• Die Corona-Beschränkungen haben zu Verhaltensänderungen bei Kindern geführt, die viele negative gesundheitliche Folgen haben.
  • So spielen diese zum Beispiel weniger draußen und sitzen drinnen mehr vor dem Bildschirm.
  • Das führt zu verstärkter Kurzsichtigkeit.
  • Experten erklären, was Eltern nun tun können.

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Die Corona-Pandemie hat Studien zufolge zumindest in bestimmten Regionen zu noch mehr Kurzsichtigkeit (Myopie) bei Kindern geführt. Zu den wahrscheinlichen Ursachen zähle neben einer erheblich verringerten Spanne draußen verbrachter Zeit ein starker Anstieg der Bildschirmzeit, erläutern Forschende im "British Journal of Ophthalmology".

Die Pandemie drohe mit einer nochmals verstärkten Myopie-Welle unter Kindern einherzugehen. "Die Befunde sind nicht unerwartet, aber eben doch neu", erklärt Norbert Pfeiffer, Direktor der Augenklinik der Universitätsmedizin Mainz. "Die Reaktion sollte sein: Kinder sollen wieder mehr draußen sein, mindestens zwei Stunden pro Tag", betont der Experte der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG).

Mehr neue Myopie-Fälle in Corona-Gruppe

Die Wissenschaftler um Jason Yam von der Chinese University of Hong Kong hatten die Augen von 1.793 Kindern aus der Hong Kong Children Eye Study (HKCES) untersucht, einer laufenden Studie zu Augenkrankheiten bei 6- bis 8-Jährigen. Gut 700 der Kinder wurden zu Beginn der Pandemie (Dezember 2019 bis Januar 2020) in die Studie aufgenommen und rund acht Monate lang beobachtet (Corona-Gruppe), etwa 1.000 Kinder waren bereits zuvor rund drei Jahre lang beobachtet worden (Prä-Corona-Gruppe).

Die Sehschärfe der Kinder wurde gemessen und bei Studienbeginn sowie späteren Klinikbesuchen ihr jeweiliger Lebensrhythmus erfragt, unter anderem, wie viel Zeit sie im Freien und vor Bildschirmen - an Computer, Tablet, Handy, Fernseher oder Spielekonsole - verbrachten.

Rund jedes fünfte Kind (19,5 Prozent) in der Corona-Gruppe entwickelte zwischen Januar und August 2020 eine Kurzsichtigkeit, verglichen mit gut einem Drittel (37 Prozent) der Kinder über einen Zeitraum von drei Jahren in der Prä-Corona-Gruppe.

Unter Einbeziehung von Faktoren wie Alter, Geschlecht, Länge des Beobachtungszeitraums und elterlicher Kurzsichtigkeit lag die Zahl der neuen Myopie-Fälle in der Corona-Gruppe höher. Die geschätzte Ein-Jahres-Inzidenz lag dort bei den 6-, 7- und 8-Jährigen bei 28, 27 und 26 Prozent, verglichen mit 17, 16 und 15 Prozent bei den Kindern der Prä-Corona-Gruppe.

Ergebnisse nicht ohne weiteres auf andere Länder übertragbar

Diese Veränderungen seien mit einer Verringerung der im Freien verbrachten Zeit von etwa einer Stunde und 15 Minuten auf nur noch rund 24 Minuten pro Tag sowie einem Anstieg der Bildschirmzeit von etwa 2,5 Stunden auf etwa 7 Stunden pro Tag zusammengefallen, erläutern die Forschenden. Vergleiche zu früheren Daten der Studie untermauerten den zu vermutenden Zusammenhang zwischen der Pandemie und einem erhöhten Risiko für Kurzsichtigkeit zusätzlich.

Zu berücksichtigen sei dabei, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handele, die einen kausalen Zusammenhang letztlich nicht gesichert belegen könne. Zudem beruhten die Angaben zu draußen und am Bildschirm verbrachter Zeit nicht auf Messungen, sondern der persönlichen Einschätzung der Befragten.

Da die Maßnahmen, Quarantäneregelungen und das Ausmaß von Schulschließungen von Land zu Land variierten, seien die Ergebnisse nicht ohne weiteres auf andere Länder übertragbar, gibt das Team auch zu bedenken. Hongkong sei eine der am dichtesten besiedelten Städte der Welt, in der die meisten Einwohner in Hochhäusern und kleinen Wohnungen mit wenig Platz im Freien lebten. Der wenige Freiraum für Kinder sei mit den Einschränkungen und Verboten im Zuge der Pandemie noch weiter eingeschränkt worden.

Eine Epidemie der Kurzsichtigkeit

Der Einfluss von Lockdowns auf die Myopierate wurde unter anderem bereits mit Brillenwerten von 124.000 chinesischen Schulkindern untersucht. Es zeigte sich unter den jüngeren Kindern, dass nach dem Lockdown mehr Myopie bestand als in den Jahren davor, wie Wissenschaftler im Fachjournal "JAMA Ophthalmologie" berichteten.

Der Unterschied zu den Vorjahren sei mit 0,3 Dioptrien zwar statistisch signifikant, vom Ausmaß her aber gering, erklärt Wolf Alexander Lagrèze, leitender Arzt an der Universitäts-Augenklinik Freiburg und Spezialist für Kinderaugenheilkunde. Dennoch sei die Studie ein weiterer Beleg dafür, dass Lichtmenge und Sehgewohnheiten einen Einfluss auf die Ausprägung von Kurzsichtigkeit haben.

Myopie wird mit beiden Faktoren in Verbindung gebracht: viel Bildschirmzeit und damit Fokussieren im Nahbereich sowie wenig Zeit im Freien bei Tageslicht. Unsere Augen, ein extrem anpassungsfähiges Hochleistungsorgan, reagieren auf unser verändertes Leben und passen sich an die Herausforderung ständigen Nahsehens an - mit einer Epidemie der Kurzsichtigkeit als Folge.

Draußen zu spielen mindert Risiko für Kurzsichtigkeit

Geboren wird ein Mensch mit etwas zu kurzem Auge und damit leichter Weitsichtigkeit. Das Auge wächst, bis es auf die Arbeitsentfernung gut eingestellt ist, also das Bild auf der Netzhaut scharf ist. Eine Myopie ist Folge zu starken Längenwachstums des Augapfels vor allem zwischen dem 8. und 15. Lebensjahr - also genau in dem Alter, in dem viele Heranwachsende kaum vom Handy wegzubekommen sind.

Das Auge verringert so energieaufwendige Muskelarbeit: Die ringförmigen Fasern des Ziliarmuskels, die die Form der elastischen Linse verändern und damit die Brechkraft verstärken, müssen bei Myopie weniger leisten, will man etwas von Nahem betrachten. Der Brennpunkt des Auges liegt dann vor der Netzhaut, entfernte Objekte werden unscharf wahrgenommen.

Ob es vor allem Blicke auf Dinge in mehr als fünf Metern Abstand sind oder aber durch die Sonne vermittelte Einflüsse auf das Augenwachstum, fest steht: Draußen zu spielen mindert das Risiko für Kurzsichtigkeit. Bei einer Studie in China gab es schon deutliche Effekte auf das Augenwachstum, wenn die Kinder für eine Stunde täglich zum Toben nach draußen geschickt wurden.

Klar ist dabei: Nur so lange der Augenkörper noch wächst, lässt sich Einfluss nehmen - und wieder umkehren lässt sich die Entwicklung nicht. "Leider gibt es beim einmal eingetretenen Längenwachstum der Augen kein Zurück mehr", sagt Pfeiffer.

Vor allem asiatische Länder von Kurzsichtigkeit betroffen

Künftig ist mit einer noch kurzsichtigeren Weltbevölkerung zu rechnen: Viele Geräte wie Smartphones gibt es erst seit einigen Jahren, die Bildschirmzeiten sind vielfach extrem gestiegen. Viele Heranwachsende verbringen inzwischen fast den gesamten Tag im Nahsehmodus: Sie checken morgens nach dem Aufwachen die ersten Nachrichten, stöbern bei jeder Gelegenheit durch Portale und verbringen viel Zeit vor Spielekonsolen und bei Streaming-Anbietern. Kaum noch schweifen Augen in die Ferne.

Derzeit sind vor allem asiatische Länder wie China, Singapur, Taiwan und Südkorea extrem von Kurzsichtigkeit betroffen. "Dort liegt die Rate der Myopie unter jungen Erwachsenen über 80 Prozent", sagt Lagrèze, Mitglied der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG). Experten sehen dafür vor allem drei Gründe: Kinder beginnen dort schon sehr jung mit dem Lernen und machen dabei sehr viel Naharbeit, vor- und nachmittags. Sie spielen generell seltener draußen, nicht nur infolge der vielen Schularbeit. Und Unterhaltungselektronik wird üblicherweise schon von Kleinkindern über Stunden täglich genutzt.

"In Europa liegt diese Rate knapp unter 50 Prozent und war in vorherigen Generationen geringer", sagt Lagrèze. "Somit sehen wir in Europa über lange Zeiträume betrachtet ebenfalls eine Zunahme der Myopie, allerdings weniger als in Asien." In den letzten zehn Jahren habe die Myopierate in Deutschland nicht weiter zugenommen.

Ob es im Zuge der Corona-Einschränkungen hierzulande einen verstärkten Trend zu mehr Kurzsichtigkeit bei Kindern gab, lässt sich Lagrèze zufolge nicht beurteilen, weil kaum entsprechende Daten erfasst werden.

Im zweiten Corona-Lockdown haben sich Kinder weniger bewegt

Klar ist aber: Während sich viele Kinder in Deutschland im ersten Corona-Lockdown - bei schönem Frühlingswetter - noch häufig draußen aufhielten, bewegten sie sich einer Studie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) zufolge im zweiten Corona-Lockdown erheblich weniger als üblich. Eine andere Freizeitaktivität legte dafür immens zu: der Medienkonsum. Im Mittel saßen die an der Studie beteiligten 4- bis 17-Jährigen 222 Minuten am Tag vor Bildschirmen, 28 Minuten länger als im ersten Lockdown.

Nach der Ende vergangenen Jahres vorgestellten JIM-Studie erfuhren die 12- bis 19-Jährigen 2020 noch einmal einen deutlichen Schub in der Ausstattung mit Mediengeräten. Der persönliche Besitz eines Computers oder Laptops stieg von 65 auf 72 Prozent, der eines eigenen Tablets von 25 auf 38 Prozent.

Die tägliche Internetnutzungsdauer stieg nach Einschätzung der Jugendlichen von 205 Minuten im Jahr 2019 auf 258 Minuten in 2020, vor allem im Bereich Unterhaltung. Die durchschnittliche Nutzungsdauer digitaler Spiele stieg um 40 auf 121 Minuten.

Gefährlicher Cocktail für die Gesundheit

Eine zunehmend kurzsichtige Bevölkerung bedeutet nicht nur mehr Brillen- oder Kontaktlinsenträger: Bei stark ausgeprägter Myopie steigt das Risiko im Zuge von Erkrankungen wie Makuladegeneration, Netzhautablösung oder Glaukom erheblich, im Laufe des Lebens zu erblinden. Hinzu kommt, dass wenig Bewegung bei hohem Medienkonsum in der Kindheit generell ein gefährlicher Cocktail für die Gesundheit ist. Er habe in dieser lebensprägenden Entwicklungsphase Auswirkungen auf das gesamte Leben, warnen Experten. Zudem würden aus inaktiven Kindern mit großer Wahrscheinlichkeit inaktive Erwachsene.

Gravierend seien gerade für Kinder und Jugendliche zudem die psychosozialen Konsequenzen der Lockdowns, ist Lagrèze überzeugt. Sie abzumildern, sollte für diese "von der Politik wenig beachtete Gruppe unserer Gesellschaft ohne Interessensvertretung" aktuell im Fokus stehen. "Das Kinderrecht auf Bildung sollte gestärkt und die Bildschirmzeit reglementiert werden."

Es gelte, bei den Einschränkungen für Kinder nicht genauso weiterzumachen, ist auch Norbert Pfeiffer überzeugt. Draußen sei die Ansteckungsgefahr bei jeglicher Viruserkrankung gering - und Aufenthalt im Freien, am besten mit Sport verbunden, sei nicht nur für die Augenentwicklung, sondern auch für die Ausbildung des Immunsystems und die physische Entwicklung positiv, betont auch er. (ff/dpa)

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