Vivaldis Jahreszeiten im Tango-Look? Tschaikowskis Todessehnsuchts-Themen als Tango tanzbar gemacht? Haben die Typen denn überhaupt keinen Respekt?

An die immer schneller erfolgende Neu-Versionierung von "Greatest Classical Hits" gewöhnt man sich. Man hatte auch Zeit dazu, immerhin ist es mehr als ein Jahrhundert her, dass sich Klassik-Fremde zum ersten Mal an den geheiligten Symbolen des musikalischen Abendlandes vergriffen haben. Wer regt sich heute noch über verjazzten Bach auf? Das Jacques Loussier Play Bach Trio, die Swingle Singers, Wendy Carlos - die Pioniere von damals sind längst selbst zu Klassikern avanciert.

Und viele folgten ihren Spuren. "Je verrückter, desto besser" scheint das Motto der vergangenen paar Jahre gewesen zu sein. Und was gab es da nicht alles, und wer alles versuchte sich da durch möglichst ausgefallenes musikalisches Neudesign zu profilieren? Möge sich der Schleier des Vergessens über die Frevler ausbreiten!

Und nun Klassik contra Tango. Erste Reaktion: Muss das sein?! Zweite Reaktion: Da bleibt einem auch nichts erspart! (Danke übrigens an Kaiser Franz Joseph für diesen immer wieder passenden Stoßseufzer) Dritte Reaktion: Gar nicht so schlimm. Vierte Reaktion: Vorsichtige Zustimmung.

Fassen wir zusammen: Ja, was sich das Trio Neuklang – Nikolaj Abramson/Klarinette, Jan Jachmann/Akkordeon, Arthur Hornig/Violoncello – ausgedacht ha, ist gewöhnungsbedürftig - vor allem wenn hochemotionale Themen und Melodien aus dem Tangoteppich herauswachsen. Das Lacrimosa aus Mozarts Requiem. Die Themen von Tschaikowskis Pathetique. Aber Vivaldi, Rossini, Schostakowitsch, Grieg? Das geht hervorragend. Die Tango-mäßige Zusammenfassung der Vier Jahreszeiten ist so fetzig wie eine Graphic Novel, bringt das Wichtigste, Einprägsamste und Bekannteste des Werks in vier Minuten, zusammengeschweißt durch Tango. Man ist geneigt zu sagen: Hut ab, genial!

Gefunden haben sich die drei Herren über die Neue Musik, als Georg Katzer Interpreten für eines seiner neuen Werke suchte – Klarinette, Akkordeon und Violoncello ist nicht unbedingt eine gängige Ensembleformation. Und dann kam, nach erfolgreichen Aufführungen dieses Werkes, diese unerwartete Einladung zu einem Musikfestival in Japan, die alles ändere. Denn plötzlich war der Ehrgeiz da, etwas Eigenes, Neues vorzustellen. Man griff zu Schostakowitsch "Aus jüdischer Volkspoesie" und siehe da, es funktionierte. Den Rest kann man nachhören, auf der ersten CD "Lost in Tango", auf der jüngsten CD "Goodbye Astor" und in den Konzerten – oder muss man hier crossover-angepasst "Gig" oder "Show" - sagen?

Fazit: Tango plus Klassik ist frech, spannend, sinnlich, vergnüglich, gut zu hören. Und betrachtet man den Titel "Goodbye Astor. Der letzte Tango von Mozart" mit zusammengekniffenen Augen – um das zu finden, was dahinter stecken könnte - dann bemerkt man, also ich in diesem Fall eine Spur Überheblichkeit ("Hey, Alder, hast ausgedient, wir sind dran!") und einen Hauch von Unmoral. Oder können Sie sich an den "Letzten Tango in Paris" nicht mehr erinnern?