Eines der berühmtesten Orakel der Antike war an der Westküste Italiens zu finden. Im 6. Jahrhundert vor Christus soll Sibylle von Cumae in einer mystischen Grotte vielen Ratsuchenden die Zukunft exakt prophezeit haben. Die Höhle ist heute eine Touristenattraktion. Aber wie viel ist dran an der mythischen Geschichte?

Finster und lang war der Gang hinab zur Höhle. Wie aus dem Nichts tauchten immer wieder Gestalten auf, die schaurige Schatten warfen. Ebenso schnell verschwanden sie wieder.

Sieht so das Totenreich aus? Das fragte sich der sagenhafte Held von Troja, Aeneas, als er die Seherin Sybille von Cumae aufsuchte. Er wollte dort etwas über seine Zukunft erfahren. Die berühmte Priesterin empfing Ratsuchende in einer geheimnisvollen unterirdischen Grotte, nahe dem heutigen Neapel.

Für das heilige Orakel der Sybille war die Stadt Cumae an der Westküste Italiens in der Antike bekannt. Der Andrang war groß: Menschen aus ganz Italien und Griechenland strömten dorthin.

Obwohl es über 20 Orakel-Stätten im antiken Griechenland gab, war die der Sybille etwas Besonderes. Denn die Seherin hatte mit ihren Vorhersagen angeblich oft genug richtiggelegen.

Der hohe Stellenwert von Weissagern

Sibylles Ruhm hatte aber auch damit zu tun, dass sie ihre Prophezeiungen in neun Büchern aufschrieb. Bekannt waren diese der Sage nach unter dem Namen Sybillinische Schicksalsbücher. Für einen gigantischen Preis soll die Priesterin ihr Werk dem römischen König Tarquinius Superbus angeboten haben. Ihm waren die Bücher zu teuer.

Dieses Städtchen gilt als magischster Ort Englands.

Doch sie erhöhte den Druck und verbrannte sechs Bände. Danach kaufte der König endlich die übrigen drei und erklärte den Inhalt zum Staatsgeheimnis. Nur 15 auserwählte Männer durften in Krisensituationen darin lesen.

Im Altertum hatten Weissager eine lange Tradition. Das griechische Wort Prophet bedeutet "für jemand anderen sprechen". Seher hatten einen direkten Draht zu Göttern und verkündeten deren angeblichen Willen als eine Art menschliches Sprachrohr.

In den heiligen Orakel-Stätten arbeiteten Sibyllen und Propheten. Ihnen glaubten Bauern und Könige jedes Wort und handelten entsprechend. So nahmen Orakel sogar Einfluss auf die Geschichte.

Unheimliche Rituale im heiligen Orakel

Bevor die Orakel-Priester bei Apollon, dem Gott der Weissagung, die Zukunft erfragen konnten, mussten sie bestimmte Rituale befolgen. Zuerst sollten sie sich in einen rauschhaften Zustand begeben.

Dazu atmeten sie beispielsweise Lorbeerdämpfe oder vulkanische Gase ein, die aus den Erdspalten emporstiegen. Anschließend tranken die Propheten einen Schluck mineralhaltiges Wasser, setzten sich auf eine Säule und bespritzten ihre Füße sowie den Saum ihres Gewands damit. In der Hand sollen sie einen heiligen Stab gehalten haben.

Den Mythen zufolge rief die Sibylle von Cumae dem Ratsuchenden am Eingang als erstes zu: "Fordert die Sprüche. Schnell! Der Gott, oh schauet, der Gott!" Dann plötzlich verwandelte sie sich: Ihre Miene und Gesichtsfarbe änderten sich. Sie atmete schwer und ihr Haar löste sich. Wilder Wahnsinn trat durch ihre Stimme hervor, die nichts Menschliches mehr hatte. So beschrieb es jedenfalls der römische Dichter und Historiker Virgil.

Aeneas suchte in der Grotte nach seiner Bestimmung

Ob Aeneas den gleichen Anblick vor sich hatte? Der spätere Gründer Roms traf eingeschüchtert in der Grotte der Weissagung ein – gebeutelt durch das Verwirrspiel von Licht und Schatten im 131 Meter langen Stollen. Vor allem aber steckte ihm die anstrengende Flucht aus dem zerstörten Troja in den Knochen.

Bei seinem ersten Besuch eines Orakels war ihm vorausgesagt worden, er werde einmal Stammvater einer mächtigen Dynastie. Doch nachdem er sich im Trojanischen Krieg verletzte und seiner Heimat den Rücken kehren musste, glaubte er nicht mehr daran.

Als er vom Orakel der Sibylle von Cumae erfuhr, suchte er es sofort auf. Er hoffte, diesmal wirklich die Wahrheit zu hören. Der Legende nach begegnete er in der Unterwelt seinem verstorbenen Vater. Der bestätigte das erste Orakel und gewährte seinem Sohn einen Blick in ein noch unbekanntes Imperium: das sagenhafte Rom.

Im lateinischen Epos "Aeneis" von Vergil stieg Aeneas dann tatsächlich zum Herrscher über ganz Italien auf.

Archäologen entdecken unterirdische Gänge

Bis ins 20. Jahrhundert dachte man allerdings, die Orakel-Stätte sei bloß eine fromme Erfindung. Doch in den 1920er Jahren führten Archäologen Ausgrabungen im Bereich des ehemaligen Apollon-Tempels von Cumae durch. Sie stießen dabei nicht nur auf Reliefs, die die Verehrung der Sibylle zeigte, sondern auch auf eine Höhle sowie verzweigte unterirdische Gänge.

Die Wissenschaftler waren sicher: Genau hier muss sich im 6. Jahrhundert vor Christus auch das heilige Orakel befunden haben. An den Seiten der Höhle befinden sich zahlreiche Spalten und Löcher.

Durch sie fällt Licht in den Gang, der sich dadurch an ein paar Stellen aufhellt. Das erklärt die merkwürdigen Abschnitte von Licht und Dunkelheit, die die Hilfe suchenden Menschen ängstigten. Heute zieht die Sibyllengrotte zahlreiche Touristen an.