In der Diesel-Debatte geht es hauptsächlich um Stickoxide. Fast verdrängt aus dem öffentlichen Bewusstsein: Der Feinstaub. Dabei ist der für die Gesundheit weitaus schädlicher. Woher kommt der Feinstaub und steht der Verkehr zurecht im Fokus?

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Für Menschen, Tiere und Pflanzen ist saubere Luft lebensnotwendig. Die Liste der Luftschadstoffe, die Mensch, Flora und Fauna schaden, ist lang: Stickstoffoxide, Schwefeldioxide, Kohlenmonoxide, Schwermetalle, Kohlenwasserstoffe, Ozon ...

Die Quellen sind dabei völlig unterschiedlich: Sie reichen von Landwirtschaft und Verkehr über Verbrennungsprozesse in Kraftwerken, Lösemitteleinsatz in der Industrie und Emissionen durch Privathaushalte.

Ähnlich sieht es bei den Umweltfolgen aus: Die Versauerung von Ökosystemen zählt ebenso dazu wie übermäßige Nährstoffanreicherung, gesundheitsschädliche Ozonbelastungen oder Atemwegserkrankungen beim Menschen.

"Schadstoff des Jahres"

Zum "Schadstoff des Jahres" dürften wohl aber die Stickoxide gekürt werden: In der aktuellen Diesel-Debatte stehen sie als Schadstoffwert im Autoverkehr immer wieder in Form von NOx oder NO2 am Pranger.

Sie entstehen als unerwünschte Nebenprodukte hauptsächlich im Verkehr - und zwar bei der Verbrennung von Brenn- und Treibstoffen bei hoher Temperatur.

Aber ist es berechtigt, dass im Zuge der Diesel-Affäre alle über die Gefahr durch Stickoxide sprechen?

Viele Experten meinen: Nein. Denn die Debatte über die Stickoxidbelastung durch unzureichend entgiftete Dieselmotoren hat einen anderen Schadstoff beinahe verdrängt: Den Feinstaub.

In den Augen vieler Experten ist dieser für die Gesundheit des Menschen viel entscheidender – denn er dringt über die Atemwege tief in die Lunge ein und ruft Entzündungen im Blutsystem hervor.

Nach Angaben des Umweltbundesamtes sterben pro Jahr 45.000 Menschen an den Folgen der Feinstaubbelastung – mehr als zehn Mal so viele wie bei Verkehrsunfällen.

Meersalz bis Saharastaub

Was aber ist Feinstaub überhaupt? Das Umweltbundesamt schreibt: "Teilchen in der Luft, die nicht sofort zu Boden sinken, sondern eine gewisse Zeit in der Atmosphäre verweilen."

Ewald Thoma, Informatiker mit dem Nebenfach Meteorologie und Ehrenamtlicher beim Feinstaubmessprojekt "luftdaten.info" klärt auf: "Die stoffliche Zusammensetzung ist so vielfältig wie es Stoffe gibt. Zusätzlich lagern sich Partikel an andere Partikel an und reagieren miteinander."

Jeder unserer Atemzüge enthalte eine Vielzahl an Teilchen – darunter auch gelegentlich Meersalz bis hin zu Saharastaub.

Je nach Größe würden die Partikel in unterschiedliche Fraktionen unterteilt: Die Fraktionen "PM10" und "PM2.5" bezeichnen dabei alle Staubteilchen, deren aerodynamischer Durchmesser kleiner als 10 beziehungsweise 2,5 Mikrometer ist.

Noch kleinere Teilchen würden als Ultrafeinstaub (UFP) bezeichnet. Als Faustregel gelte: Je kleiner die Teilchen sind, umso gefährlicher sind sie.

Feinstaubkanonen des Alltags

"Feinstäube werden überall erzeugt, nicht nur im Verkehr und auf Straßen“, weiß Biologe Prof. Dr. Hardy Pfanz von der Universität Essen. Grundsätzlich unterscheide man Feinstaub natürlichen Ursprungs – etwa Pollen und Pilzsporen - und durch menschliches Handeln erzeugten Feinstaub.

Quellen dafür seien neben Kraftfahrzeugen auch Heizwerke, Abfallverbrennungsanlagen, Tierhaltung und Industrieprozesse.

Pfanz nennt Beispiele: "In Wohngebäuden übersteigt Zigarettenrauch bei geschlossenen Fenstern den europäischen Grenzwert schon bei einer bis zwei Zigaretten pro Raum um den Faktor 20-50.

In Büroräumen sind Laserdrucker wahre Feinstaubkanonen, ebenso Erntemaschinen in Getreidefeldern. Auch Laubbläsern müssten eigentlich Staubbläser heißen."

All das werde stillschweigend toleriert, während bei Dieselmotoren schnell in panischen Aktionismus verfallen werde.

Der Experte wird noch deutlicher: "Staubsaugen oder das Ausmisten von Kleintierkäfigen kann weit gefährlicher als das Sitzen an manchen Verkehrskreuzungen sein. Kerzen erzeugen dramatisch hohe Feinstaubwerte. Weihnachtsfeiern in Kirchen mit Weihnachtsbäumen an denen echte Kerzen brennen, müssten eigentlich aus gesundheitlichen Gründen verboten werden."

Verkehrsemissionen wenig verdünnt

Dr. Ulrich Vogt vom Institut für Feuerungs- und Kraftwerkstechnik der Universität Stuttgart aber warnt: "Je nachdem, welche Zahlen man heranzieht, kann man zu ganz anderen Schlüssen kommen."

Er führt aus: "Laut Daten des Umweltbundesamtes von 2013 ist der Verkehr nur zu 15 Prozent für die Emission von Feinstaub der Fraktion PM10 verantwortlich. Die Landwirtschaft trägt mit 22 Prozent, private Haushalte mit 16 Prozent und Industrieprozesse mit 39 Prozent zur Belastung bei. "

Den Schluss, der Autoverkehr habe keinen so großen Anteil an der Luftverschmutzung, dürfe man dennoch nicht ziehen. Vogt erklärt, warum: "Die Emissionen eines Kraftwerks werden in 200 bis 300m Höhe frei gesetzt. Bis sie den Erdboden erreichen, sind sie schon sehr viel stärker verdünnt als am Austritt des Schornsteins."

Im Gegensatz dazu stünden die Verkehrsemissionen, so Vogt: "Sie werden aufgrund des geringen Abstands vom Auspuff bis zum Ort der Einwirkung nur sehr wenig verdünnt."

Feinstaub durch Abriebe

Die Emissionen des lokalen Verkehrs seien daher viel stärker zu bewerten. "Große Kraftwerke stehen selten inmitten einer großen Stadt, aber an einem verkehrsreichen Standort beträgt der Weg der Emission des Straßenverkehrs bis hin zur Messstation und zum Menschen, der am Straßenrand die Luftverunreinigungen einatmet, nur ein paar Meter."

Betrachte man einen Hotspot wie etwa das Neckartor in Stuttgart, so ergebe sich ein anderes Bild. "Dann stammen 40 Prozent vom lokalen Straßenverkehr, und zwar von Partikeln aus Abriebvorgängen und deren ständiger Wiederaufwirbelung," so Vogt.

Sieben Prozent stammten aus den Auspuffen der Fahrzeuge und zwei Prozent von kleinen und mittleren Feuerungsanlagen, zu denen etwa Holzfeuerungen, Gas- und Ölheizungen zählten.

Die restlichen Prozente verteilen sich zu jeweils 25 Prozent auf Emissionsquellen die sich in größerer Entfernung in Stuttgart befinden und Emissionsquellen, die außerhalb der Stadt angesiedelt sind.

"Die relativ hohen Emissionen aus den Quellen Industrie, Landwirtschaft, Energiewirtschaft machen sich lokal an einem Hotspot oftmals nur marginal bemerkbar", folgert Vogt.

Wetterabhängige Messergebnisse

Für die Messung von Feinstaub existiert eine Vielzahl an Messmethoden: Mikroskopische Verfahren, Sedimentation oder Verfahren, die mittels der Wechselwirkung von Licht arbeiten.

Experte Thoma sagt: "An einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit kann die Konzentration und die stoffliche Zusammensetzung des Feinstaubs völlig unterschiedlich sein."

Das erklärt er wie folgt: "Die Konzentration wird hauptsächlich durch die meteorologischen Verhältnisse bestimmt, wenn keine starke lokale Quelle in der Nähe ist."

Wandel auf allen Ebenen

Stehen der motorisierte Individualverkehr und der Schwerlastverkehr beim Thema Feinstaub berechtigterweise im Fokus?

Experte Thoma meint: "Ja, aber nicht alleine!" Individualverkehr und Schwerlastverkehr leisteten vor allem durch Reifen- und Bremsabriebe einen bedeutsamen Beitrag.

Besonders kritisch sei die hohe Anzahl an Ultrafeinstaubpartikeln an verkehrsreichen Straßen. Dafür gebe es bisher noch nicht einmal Immissionsgrenzwerte.

Thoma erinnert: "Allgemein lässt sich sagen: Die wichtigste künstliche Quelle ist der Feinstaub, der aus Verbrennungsprozessen entsteht." Das umfasse aber auch den Flugverkehr oder die Autoherstellung. "Allein auf den Straßenverkehr abzuzielen ist zu kurz gedacht", meint auch Experte Pfanz.

Warum aber bringt man in der Öffentlichkeit die Belastung durch Feinstaub meist nur mit Industrie, Straßenverkehr und Kraftwerken in Verbindung?

Umweltpsychologe Prof. Dr. Gerhard Reese von der Universität Koblenz-Landau meint: "Knisterndes Kaminfeuer und Kerzenschein sind Wohlfühlmomente, die wir uns ungern nehmen lassen wollen. Es ist einfacher, auf die böse Industrie und den Verkehr zu schimpfen, anstatt am eigenen Verhalten etwas zu ändern. "

Genau da brauche es aber Wandel: "Wir müssen auf allen Ebenen - Industrie, Politik und letztlich dem eigenen Verhalten - Veränderung anstoßen."

Ewald Thoma ist Informatiker mit dem Nebenfach Meteorologie. Ehrenamtlich ist er beim Projekt "luftdaten.info" aktiv. Prof. Dr. Hardy Pfanz ist Biologe und forscht an der Universität Duisburg-Essen. Prof. Dr. Gerhard Reese ist Umweltpyschologe an der Universität Koblenz Landau. Dr. Ulrich Vogt ist Ingenieur am Institut für Feuerungs- und Kraftwerkstechnik der Universität Stuttgart.

Verwendete Quellen:

  • Umweltbundesamt: "Gesundheitsrisiken der Bevölkerung durch Feinstaub"
  • T-Online: "Diesel? Die Politik ignoriert ein viel größeres Problem"
  • ruhrmobil-e: Feinstaub: "Woher kommt er, wie gefährlich ist er und wie kann man ihn messen?"
  • Startup-Report: "Feinstaub durch Kerzen: Belastung höher als durch Industrie"
  • Auto-Motor-und-Sport: "Zahl der Verkehrstoten gesunken"
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