Sie arbeiteten an der tödlichsten Grenze Europas. Der eine auf westdeutscher, der andere auf ostdeutscher Seite. Heute sind sie Freunde. Unsere Reporter haben sich mit Alfred Eiber und Holger Bienert im ehemaligen Grenzgebiet getroffen und stellten fest: Während den Westdeutschen die Teilung Deutschlands heute noch beschäftigt, hat der Ostdeutsche die Geschichte bereits hinter sich gelassen - nur der Schießbefehl nagt noch an ihm.

Eine Frau schleicht durch die Nacht. Immer wieder duckt sie sich, blickt sich nach möglichen Verfolgern um. Doch alles ist still. Heute ist der Tag, an dem sie aus der DDR fliehen will. Die Frau kniet sich vor einem Abflussrohr nieder, blickt hinein. Dunkelheit. Sie zwängt sich kopfüber durch das 50 Zentimeter dicke Rohr. Dann rutscht sie 50, 60 Meter in die Tiefe. Eine verstopfte Stelle und sie würde steckenbleiben. DDR-Grenzbeamte könnten sie entdecken. Doch sie hat Glück. Platsch. Die Frau fällt in die Saale. Sie schwimmt auf die andere Seite des Ufers, die Seite der BRD. Sie hievt sich aus dem Wasser, robbt an Land. Frei. Endlich frei.

Alfred Eiber (li.) zeigt Reporter Andreas Maciejewski sein ehemaliges Einsatzgebiet. Im Hintergrund: Das Dörfchen Mödlareuth, das vor 25 Jahren noch geteilt war. Teile der Grenzanlagen stehen heute immer noch und sind nun ein Museum.

Dieser Fluchtversuch spielte sich 1987 ab. Alfred Eiber, der damals an der innerdeutschen Grenze im Einsatz war, erzählt die Geschichte. Er deutet mit dem Finger auf die Stelle, an der sich die Frau an Land rettete. Er kennt jedes Detail des Fluchtversuchs. Er kennt viele Geschichten von geglückten und missglückten Fluchtversuchen - als ob er selbst dabei gewesen wäre.

Eiber war Polizeihauptmeister bei der Grenzpolizei im westdeutschen Hof. Schon sein Vater war Grenzer. 1955 fing auch Eiber dort an. Sein Einsatzgebiet erstreckte sich über 80 Kilometer, aber eigentlich war er ein Bürohengst. Am Schreibtisch habe er jede Beobachtung seiner Grenzer bearbeitet, überprüft und notiert. Jeder Flüchtling sei von ihm empfangen worden, bevor er der Kripo übergeben wurde. "Alles ging über meinen Tisch", sagt Eiber.

Heute ist er wieder in seinem ehemaligen Einsatzgebiet unterwegs. Er trifft sich mit Holger Bienert, einem ehemaligen DDR-Grenzer. Mit dem früheren Klassenfeind ist er mittlerweile befreundet. Etwa zwei-, dreimal im Jahr sehen sie sich, sprechen über die alten Zeiten. Heute ist wieder so ein Tag.

Wie ein wandelndes Mauer-Lexikon

Eiber steht vor seiner Wohnung in Hof. Er ist schlank und hat dichte weiße Haare, trägt braune Wanderschuhe, Jeans und eine blaue Jacke. Unter seinen rechten Arm hat er einen dicken, roten Ordner geklemmt. Darin befinden sich Zeitungsausschnitte, über die Zeit vor der Wende, die Mauer, Fluchtversuche. Eiber öffnet die Tür unseres Autos und setzt sich auf den Beifahrersitz. Wir fahren los zur ehemaligen Grenze.

Eiber ist ein wandelndes Mauer-Lexikon. Zahlen, Daten und Fakten sprudeln nur so aus ihm heraus. Er verfällt schnell in die Ausdrucksweise, mit der er wohl auch früher gesprochen hat. Mit leichtem fränkischen Akzent spricht er von "denen da drüben", "dem Russen", "dem Ami". Er sitzt im Auto, beginnt zu gestikulieren. Die Fluchtgeschichte der Frau ist längst nicht die einzige, die er zu erzählen hat.

Alfred Eiber (re.) über Holger Bienert: "Ich wusste gleich, dass der ein Guter ist."

Alle paar Kilometer deutet er aufgeregt mit dem Finger aus dem Fenster: Dort sei ein Mann auf seinen Lastwagen geklettert und mit einer einfachen Holz-Leiter über die Mauer gehüpft. Hier hätten sich zwei DDR-Grenzer gemeinsam durch ein Loch gezwängt und seien gemeinsam geflohen. Und hier sei Anfang der 1980er-Jahre eine neue Version der Mauer gebaut worden. "Wunderzaun" nennt ihn Eiber. Einfacher zu bewachen, schwieriger zu bezwingen. Schlicht: tödlicher.

Pilze sammeln und Kaffee trinken statt Flüchtlinge schnappen

Dort wo früher der "Wunderzaun" stand, steht heute Bienert und wartet auf Eiber. Sie begrüßen und setzen sich. Eiber legt den roten Ordner auf den Holztisch, spricht währenddessen weiter. Bienert lehnt sich zurück, lässt Eiber erzählen.

Bienert ist die Art Mensch, mit dem man abends gerne im Wirtshaus sitzt. Er ist 58, wirkt mit seinem Bauchansatz und seinem lichten Haar aber etwas älter. Bienert war DDR-Grenzaufklärer. Meistens durchfuhr er mit dem Motorrad das Hinterland an der Mauer, sollte nach Unterschlupfen von Flüchtlingen suchen. In seinen 15 Jahren habe er aber nie einen entdeckt oder gar festgenommen, sagt er heute. Dafür sei er regelmäßig mit Taschen voller Pilze nach Hause gekommen. Auch zum Kaffeetrinken sei mal Zeit gewesen. Manchmal war er auch direkt an der Mauer auf Streife. Fluchtversuche? Die habe er auch hier nie miterlebt.

Holger Bienert (li) und Alfred Eiber auf einer Brücke über der Saale. Vor 25 Jahren trennte der Fluss West- und Ostdeutschland.

Eigentlich wollte der in Chemnitz geborene Bienert zur Grenzbrigade an die Küste. Er landete aber an der innerdeutschen Grenze. "Es war ein gut bezahlter Job", erklärt er. "1.600 DDR-Mark. Dazu wurde eine Wohnung, so 45 Quadratmeter, gestellt." Für Bienert gab es damals nur wenig Grund zu klagen. Trotz seiner privilegierten Stellung sei er nie in der SED gewesen. "Da bin ich stolz darauf", sagt Bienert. "Ich durfte als Parteiloser da rumhüpfen, wo andere nicht rumhüpfen durften: ganz vorne an der Grenze." Er schmunzelt. "Wenn ich mich im Politikunterricht dumm angestellt habe, haben sie gesagt: Du darfst nicht mehr auf Grenzdienst". Trotzdem sei er wieder hinausgeschickt worden. Bienert grinst.

Schießbefehl? "Den gab’s. Den gab’s"

Nur einmal reißt Bienert das Gespräch an sich – wenn es um den Schießbefehl geht. Bei diesem Thema wird Bienert lauter, redet sich in Rage. "Wenn jemand sagt, es gab keinen Schießbefehl, ist das Nonsens. Den gab’s!" Er macht eine kurze Pause. Seine eigentlich ruhige Stimme wird erneut lauter: "Den gab’s! Den gab’s!"

Er hätte aber nie geschossen - selbst wenn er einen Flüchtling gesehen hätte, sagt er. Höchstens in die Luft. Viele seiner Kollegen hätten ebenso gehandelt. Da ist sich Bienert sicher. "Denken Sie, dass hier jeden Tag rumgeballert wurde. Wie im Wilden Westen?" Eiber schaltet sich ins Gespräch ein. Schon wieder sprudeln Fakten aus ihm heraus: "Pro Jahr gab es hier im Schnitt sechs, sieben Fluchtversuche, erst in den 1980er Jahren wurden es mehr."

Gemeinsam mit Bienert beugt er sich über den roten Ordner, Bienert blättert darin. Bei manchen Artikeln verharrt er, erinnert sich an Fluchtversuche und Erzählungen darüber. "Er hat eine so umfassende Sammlung. Wenn ich das gemacht hätte, wäre ich heute noch nicht fertig." Es scheint auch nicht so, als ob Bienert überhaupt Lust darauf hätte. Eiber hat offenbar mehr Spaß daran, die Vergangenheit zu archivieren: "Er war ohnehin nie so gut informiert wie ich", sagt er und lacht.

Knöpfchen drücken und Buch schreiben

In seiner Wohnung hat sich Eiber einen Raum eingerichtet, in dem er alles rund um die Mauer sammelt. Sein roter Ordner, den er dabei hat, ist bei Weitem nicht der einzige. Etliche weitere stehen bei ihm zu Hause. Er will die Vergangenheit aufarbeiten und schreibt an einem Buch darüber.

Eiber hat die Zeit dafür. Direkt nach dem Mauerfall ging er in Pension - aber nicht freiwillig. Sein Job verlangte ihm zu viel ab. Es war ein stressiger Job. Eine 70-Stunden-Woche sei die Regel gewesen. Wegen Bluthochdrucks quittierte er den Polizeidienst. Mittlerweile hat er sich erholt. Eiber ist 77 Jahre alt, sieht aber jünger aus.

Bienert arbeitet immer noch, als Polizeibeamter im Innendienst: "Ich nehme Anzeigen auf. Sonst drücke ich nur das Knöpfchen und öffne unseren Kunden die Tür", sagt er im tiefsten sächsischen Akzent. Heute ärgert er sich, dass seine Zeit bei der Grenzpolizei nicht angerechnet wird. Sonst hätte er schon längst 40 Dienstjahre voll und könnte in Rente gehen.

"Ich wusste gleich, dass der ein Guter ist"

Kennengelernt haben sie sich erst nach dem Mauerfall. Über einen gemeinsamen Freund, der ebenfalls Grenzer auf der westdeutschen Seite war. Vor der Wende durften sie nicht miteinander sprechen. Das DDR-Regime erteilte ein Sprechverbot mit Westlern. Selbst jemanden auf der anderen Seite der Mauer zu grüßen stand unter Strafe. Nur manchmal brachen die DDR-Grenzer diese Vorschriften. Auch dafür hat Eiber die passenden Zahlen parat. Anfangs habe er nur ein bis drei Gespräche pro Jahr registriert. 1989, als es in der DDR schon zu kriseln begann, hätten die Beamten sogar 38-mal miteinander gesprochen.

Eiber kannte sein Gegenüber trotzdem schon vor der Wende. Mit dem Fernglas beobachtete er regelmäßig die Grenze. Dabei fiel ihm Bienert auf. Eiber blättert in seinem roten Ordner. Er kramt ein Foto von Bienert in Uniform hervor. "Da war er noch schlank", sagt Eiber schmunzelnd. Bienert ist überrascht. Er wusste offenbar noch nicht, dass ihn Eiber zuvor schon beobachtet hatte. Er nimmt das Foto, blickt auf seine jüngere Ausgabe und scherzt: "Ja, die Uniform passt heute nicht mehr."

Eiber fällt noch eine Anekdote ein. Andere deutsche Grenzer seien vom jungen Bienert eingeschüchtert gewesen. "Du stehst da, als würdest du sagen: Was wollt ihr da drüben?" Bienert greift nochmal nach dem Foto, schüttelt den Kopf. "Wovor soll man da Angst haben?" Eibers Antwort: "Hatte ich auch nicht – die anderen aber. Ich wusste gleich, dass der ein Guter ist." Mehr als ein verlegenes Brummen ist von Bienert darauf nicht zu hören.

Die beiden verabschieden sich, machen sich wieder auf den Weg nach Hause. Für Bienert steht morgen wieder ein ganz normaler Arbeitstag an: aufs Knöpfchen drücken, Leute reinlassen, Anzeigen aufnehmen. Eiber hingegen arbeitet weiter an seinem Buch. Das wandelnde Mauer-Lexikon hat noch viel zu erzählen.