfreizeit nach Scharbeutz an die Ostsee. Highlights gibt es zwar nicht viele, aber für den begeisterten Lanza-Heft-Leser ist das Ganze schon Aufregung genug. Bereits vor der Abfahrt hat er mit Darmproblemen zu kämpfen und beschließt kurzerhand sich im Garten des Pfarrhauses zu erleichtern.

Doch dabei soll es nicht bleiben. Thorstens Verdauung wird zu einer Art ekligem Leitthema, welches den Leser durch das ganze Buch begleitet. Mit seiner jugendlichen Stimme pupst und stänkert Strunk mit so viel Empathie für seinen Helden, dass er selber manchmal lachen muss. Dabei schafft er es stets den schmalen Grad zwischen absonderlichem Fäkalhumor und massentauglichem Humor zu gehen – und wird dabei nie wirklich abstoßend.

Mit großer Detailgenauigkeit und entlarvender Spitzfindigkeit nimmt Thorsten seine Mitmenschen – meist in inneren Monologen – auseinander. Schonungslos legt er das nicht selten heuchlerische Verhalten der mitreisenden Erwachsenen dar und lässt auch seine Altersgenossen nicht unbedingt gut aussehen. Doch genauso hart wie er mit seiner Umwelt ins Gericht geht, tut er es mit sich selbst. Thorsten plagen genügend Selbstzweifel und Unsicherheiten, so dass er als melancholischer und oft unfreiwillig komischer Held der Geschichte immer noch sympathisch bleibt.

In Strunks stimmlichem Repertoire befindet sich vom hochmoralischen Pastor Schmidt bis zu Thorstens Flamme Susanne Bohne alles, was das Buch an Charakteren hergibt. Seine schauspielerische Leistung bleibt dem Hörer dabei nicht verborgen. Die "Studio Braun"-Telefonstreiche der vergangenen Jahre und das ein oder andere Hörspiel haben Strunks Stimme geschult und ihn erst richtig in Fahrt gebracht.

Auch wenn Thorstens ausschweifende sexuelle Sehnsüchte unerfüllt bleiben und der auf Jugendfreizeiten übliche Alkoholexzess im Desaster endet, so findet Strunk mit einer Reminiszenz an Günter Grass' "Die Blechtrommel" ein versöhnliches Ende für seinen Helden - und das obwohl Ich-Erzähler Thorsten, weiß Gott, nichts von Klassikern hält ("Grass, Mann, Böll – alles Scheiße").

Die Verpackung mag zwar an "Feuchtgebiete" erinnern, doch wo Heinz Strunk drauf steht, ist auch Heinz Strunk drin. Und damit bekommt man vor allem in der Hörbuch-Ausgabe ein echtes Unterhaltungsprogramm geliefert.

Heinz Strunk auf Lesetour:

20.05. Lagerhalle - Osnabrück

21.05. Gleis 22 - Münster

23.05. Zwischenbau - Rostock

24.05. Kollosseum - Lübeck

26.05. Metro - Kiel

28.05. Fabrik - Hamburg