Die Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) erscheinen in den Medien oft als maskierte Verrückte, die wild um sich schießend mit dem Jeep durch eroberte Städte fahren. Doch dieses Bild verzerrt die Realität. Der Wissenschaftler Johannes Siebert hat mit dem amerikanischen Pentagon in einer Studie die Ziele und die Typologie der Kämpfer des IS untersucht.

Das Ergebnis zeigt: Die Gefolgschaft ist auffällig heterogen.

Herr Siebert, Sie haben für das Pentagon an einer Studie über die Ziele der IS-Miliz gearbeitet. Ist das mediale Bild des irrational handelnden Terroristen realistisch?

Johannes Siebert: Nein. Nach den Erkenntnissen, die ich gemeinsam mit meinen U.S.-amerikanischen Forscherkollegen des Center for Risk and Economic Analysis of Terrorism Events der University of Southern California erarbeitet habe, gibt es sehr unterschiedliche Typologien von IS-Anhängern.

Die einen sind die Pragmatiker, die überwiegend weltliche Ziele verfolgen. Das sind zum Beispiel die Kontrolle der Regierung, die Kontrolle über kritische Ressourcen, die Realisierung von strategischen Einkommensströmen oder die Kontrolle von wichtigen Straßen und Verkehrsknotenpunkten.

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Welche Typologien gibt es noch?

Die Ideologen sind eher auf religiöse Ziele fixiert. Sie wollen die Überlegenheit ihrer Religion demonstrieren und ihre Ideologie um jeden Preis durchsetzen. Die dritte Gruppe sind die Gewaltsucher.

Das ist die Gruppe, deren Bilder die Wahrnehmung der IS-Miliz in der Öffentlichkeit maßgeblich bestimmen. Es sind Menschen, die das Abenteuer und Sensationen suchen und dabei exzessive Gewalt ausleben wollen.

Terroristen verfolgen rationale Ziele

Gibt es innerhalb dieser sehr verschiedenen Typologien einheitliche Ziele?

Man muss immer unterscheiden zwischen den Zielen der Organisation und den Zielen der einzelnen Anhänger. Ich denke, es deckt sich mit der Wahrnehmung der Öffentlichkeit, dass die einzelnen Anhänger oft sehr verrückte, nicht nachvollziehbare Ziele verfolgen.

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Allerdings gibt es in der Forschung zur Terrorismus-Bekämpfung eine ganz wesentliche Annahme. Die lautet, dass Terroristen als Kollektiv rationale Ziele verfolgen. So verrückt in unseren Augen die einzelnen Individuen erscheinen, treffen Terrorgruppen durchaus rationale Entscheidungen.

Überspitzt ausgedrückt, die Führungszirkel der Terrorgruppen kalkulieren ähnlich wie Manager, die überlegen, wie sie ihre Ressourcen einsetzen können, um ihre Ziele bestmöglich zu erreichen.

Welche übergeordneten Ziele hat denn die IS-Miliz?

Die IS-Miliz will einen Staat errichten und regieren und sie will ihre Ideologie bzw. ihre Religion weltweit verbreiten. Das sind übergeordnete Ziele, die nicht per se irrational sind und auch von anderen Gruppierungen vertreten werden.

Es gab ja in der Geschichte auch schon den Fall, dass eine Gruppierung als terroristische Organisation begonnen hat - und später Regierungsverantwortung übernommen hat, denken Sie nur an Jassir Arafat.

Abstrakt betrachtet sind die übergeordneten Ziele der IS-Miliz nicht grundsätzlich zu verurteilen, anders als ihre Konkretisierung und die schrecklichen Mittel, mit denen diese Gruppierung ihre Ziele erreichen will.

Für manche ist der IS einfach ein Job

Was können diejenigen, die sich durch den IS-Terror bedroht fühlen, mit dieser Zielanalyse anfangen?

Nur wenn man seine eigenen Ziele kennt, kann man sinnvoll Handlungsalternativen gegeneinander abwägen. Wenn man als eigenes Ziel die Terrorismus-Bekämpfung definiert, dann muss man wissen, was die Terroristen wollen.

Nur so kann man effektive Gegenmaßnahmen entwickeln. Es gibt zum Beispiel Projekte in Europa und den USA, um unter Berücksichtigung der Zielvorstellungen der IS-Miliz die attraktivsten Angriffsziele zu identifizieren - und entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten.

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Die einfachste Möglichkeit besteht darin, bei diesen Angriffszielen die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass die Terroristen vor der Ausführung in Gewahrsam genommen werden. Dadurch werden Angriffsziele weniger attraktiv für Terroristen.

Jetzt haben wir viel über die Ziele der Organisation gesprochen, aber was sind das eigentlich für Individuen, die für die IS-Miliz tätig sind? Gibt es den einen typischen IS-Kämpfer überhaupt?

Nein, den einen typischen IS-Kämpfer gibt es nicht, sondern die Typologie ist so verschieden wie überall im Leben. Es gibt die Statussuchenden, die ihr soziales Standing verbessern wollen.

Es gibt Identitätssuchende, die im IS eine Bestimmung finden. Es gibt Rachesuchende, die subjektiv oder tatsächlich erlittenes Unrecht sühnen wollen. Es gibt Erlösungssuchende, die ihr Gewissen warum auch immer reinwaschen wollen.

Und es gibt schlicht Menschen, die Verantwortung übernehmen wollen, um ihre Familie zu finanzieren. Für sie ist der IS einfach ein Job.

Dr. Johannes Siebert ist Akademischer Oberrat am Lehrstuhl für Produktionswirtschaft und Industriebetriebslehre der Universität Bayreuth und hat sich soeben habilitiert. Er ist Dozent für Produktion, Logistik, Management an der Uni Bayreuth, forscht im Bereich Operations Research und Entscheidungstheorie und berät Führungskräfte großer Organisationen in operativen und strategischen Entscheidungssituationen