Die Griechenland-Krise spitzt sich immer weiter zu. Auch die Griechen in Deutschland sorgen sich. Viele von ihnen beweisen seit Jahrzehnten, wie man - entgegen gängiger Vorurteile - auch als Grieche Erfolg haben kann. Beispiele aus dem Leben.

Wer kennt sie nicht. Die wohl beliebtesten Stammtischthemen. Sie handeln von Griechen, Kritik über Griechen und beinhalten Witze auf Kosten der Griechen. Dabei gibt es genügend Gegenbeispiele, dass diese eben doch etwas erreichen können. Viele ehemalige Auswanderer haben das bewiesen, und auch die Generation, die hierzulande geboren ist. Aber was kann Griechenland von Exil-Griechen lernen? Ein Beispiel ist Alexandros Mantas. Mit 23 kam er einst nach Deutschland, um hier zu studieren. Er schulte zum Grafikspezialisten um und machte sich in Düsseldorf selbstständig - mit Erfolg.

"Das ist sehr traurig"

2010 war er einer von 15 griechischen Unternehmerinnen und Unternehmern, die vom damaligen Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Thomas Rachel, für die erfolgreiche Integration junger Menschen in die Arbeitswelt gewürdigt wurden. Die Misere in seiner früheren Heimat aber beschäftigt ihn beinahe tagtäglich. Für ihn war es nur eine Frage der Zeit, bis es soweit kommen konnte. "Das ist sehr traurig. Griechenland alleine ist nicht schuld. Nichtsdestotrotz müssen die Griechen jetzt bezahlen", sagt er. Sie könnten in ihrer Demokratie schließlich frei wählen - und hätten zugelassen, dass korrupte Politiker an die Macht kommen. Auf die Frage, was falsch läuft, entgegnet er: "Am einfachsten wäre zu fragen, was richtig läuft. Es läuft nie etwas richtig. Griechenland ist eine korrupte Visage", meint er. "Ohne Korruption können die Leute bei einer Behörde nichts durchbekommen." Mantas rät, die komplette Verwaltung umzustrukturieren. "Junge Griechen, die in Europa gelebt haben und ein anderes Arbeitsethos haben, müssen in die Verantwortung kommen", sagt er. Wie er es in Deutschland geschafft habe? "Fleiß - ich arbeite sieben Tage die Woche, weil es mehr Berufung als Beruf ist."

Vertrauen in die Jugend

Faulheit. Auch das ist ein Vorurteil, mit dem sich die Griechen nicht selten konfrontiert sehen. Der Frankfurter Nikos Kozaris nennt aber andere Gründe für den wirtschaftlichen Abstieg. Der heute 54-Jährige wanderte vor zwei Jahrzehnten aus Nordgriechenland aus - wegen seiner Frau. In Deutschland begann er ein Studium, weil er wusste, dass nur das ihm neue Chancen eröffnen würde. Und so arbeitet er heute als Architekt. Er ärgert sich vor allem über jahrelange Willkür der Banken. "Diejenigen, die nicht dafür verantwortlich sind, werden bestraft. Und diejenigen, die man wirklich zur Verantwortung ziehen müsste, laufen frei herum", sagt er. Die griechischen Banken hätten Kredite ohne jede Sicherheit rausgegeben. "So lief das früher. Es wurde viel Geld an Leute verteilt, die nicht das Einkommen hatten. Die Schuldner sind so direkt in den Bankrott gelaufen", erzählt er. Griechenland müsse geholfen werden, es gebe keine andere Alternative, meint er, "damit das Land wieder anfängt, Straßen zu bauen, Schulen zu renovieren, damit auch kleine Firmen wieder auf die Beine kommen". Auch er vertraut der Jugend. "Die jungen Griechen sind wirklich bereit dazu, etwas zu ändern", sagt er und nennt ein Beispiel: "Früher gab es immer Vetternwirtschaft in der Regierung. Jetzt gibt es erstmals eine neue Regierung und damit etwas Licht am Ende des Tunnels."

"Die EU hat Schaden angerichtet"

Dimitros Psarisakis sieht das skeptischer. "Der Kretaner", sein Restaurant samt Vinothek, schaffte es bei einem Online-Stadtportal unter die Top-10 griechischer Restaurants in Berlin. Psarisakis wanderte 1989 aus. Damals, sagt der heute 48-Jährige, ging es seinem Heimatland gut. "Wäre Griechenland nicht in der EU, würden dort nicht die ganzen deutschen und internationalen Firmen sitzen. Vergleichen Sie doch nur mal, wie es Griechenland vor der EU ging und wie es jetzt ist. Die Leute hatten Arbeit, es gab keine Schulden", meint er und wird deutlich: "Die EU hat Schaden angerichtet." Psarisakis redet leidenschaftlich. Er spricht von nicht nachvollziehbaren EU-Gesetzen. Griechenland brauche keine Poitiker, sagt er, "sondern Leute, die ein bisschen verrückt sind, etwas investieren und erreichen wollen". Auch er ist ein Beispiel, wie es anders geht. Psarisakis stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Seit er in Deutschland ist, war er nie arbeitslos. Das ist ihm wichtig, darauf ist er stolz. "Man braucht Geduld und muss viel arbeiten. Von nichts kommt nichts."

"Keine Korruption mehr. Anders wird es nicht gehen"

Das weiß auch Nikolaos Kagoudis. Hektisch vertröstet er beim Interview auf einen späteren Zeitpunkt. Kunden stehen im Münchner Großhandel, den er leitet, Schlange. "Und die darf man nicht warten lassen." Sein Standpunkt zeigt, wie sehr die Krise die Meinungen der Exil-Griechen spaltet. Auch er kam 1989. "Warum?", fragt er zurück. "Ich war mit der Politik in meiner Heimat nie einverstanden. Dann war ich in Deutschland zu Besuch", schildert er. "Und ich war begeistert davon, wie hier alles funktioniert." In Griechenland werde zu bürokratisch gearbeitet, erzählt er, "von 30 Tagen im Monat saß man 15 bei Banken oder im Finanzamt". Seine Eltern leben noch heute in Thessaloniki. Was sie ihm am Telefon erzählen, macht ihn traurig. Seit Jahrzehnten seien Kredite mit neuen Krediten bezahlt worden. Das Geld ging durch Korruption aber verloren, meint er, "und für die Ökonomie wurde nichts getan". Was die Griechen lernen könnten? Er überlegt kurz und sagt: "Keine Korruption mehr. Anders wird es nicht gehen."

Auch Costa Cordalis hat von diesen Missständen gehört. Der berühmte Schlagersänger ist einer der prominenten ausgewanderten Griechen, die offen sprechen. Schon im Juni 2012 tat er dies in der "ARD"-Talkrunde "hart aber fair". Cordalis nannte die Mentalität als Mitursache. "Wenn der Grieche eine Partei unterstützt, bekommt sein Sohn einen Job beim Staat versprochen", meinte der heute 70-Jährige damals und machte dennoch Mut: Die Griechen hätten schon oft gezeigt, was sie können. 2004 wurden sie Europameister im Fußball und mit ihm selbst ein Grieche zum Dschungelkönig gekürt. Er hatte die Lacher auf seiner Seite. Andere meiden öffentlich Aussagen.