In Luxemburg sollen Busse und Bahnen künftig umsonst sein. Auch in Deutschland hat die Idee Anhänger – doch eine Umsetzung könnte schwierig werden.

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Mit Bus und Bahn durchs ganze Land – und das ohne etwas dafür zu bezahlen: Ab März 2020 will Luxemburg als erstes Land der Welt kostenlosen Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) einführen.

Kosten sollen nur Fahrten in der ersten Klasse sowie bei privaten Verkehrsbetrieben. Die Vorteile liegen auf der Hand: Bürger können sich einfacher durch Land bewegen und werden finanziell entlastet. Die Verkehrsemissionen und die Zahl der Unfälle sollen sinken, Staus reduziert werden.

Auch Deutschland diskutiert über das Thema – nicht zuletzt weil die Luft gerade in Großstädten sauberer werden muss, um weitere Fahrverbote zu vermeiden.

Im vergangenen Jahr spielte die Bundesregierung kurzzeitig mit dem Gedanken, in fünf Modellstädten kostenlosen ÖPNV zu erproben. In Bayern will die CSU-Landesregierung die Bus- und Bahn-Tickets zumindest deutlich günstiger machen: in Form eines Jahrestickets für 365 Euro in fünf Großstädten.

Auch Fußgänger und Radfahrer steigen um

Die Linke fordert schon länger, öffentliche Mobilität kostenfrei zu machen – und stützt sich dabei auf eine repräsentative Umfrage, nach der auch 71 Prozent der Deutschen die Idee richtig finden. Viele Verkehrsexperten sehen die Idee dagegen skeptisch.

Ob kostenloser ÖPNV sinnvoll sei, hänge immer davon ab, welche Ziele man im Blick habe, erklärt Christian Holz-Rau, Professor für Verkehrswesen und Verkehrsplanung an der Technischen Universität Dortmund.

Ist der ÖPNV kostenlos, haben nicht nur Autofahrer einen Anreiz, auf Busse und Bahnen umzusteigen. Sondern auch Menschen, die sich zuvor besonders umweltfreundlich bewegten: Radfahrer und Fußgänger.

"Wenn es um die Reduktion von Emissionen geht, kann es sinnvoller sein, den Zugang mit dem Auto in die Stadt zu erschweren – etwa durch eine City-Maut oder eine Reduktion von Parkplätzen", sagt Holz-Rau im Gespräch mit unserer Redaktion.

Die estnische Hauptstadt Tallinn bietet den kostenlosen ÖPNV bereits seit 2013 erfolgreich an. Allerdings hat die Kommune mit 430.000 Einwohnern eine eher überschaubare Größe.

Verkehrsexperte Holz-Rau bezweifelt, dass zum Beispiel auch das öffentliche Verkehrssystem in einer Stadt wie München einen weiteren Ansturm verkraften würde: "In den meisten deutschen Großstädten sind die ÖPNV-Systeme in den Spitzenzeiten bereits ausgelastet. Diese Systeme vom einen Tag auf den anderen auszubauen, ist unrealistisch."

Projekte in mehreren Städten gescheitert

Ein weiterer Knackpunkt sind die Finanzen. Das zeigen die Beispiele der brandenburgischen Kleinstädte Templin und Lübben sowie der belgischen Stadt Hasselt: Alle drei Kommunen haben mit dem kostenlosen Nahverkehr mehrere Jahre lang experimentiert – zunächst durchaus erfolgreich.

Die Fahrgastzahlen stiegen beträchtlich, damit allerdings auch die Kosten für die angespannten Haushalte. So rückten die Städte von dem Konzept wieder ab. Nutzen mehr Menschen Bus und Bahn, werden Investitionen nötig: für neue Fahrzeuge, Haltestellen, Verkehrswege.

Ohne die Tickets würde die wichtigste Finanzierungsquelle entfallen: "In Deutschland wird ein relativ großer Teil der Kosten über die Fahrpreise abgedeckt. Zur Zeit liegt der Anteil bei ungefähr drei Vierteln, der Rest wird subventioniert", erklärt Gernot Sieg, Direktor des Instituts für Verkehrswissenschaft an der Universität Münster.

In Luxemburg sei die Situation anders: Dort stammen schon jetzt 90 Prozent der Kosten aus Subventionen. An diesem Streitpunkt ist im vergangenen Jahr auch der Versuch gescheitert, kostenlosen ÖPNV in fünf deutschen "Modellstädten für Luftreinhaltung" einzuführen: Essen, Bonn, Mannheim, Reutlingen und Herrenberg.

Die Oberbürgermeister machten deutlich, dass die Idee nicht zu finanzieren sei. Nun bekommen sie 130 Millionen Euro vom Bund, um den ÖPNV auch ohne den eigentlichen Nulltarif attraktiver zu machen – zum Beispiel mit verbilligten Preisen, höheren Taktungen und neuen Linien.

Soziale Maßnahme für mehr Mobilität

In Luxemburg bezeichnet die Regierung aus Liberalen, Sozialdemokraten und Grünen das Konzept allerdings vor allem als soziale Maßnahme: Mehr Menschen sollen mobil sein.

Auch im estnischen Tallinn wurde der kostenlose ÖPNV eingeführt, als sich viele Bürger in der Finanzkrise die Tickets nicht mehr leisten konnten.

"Wenn man bestimmte Gruppen im Blick hat, gibt es sicher bessere Maßnahmen, um diese Gruppen gezielt zu erreichen", meint dagegen Gernot Sieg. Es gebe in Deutschland üblicherweise bereits eine soziale Staffelung bei den Ticketpreisen oder sogar kostenlose Tickets für finanziell benachteiligte Menschen.

Zudem gelte, so Sieg: "Bei der Entscheidung, ob der ÖPNV benutzt wird, spielt der Preis natürlich eine Rolle. Aber es geht dabei auch um andere Aspekte: höhere Taktfrequenzen und damit geringere Wartezeiten sowie weniger Umsteigen."

Quellen:

  • Gespräch mit Prof. Dr.-Ing. Christian Holz-Rau, Technische Universität Dortmund
  • Gespräch mit Prof. Dr. Gernot Sieg, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
  • Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit: Weitere 130 Millionen Euro für saubere Luft und modernen ÖPNV
  • Le Gouvernement du Grand-Duché du Luxembourg: Kostenloser öffentlicher Transport
  • Die Linke: Themenseite ÖPNV
  • RP Online: In diesen Städten ist der Gratis-Nahverkehr gescheitert
  • Süddeutsche.de: ÖPNV-Ticket für 365 Euro im Jahr
  • Tagesspiegel.de: Kostenloser Nahverkehr ist in anderen Städten gescheitert
  • Welt.de: Absurde Idee vom kostenlosen ÖPNV ist krachend gescheitert
  • Zeit Online: Kostenloser ÖPNV – und die Stadt verdient dran
  • Zukunft Mobilität: Welche Vor- und Nachteile hat ein kostenloser ÖPNV?
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