Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek hat sich neuesten Recherchen zufolge wohl nach Russland abgesetzt. Bei der Flucht hatte der 40-Jährige Helfer – die Spuren führen direkt zum russischen Militärgeheimdienst GRU.

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Jan Marsalek ist die Schlüsselfigur im Milliardenskandal um den insolventen Dax-Konzern Wirecard. Der 40-jährige Österreicher ist seit einem Monat auf der Flucht, im Ausland untergetaucht. Über seinen Anwalt hat Marsalek erklären lassen, sich nicht der Justiz stellen zu wollen, seit dem 22. Juni wird er mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Nun gibt es Hinweise, dass Marsalek sich über Belarus (Weißrussland) nach Russland abgesetzt hat. Der Ex-Manager sei auf einem Anwesen westlich von Moskau unter Aufsicht des russischen Militärgeheimdienstes GRU untergebracht, berichtet das "Handelsblatt" unter Berufung auf Unternehmer-, Justiz- und Diplomatenkreise.

Anhand von Flugbewegungen sowie des russischen Ein- und Ausreiseregisters konnten die Investigativ-Plattform "Bellingcat" und der "Spiegel" den spektakulären Fluchtweg Marsaleks nachvollziehen – und brisante Verbindungen aufzeigen.

Flucht über Tallinn nach Minsk

Es ist der Tag von Marsaleks Freistellung, als er die Europäische Union verlässt. Bis zu seiner Suspendierung an jenem 18. Juni war Marsalek für das operative Tagesgeschäft von Wirecard zuständig – einschließlich Südostasien, wo die Affäre ihren Anfang nahm.

In dem Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft München I: Der Bezahldienstleister hat bereits gestanden, dass in der Jahresbilanz 1,9 Milliarden Euro fehlen und das Geld vermutlich gar nicht existiert. Der Börsenkurs des Dax-Konzerns stürzte ab, das Unternehmen meldete Insolvenz an. Kurz bevor Marsalek fristlos gefeuert wurde, tauchte er unter.

Mit einer gecharterten Embraer 650 Legacy fliegt Marsalek laut "Bellingcat" von Klagenfurt über die estnische Hauptstadt Tallinn nach Minsk. Es ist bereits nach Mitternacht, als er in der belarussischen Hauptstadt landet. Wegen des politischen Konflikts zwischen der russischen Führung und dem belarussischen Staatschef Alexander Lukaschenko sei es dem GRU zu riskant gewesen, Marsalek im Nachbarland zu belassen. Deshalb sei er weiter nach Russland geschafft worden – in die Nähe von Moskau.

"GRU und der Inlandsgeheimdienst FSB funktionieren wie ein Staat im Staate", erklärte Russland-Experte Stefan Meister unserer Redaktion bereits vergangenen Dezember in einem Interview. In beiden Geheimdiensten würden kriminelle, informelle Strukturen existieren. Im Fall Marsalek besteht neben einem nachrichtendienstlichen, sicherlich auch ein finanzielles Interesse an dem Österreicher.

Offiziell gibt sich Russland ahnungslos. "Nein, es ist nichts bekannt", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Montag. Die Nachrichtenagentur Interfax meldete, Marsalek werde von den russischen Behörden nicht verfolgt. Demnach gebe es weder ein Strafverfahren gegen den Ex-Manager in Russland noch eine Auslieferungsanfrage. Russland habe auch keine Erkenntnisse über seinen Aufenthaltsort.

Flucht im Businessjet

Der "Spiegel" hatte zuvor berichtet, dass sich im gemeinsamen Ein- und Ausreiseregister von Russland und Belarus eine Eintragung für Marsalek nur Stunden nach seiner Freistellung bei Wirecard finde. Eine Wiederausreise Marsaleks sei in den Datenbanken bislang nicht verzeichnet. Das deute darauf hin, dass sich der Manager weiterhin in Belarus oder in Russland befindet. Beide Staaten hatten bereits seit 1995 Kontrollen an der gemeinsamen Grenze abgeschafft, wegen der Coronakrise waren diese allerdings wieder eingeführt worden.

Das "Handelsblatt" zitierte bereits vergangene Woche aus Kurznachrichten, wonach Marsalek einem Vertrauten geschrieben habe, er könne zur Not "genauso raus, wie ich reinkam, im "Businessjet".

Bereits während seiner Tätigkeit für Wirecard habe sich Marsalek in Gesprächen und Chats zum Geheimagenten stilisiert. Es gibt Hinweise, dass Marsalek bei Besuchen in Syrien sowie bei Investitionen in Libyen eng mit dem GRU kooperiert haben muss. Häufig reiste er auch nach Tschetschenien, dass neben massiven Menschenrechtsverletzungen auch als Geldwäsche-Paradies bekannt ist. Der 40-Jährige soll zudem ein geheimer Informant der FPÖ gewesen sein. Er soll den Rechtspopulisten vertrauliche Informationen vom Verfassungsschutz beschafft haben.

Verbindungen zum russischen Geheimdienst

Ganz sicher bekam Marsalek Hilfe bei seiner Flucht. Zunächst war spekuliert worden, er halte sich auf den Philippinen oder in China auf. Dann wurde jedoch bekannt, dass philippinische Einwanderungsbeamte Daten gefälscht hatten, um die Ein- und Weiterreise des ehemaligen Wirecard-Vorstands vorzutäuschen.

Dafür, dass die Spur nach Russland keine ebenso falsche Fährte ist, spricht Marsaleks auffällig enge Bindung nach Russland: Erstens soll er dem "Handelsblatt" zufolge erhebliche Geldsummen in Form von Bitcoins von Dubai nach Russland geschafft haben. Zweitens soll der russische Inlandsgeheimdienst FSB laut "Bellingcat" und "Spiegel" Marsaleks umfangreiche weltweiten Reisebewegungen seit 2015 ausführlich protokolliert haben.

Und drittens soll Marsalek in den vergangenen zehn Jahren 60 Mal nach Russland gereist sein und dabei sechs unterschiedliche österreichische Pässe benutzt haben. Dazu kommen noch weitere Pässe unbekannter Herkunft, darunter auch ein Diplomatenpass, wohl eines außereuropäischen Staates.

"Seine Einwanderungsakte ist 597 Seiten lang", schreibt "Bellingcat". "Das ist weit mehr als bei jedem Ausländer, dem wir in den fünf Jahren solcher Untersuchungen begegnet sind."

Mit Material von AFP und dpa

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