• Es ist eine traurige Bilanz: Die Vögel in Deutschlands Natur werden immer weniger.
  • Das hat Auswirkungen auf das Ökosystem und somit uns alle.
  • Allerdings kann jeder Einzelne etwas dagegen tun, betont eine Expertin im Interview.
Ein Interview

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Ihr Singen ist leiser geworden, der Vogelbestand in Deutschland nimmt kontinuierlich ab. Das gäbe Anlass zur Sorge, schrieb kürzlich der Naturschutzbund (NABU) in einem Artikel auf seiner Homepage, da der Verlust der Vögel Schäden an unseren Ökosystemen und ihren Funktionen mit sich bringe.

Wieso Vogelschutz so wichtig für jeden von uns ist und was man als Einzelperson für den Schutz der Vögel tun kann, erklärt Dr. Angelika Nelson. Sie ist Biologin beim LBV (Landesbund für Vogelschutz), der NABU Partner in Bayern, und engagiert sich im Bereich Umweltbildung.

Frau Nelson, wieso betrifft Vogelschutz jeden von uns?

Angelika Nelson: Vögel sind ein ganz wichtiger Teil von Ökosystemen, denn sie erfüllen darin viele verschiedene Funktionen. Zum Beispiel helfen Vögel bei der Verbreitung von Samen. Amseln und Stare, die in Sträuchern Beeren fressen, scheiden die unverdaulichen Samen mit ihrem Kot an anderer Stelle wieder aus. Ein anderes Beispiel sind Eichelhäher. Sie sind sehr wichtige Vögel, die bereits ganze Wälder gepflanzt haben. Eichelhäher vergraben Samen eines Baumes im Boden und wenn sie sie nicht mehr wiederfinden, sprießt es später.

Vögel fressen die von uns ungeliebten Stechmücken

Können Sie mir ein weites Beispiel nennen?

Vögel fressen auch Insekten, die in großen Zahlen bei uns Menschen nicht so beliebt sind. Ich denke da an Stechmücken, die teilweise auch Krankheiten übertragen können. Mauersegler oder Schwalben helfen, diese Plagegeister zu reduzieren, indem sie sich von ihnen ernähren. Man merkt: Alle Teile eines Ökosystems hängen zusammen und schlussendlich sind wir ja auch Teil des Ökosystems. Das heißt, alles, was wir in der Natur verschlechtern, kommt früher oder später auch wieder auf uns zurück. Teilweise merken wir das ja heute auch schon.

Nun ist bekannt, dass die Vogelpopulation seit Jahren kontinuierlich abnimmt. Woran kann eine einzelne Person das ausmachen?

Wenn man aufmerksam die Natur beobachtet, im Wald oder auf Feldern und Wiesen spazieren geht, merkt man schnell, dass weniger gesungen wird. Das bedeutet, dass sich unsere Klangwelt stark verändert. Gerade im Frühjahr ist man es gewohnt, dass viele Vögel singen und den Frühling ankündigen. Aber leider wird dieses Singen immer leiser und auch weniger vielfältig. Das belegt auch eine kürzlich veröffentlichte wissenschaftliche Studie. An anderer Stelle kann man die Abnahme des Vogelbestandes am eigenen Futterhäuschen im Garten beobachten. Eine Futterstelle ist normalerweise vor allem im Herbst und Winter sehr beliebt, wird aber nicht mehr von allzu vielen Vögeln wie früher besucht oder eben von einer nicht mehr so großen Vielfalt an Vogelarten.

Gibt es bestimmte Vogelarten, die besonders betroffen sind vom Populationsrückgang?

Ja, das sind unsere Feldvögel, wie beispielsweise die Feldlerche. Mit Feldvögeln meine ich Vögel, die auf Agrarflächen oder Wiesen brüten. Der große Brachvogel, die Uferschnepfe und der Kiebitz sind Beispiele für besonders betroffene Vogelarten. Der Kiebitz war früher ein unglaublich häufiger Vogel hier in Bayern. Mittlerweile ist dessen Population aber stark zurückgegangen. Das hat vor allem damit zu tun, dass sich in der Landwirtschaft so viel geändert hat. Denn sie wird immer intensiver und der Gebrauch von Pestiziden und Insektiziden verschlechtert oder zerstört gar den Lebensraum dieser Vögel.

Jeder kann zum Schutz beitragen

Mit welchen Maßnahmen kann man diesen Wiesenvögeln helfen?

Ich denke, da ist es am besten, mit einem Naturschutzverband zusammenzuarbeiten. Es gibt verschiedenste Artenschutzprojekte, in die man sich ehrenamtlich einbinden kann. Hier hilft also nur ganz aktiver Naturschutz wie das Einzäunen von Flächen und Besucherlenkung. Darüber hinaus gibt es ständig Mitmachaktionen, durch die Daten gesammelt werden. So kann man beobachten, wie sich die Vogelwelt verändert. Wenn man etwas länger Zeit hat, ist auch ein Bundesfreiwilligendienst super. Das ist eine tolle Möglichkeit, über ein Jahr hinweg den Vogelschutz zu unterstützen. Gut zu wissen dabei ist, dass der Bundesfreiwilligendienst nicht altersgebunden ist. Das wissen wohl die Wenigsten.

Und wie kann ich von zu Hause aus aktiv werden?

Wenn man einen Garten oder Balkon hat, kann man diesen naturnah gestalten. Das Wichtigste ist wohl, dass man wilde Ecken zulässt, in denen man beispielsweise Brennnesseln wachsen und die Natur Natur sein lässt. Das ist nicht nur gut für die Vögel, sondern vor allem für die Insekten, die sich dort drinnen verstecken und später als Nahrungsquelle für die Vögel dienen. Aber auch Igel und andere kleine Säugetiere finden hier ein Versteck, das ihnen Schutz bietet. Es muss nicht immer eine wilde Ecke sein, sondern auch Sträucher, Hecken und Bäume, die zum Beispiel eine Rasenfläche umsäumen, unterstützen Vögel. Ein selbst angelegter Teich im Garten dient Vögeln als Trinkwasserquelle.

Fenster als gefährliche Falle

Kann ich auch helfen, wenn ich keinen Balkon oder Garten besitze?

Biologin, Landesbund für Vogelschutz, Bayern, LBV
Die Expertin und Biologin: Dr. Angelika Nelson

Klar. Ein wichtiger Faktor, der die Vogelwelt negativ beeinflusst, ist unsere Bebauung. Denn es geht immer mehr Grünland verloren, weil mehr und mehr Siedlungen und Gebäude entstehen. Die Gefahr für Vögel sind dort zum Beispiel große Fenster, denn wegen dieser kommt es häufig zu Vogelschlag. Das bedeutet, dass die Vögel gegen die Fenster fliegen und infolgedessen sterben. Um das zu vermeiden, kann man ganz einfach Vorhänge montieren. Aber auch Katzen können zum Problem für Vögel werden. Man sollte darauf achten, dass die eigene Katze im Frühjahr nicht draußen unterwegs ist, denn sie sind von Natur aus Jäger und jagen deshalb viele Jungvögel. Man darf nicht unterschätzen, was das für Auswirkungen auf die Vogelpopulation hat. Darüber hinaus hilft den Vögeln auch die Plastikmüllvermeidung. Landet eine Plastikverpackung im Wald oder Wasser, gelangt Mikroplastik in die Nahrungskette, wo es auch von Vögeln gefressen wird. Teilweise ersticken die Tiere dann daran.

Laut NABU ist vor allem der Brutvogelbestand stark zurückgegangen. Er dokumentiert seit 1980 das Verschwinden von circa 600 Millionen Brutvögeln in Europa, das sind rund 19 Prozent der zuvor bestehenden Anzahl dieser Vogelart. Wie kann man diesen besonders gefährdeten Vögeln helfen?

Brutvögel sind primär diejenigen Vögel, denen wir helfen können und auch müssen. Denn sie verbringen den wichtigsten Teil des Jahres, die Fortpflanzung, bei uns in Deutschland und sind deshalb darauf angewiesen, dass wir ihnen Lebensraum zur Verfügung stellen, in dem sie brüten können. Und das Brüten ist Voraussetzung dafür, dass die Art am Leben bleibt. Ein Beispiel ist der Wiedehopf (Vogel des Jahres 2022), der gerade in Bayern sehr selten und leider gefährdet ist. Wir wissen von nur rund zehn Vogelpaaren, die hier brüten. Ihn kann man am besten durch das Mitwirken bei Artenschutzprojekten unterstützen. Dafür werden Nistkästen ausgehängt und ihm somit eine Brutmöglichkeit geboten. Denn neben dem Verschwinden seines Lebensraumes durch die Landwirtschaft fehlen ihm Brutmöglichkeiten. Der Wiedehopf braucht alte Obstbäume, die Löcher haben, in denen er eine Höhle zum Brüten findet. Ein anderer betroffener und typischer kleiner Brutvogel ist das Braunkehlchen. Bei seinem Schutz geht es primär um Landwirte, die ihre Fläche vogelfreundlicher nutzen sollen. Deshalb ist auch hier das Engagement bei Artenschutzprojekten besonders zielführend.

Warum ist es Ihrer Meinung nach so wichtig, sich als Einzelne oder Einzelner im Vogelschutz zu beteiligen und nicht nur auf Maßnahmen in der Politik zu vertrauen?

Die Politik, das sind ja im Prinzip wir. Denn wir geben den Politikern und Politikerinnen unsere Stimme. Damit möchte ich betonen, dass der Vogelschutz nicht nur Sache der Politik ist, sondern jeden Einzelnen und jede Einzelne von uns betreffen muss. Man kann wirklich so viele Dinge im alltäglichen Leben tun, indem man sich bewusst darüber ist, wie man seine eigene Umwelt beeinflusst. Aber natürlich kann nur die Politik wirklich großen Fortschritt im Vogelschutz bewirken, deshalb kann man sich auch politisch engagieren, indem man bei Demonstrationen mitmacht und Gesetzesänderungen fordert. In der Artenvielfalt konnten hier in Bayern in letzter Zeit auch einige Erfolge erzielt werden. Zum Beispiel darf man nicht mehr so nah an Bächen oder Flüssen pflügen und Dünger ausbringen, womit wir wieder in der Landwirtschaft wären.

Über die Expertin: Die studierte Biologin Dr. Angelika Nelson ist seit 2018 im LBV im Bereich der Umweltbildung tätig. Ihr Ziel ist es ,Jung und Alt für unsere natürliche Umgebung und Lebewesen zu begeistern. Außerdem möchte Sie durch ihre Arbeit andere Leute zum Vogelschutz anregen.

Verwendete Quellen:

  • Telefon-Interview mit Dr. Angelika Nelson, LBV (Landesbund für Vogelschutz)
  • NABU.de: Jeder sechste Vogel in der EU verschwunden
  • NABU.de: Der Wiedehopf: Vogel des Jahres 1976 und 2022
  • Studie in der Naturkommunikation: Declines in bird communities create quieter springs
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