• Die Flutkatastrophe im Ahrtal hat viele Menschenleben gekostet und ganzen Ortschaften massive Schäden zugefügt.
  • Nach dem Schock wird die Frage nach Ursachen und Konsequenzen aktuell werden.
  • Ein Biologe erklärt, warum der Starkregen gerade dort so fatale Folgen hatte und warum die Klimakrise dabei sehr relevant ist.

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Herr Büchs, Sie kennen das Ahrtal sehr gut, weil sie wissenschaftlich dort gearbeitet haben. Wie wirkt die Flutkatastrophe auf Sie?

Wolfgang Büchs: Ich habe auch familiäre Beziehungen in die Region. Meine Schwester arbeitet in einer Apotheke, die total zerstört wurde. Es sieht aus wie nach einem Krieg. Das ist alles wirklich schrecklich.

Es gibt viele Täler in Deutschland – warum im Ahrtal, warum mit solchen Folgen?

Wir können historisch zurückverfolgen, dass es schon mehrere parallele Ereignisse gegeben hat, etwa am 30. Mai 1601, am 21. Juli 1804 und am 12./13. Juni 1910. Die Ursache für diese Hochwasser ist meistens Starkregen am Oberlauf der Ahr, im Bereich des Trierbaches, des Adenauer Baches und des Kesselingerbaches.

Warum wirkt sich der Starkregen hier so fatal aus?

Die Ahr hat mit rund 900 Quadratkilometern eigentlich ein relativ kleines Einzugsgebiet. Das grundsätzliche Problem ist, dass das typische Gestein – Schiefergestein aus dem Devon mit Silikaten – quasi komplett wasserundurchlässig ist. Wenn es da zu Starkregen kommt, fließt der einfach ab ins Tal. Die Seitenbäche verlaufen zudem sehr steil, da bekommt das Wasser eine hohe Geschwindigkeit. Das macht das Ahrtal zu einer Art Trichter, in der so ein starker Regen gesammelt sehr schnell große Wassermassen bildet, die sich dann mit Gewalt ihren Weg suchen.

Wie stark war die Flut vom 15. Juli im Vergleich?

Die Flut stellt alles bisher Gewesene in den Schatten, auch die Hochwasserkatastrophe von 1910. Konkret begann sie mit einem Starkregen in der Gegend von Adenau, also in der Nähe des Nürburgrings. Am 14. Juli fielen 120 Millimeter pro Quadratmeter, während es zum Beispiel in Bonn deutlich weniger war. Die Wasserstände sind dann extrem schnell angestiegen. Der Pegel bei Altenahr lag am 13.7. um 23 Uhr noch normal bei 70 Zentimeter. Am 14.7. stieg er bis 13 Uhr schon auf 105 Zentimeter, um 19 Uhr auf 242 Zentimeter. Am 15.7. zwischen drei und vier Uhr nachts wurden dann 574 Zentimeter gemessen. Das war die Spitze – und die war gewaltig.

"Es wurde sehr viel falsch gemacht"

Aber diese Art von Geologie gibt es doch anderswo auch?

Nur nicht in dieser extremen Form. In der Eifel entleeren sich von Westen kommende Wolken gerne zum ersten Mal. Jetzt kam hinzu, dass im Osten ein ausgeprägtes Hochdruckgebiet wie ein Riegel quer stand und dazu führte, dass sich das Regengebiet immer im Kreis gedreht und entleert hat. Dass im Ahrtal die zuführenden Bäche so steil sind und dass das Wasser nahezu komplett abfließt, hat die Katastrophe komplett gemacht. Und dann haben wir natürlich die ganzen Sünden der Vergangenheit.

Was meinen Sie damit?

Es wurde sehr viel falsch gemacht.

Was?

Man hat in den 1970er-Jahren bei der Flurbereinigung und in der Zeit danach Bäche begradigt, Flurstücke deutlich vergrößert und im Weinanbau auch Abflussrinnen geschaffen, die senkrecht den Hang hinabführen. Das passt einfach nicht zu dieser Landschaft.

Es geht also nicht nur um Starkregen an sich, sondern auch um die Art der Bewirtschaftung?

Es werden mitunter Weinberge der Einfachheit halber in der Hanglinie bewirtschaftet statt quer, was ökologisch besser wäre. Das trifft auch auf Äcker in den Hochflächen zu, wo Grünland, dessen Boden Wasser gut speichern kann, durch Mais für die Stallfütterung ersetzt wurde. Hinzu kommt Versiegelung – Straßen, Gewerbeflächen mit wasserundurchlässigem Belag. Das sind alles Puzzlesteine. Und dann wirkt da eines mit dem anderen zusammen – und in irre schneller Zeit sammelt sich sehr viel Wasser an.

Hat man nie überlegt, das Ahrtal auch mit technischen Mitteln besser zu schützen?

Doch, schon im 19. Jahrhundert hat man Sohlschwellen eingebaut und kleinere Wehre geschaffen, um die Geschiebefracht der Ahr zu reduzieren. Und in den 1920er-Jahren hat man als Reaktion auf die Flut von 1910 in großem Umfang Regenrückhaltebecken geplant, im Oberlauf der Ahr, im Trierbach, im Wirftbachtal und im Adenauer Bach.

"Bei den Sperren ist es bei den Planungen geblieben"

Was leisten solche Sperren?

Das sind technische Sperren, die nur bei Starkregen aktiviert und geschlossen würden, ansonsten kann das Wasser frei fließen. Man hat damals Sperren mit einem Fassungsvermögen von 11,5 Millionen Kubikmetern geplant. Damit könnte man eine Hochwasserwelle locker kappen. Es ist aber bei den Planungen geblieben.

Warum?

Nach meinen Recherchen wegen des Baus des Nürburgrings, der 1927 eingeweiht wurde. Es war so kurz nach dem Ersten Weltkrieg kein Geld da, um beides zu machen, die Wahl fiel auf den Nürburgring. Eine Rennstrecke wirkte auf die Regierung in einer Zeit, in der sich die Automobile in die Allgemeinheit ausbreiteten, attraktiver als der Hochwasserschutz. So habe ich das zumindest im Landesarchiv in Koblenz den Unterlagen entnommen.

Sind Sie als Biologe und Naturfreund bei solchen Plänen nicht auch skeptisch?

Anders als mit einer Regenrückhaltung bekommen Sie das Problem wegen den naturräumlichen Gegebenheiten dort wahrscheinlich nicht in Griff.

Schon seit vielen Jahren fördern Bund und Land die Renaturierung im Ahrtal. Wie beurteilen Sie das?

Es ist natürlich völlig richtig, der Ahr wieder mehr Platz zu geben, sie mäandrieren zu lassen, die Ufer mit Weiden und Erlen zu bepflanzen und Überschwemmungsflächen zu schaffen. Das sind völlig sinnvolle Maßnahmen, die man da schon ergriffen hat. Sie sind bestens dafür geeignet, die Bevölkerung besser gegen die normalen Hochwasser zu schützen und gehören zum selbstverständlichen Repertoire – auch deshalb, weil das ganze Ahrtal überregional für Biodiversität wichtig ist.

Inwiefern?

Das kommt von der wirklich einmaligen Mischung von Klimabereichen auf sehr kurzer Distanz. Sie reicht von subalpiner Vegetation mit Vogelarten wie dem Tannenhäher und Pflanzen wie dem Blaugras bis zu submediterranen Bereichen mit Vögeln wie der Zippammer und einer wärmeliebenden Insektenfauna. Dazwischen gibt es Schluchten mit der Hirschzunge und Hohlwege aus Lehm mit Solitärbienen. Man findet auf sehr engem Raum eine irre Vielfalt an unterschiedlichen Lebensbedingungen. Wir haben bei unseren Untersuchungen alleine 2.000 Käferarten und 1.300 Pflanzenarten gefunden.

Könnten die Menschen im Ahrtal jetzt vielleicht vermuten, die Renaturierung trage zumindest Mitschuld an der Katastrophe?

Das wäre ein Denkfehler.

"Selbst Renaturierung reicht nicht aus, um ein solches Extremereignis zu verhindern"

Warum?

Zusätzlich dazu, dass das Tal wie ein Trichter ist, kommen zusätzliche Gefahren eben zum Beispiel aus früheren Begradigungen, dem früheren Entfernen von Ufervegetation und problematischen Praktiken im Weinbau. Die Naturschutzmaßnahmen dagegen helfen sehr, weil sie den Fluss in seiner Fließgeschwindigkeit verlangsamen und einiges mehr. Aber wie wir leider gesehen haben, reichen selbst solche Maßnahmen nicht aus, um das Tal gegen ein solches Extremereignis zu schützen. Da sehe ich Regenrückhaltebecken – auch in den Seitentälern – als nötig an.

Es ist im Zusammenhang mit der Katastrophe im Ahrtal aktuell viel von der Klimakrise die Rede – für wie relevant halten Sie dies?

Die Klimakrise ist sehr relevant. Wir müssen davon ausgehen, dass solche Wetterlagen wegen der Erderwärmung und allem, was damit zusammenhängt, öfter auftreten. Aber es geht dabei nicht nur um die Häufigkeit und Intensität von Starkregen und um die dringend nötige Reduktion unseres Ausstoßes von Treibhausgasen.

Sondern?

Es geht zum Beispiel auch um die Art der Forstwirtschaft, um das hitzebedingte Fichtensterben. In der Eifel hat man – wie in vielen anderen Regionen auch – schon im 19. Jahrhundert damit begonnen, die natürlichen Eichen-Buchen-Wälder durch die schnell wachsenden und damit profitableren Fichten zu ersetzen. Heute rächt sich das.

Wodurch?

Wenn Fichten absterben, dann stirbt auch das Wurzelwerk ab und die Kapazität des Bodens sinkt, Wasser aufzunehmen. Überall Fichten zu pflanzen, war einer der größten Fehler. Den bezahlen wir jetzt teuer. Insofern ist auch die Forstwirtschaft sehr beim Hochwasserschutz gefragt.

Was wünschen Sie der Region?

Kurzfristig kann man der Region nur viel Kraft wünschen, diese schweren Tage durchzustehen – und dann den Wiederaufbau mit Mut auch für eine Neuplanung vieler Bereiche anzupacken. Wir müssen uns alle der Tatsache stellen, dass die Klimakrise da ist und wir sie nicht mehr weiter vor uns herschieben können. Es geht insgesamt darum, die CO2-Emissionen zu reduzieren, und regional darum, andere Wege zu finden, auch im Umgang mit Wasser und Natur. Es wird nötig sein, wirklich alles auf den Prüfstand zu stellen, um weiteren solchen Katastrophen vorzubeugen.

Korrektur: In einer früheren Version hieß es zu den Regenfällen am 14. Juli: "Am 14. Juli fielen 120 Millimeter pro Stunde und Quadratmeter." Der Regen fiel allerdings im Laufe eines Tages. Wir haben die Stelle korrigiert.

Über den Experten: Der Biologe Wolfgang Büchs, Gastprofessor an der Universität Hildesheim und früherer wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Pflanzenbau und Bodenkunde des Julius-Kühn-Instituts, kennt das Ahrtal gut. Er ist unter anderem Hauptautor einer dreibändigen Monographie, die 2003 im Auftrag des Landesamts für Umwelt Rheinland-Pfalz entstanden ist.
Dieser Beitrag stammt vom Journalismusportal RiffReporter. Auf riffreporter.de berichten rund 100 unabhängige JournalistInnen gemeinsam zu Aktuellem und Hintergründen. Die RiffReporter wurden für ihr Angebot mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.
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