"Mein Kampf" auf der Bestsellerliste? Eine verstörende Vorstellung. Sie könnte jedoch bald Realität werden. Am 31. Dezember 2015 läuft das Urheberrecht des Bayerischen Staates an Adolf Hitlers Hetzschrift aus. Zum ersten Mal nach 70 Jahren wird dann das Buch wieder in Deutschland erscheinen – in einer kommentierten Ausgabe. Das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) hat sich der schwierigen Aufgabe angenommen. Ein Besuch vor Ort in München.

Objektiv zu sein, trotz der verbrecherischen Grundlagen - dies sei bei der Gestaltung der kommentierten Ausgabe wichtig für die Glaubwürdigkeit, betont Thomas Vordermayer, Historiker am Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München. Jede Behauptung in "Mein Kampf" wurde kritisch geprüft und mithilfe moderner Forschung untersucht. Woher stammt Hitlers Ideologie? Was sind seine Motive und der zeitliche Hintergrund? "Wir wollten Hitler beim Wort nehmen", erläutert Vordermayer die wissenschaftliche Maßgabe.

Adolf Hitler und wie er die Welt sah

Teile seiner zwei Bände umfassenden Schrift verfasste Hitler während seiner Haft in Landsberg am Lech. Der Putschversuch von München 1923 war gescheitert, nun suchte er eine neue Strategie für seine inzwischen verbotene Partei NSDAP. Mit propagandistischen Mitteln legt er seine Überzeugungen dar - und seine politischen Pläne.

Auch wenn er nicht explizit von Judenvernichtung spricht, so offenbart er schon früh seinen radikalen Antisemitismus. "Er hat die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Verwerfungen auf die Juden projiziert", sagt Vordermayer. Ihnen gibt er die Schuld sowohl am Ausbruch des Ersten Weltkriegs als auch an der deutschen Niederlage.

Seine Autobiografie im ersten Band tränkt Hitler tief im Pathos. Seine Selbstherrlichkeit brachte ihm schon damals den Vorwurf der "Primadonneneitelkeit" ein. Seine Rolle in der NSDAP übertrieb er, attestiert das IfZ heute. Bei Auseinandersetzungen innerhalb der Partei war Hitler nicht der triumphale Sieger, wie er vorgab. "Es war reizvoll für uns, in den Polizeiprotokollen nachzulesen und zu sehen, was genau passiert ist", berichtet Vordermayer. Auf Versammlungen der Rechtsnationalen sei sogar die "Internationale", das berühmte Kampflief der sozialistischen Arbeiterbewegung, gesungen worden.

"Mein Kampf" machte seinen Autor reich

Vieles in "Mein Kampf" ist aus heutiger Sicht kaum mehr verständlich. Personen, Begriffe und Anspielungen, dem Publikum der 1920er-Jahre noch geläufig, sind heute vergessen. Aber nicht nur deswegen gilt die Schrift als schwer lesbar.

Einen "ermüdenden und unverdaulichen Wortschwall" attestierte "The Daily Telegraph" dem Hitler'schen Werk in einer zeitgenössischen Rezension. Als "Kanzlistenschwulst" beschrieb es der Hitler-Biograf Joachim Fest später. "Gegen eine 'Wiederbelebung' Hitler'schen Geistes gibt es kein besseres Mittel als Hitlers 'Mein Kampf'", glaubte deshalb der Historiker Georg Maser.

Trotzdem wurde das Buch ein Verkaufserfolg. Auch im Ausland erschienen Übersetzungen des Buches. Eine "Geldmaschine" nennt es der IfZ-Wissenschaftler Vordermayer. Bis 1933 wurden von "Mein Kampf" immerhin 200.000 Exemplare verkauft. Nach der Machtergreifung erreichte die Propagandaschrift eine Gesamtauflage von 12,5 Millionen Exemplaren und machte seinen Autor reich. Auf "Empfehlung" der Nationalsozialisten sollte das Buch des "Führers" Paaren zur Hochzeit geschenkt werden. Da die Gemeinden die Kosten dafür selbst übernehmen mussten, machten zwar nicht alle mit, erklärt Vordermayer. Doch das tat dem Erfolg offenbar keinen Abbruch.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam der Freistaat Bayern die Urheberrechte an "Mein Kampf" zugesprochen. So war es juristisch möglich, einen Nachdruck zu verbieten – das Buch selbst aber nicht. Wer es unbedingt lesen will, findet es auch – auf Flohmärkten, in Antiquariaten oder im Internet.

Trotzdem war die Aufregung groß, je näher das Ablaufdatum der Urheberrechte heranrückte. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sicherte dem IfZ mal Geld und Unterstützung für die kritische Edition zu, mal wandte er sich von dem Projekt ab. Die Angst vor Hitler und seiner Propagandawirkung ist noch immer groß. Wohl auch deshalb bleibt der Nachdruck der unkommentierten Version weiterhin verboten.

"Hitler war eine Figur seiner Zeit"

Auch Überlebende des Holocausts zeigen sich besorgt. Das IfZ versucht mit Transparenz und Aufklärung, die Ängste zu nehmen. Bei der Kommentierung legen sie Wert darauf, Klischees über Juden und Verunglimpfung von Minderheiten zu entkräften. Die von Hitler behauptete "jüdische Drückebergerei" im ersten Weltkrieg widerlegt Vordermayer mit schlichten Zahlen. "Der Anteil der jüdischen Kriegsteilnehmer, Frontkämpfer und Gefallenen entsprach ziemlich genau ihrem Anteil in der deutschen Bevölkerung", erklärt er.

"Mein Kampf" ist zum Mythos geworden, das Tabu darum mag dazu beigetragen haben. Dabei war die Hitler-Schrift nur eines von vielen völkischen Pamphleten in jener dieser Zeit, stellt Vordermayer klar. Selbst in der Neonazi-Szene gebe es wenig Interesse an Hitlers Schrift. "Die haben mittlerweile ihre eigenen Schriften und Themen", meint der Historiker.

Hitlers Ideen waren schon zu seiner Zeit alles andere als neu. "Man muss Hitler als Figur seiner Zeit verstehen, der wie viele andere sehr stark vom Ersten Weltkrieg geprägt war", fasst Vordermayer zusammen.

Thomas Vordermayer ist promovierter Historiker und seit 2012 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München. Er gehört zu den Autoren der kritischen Edition von Hitlers "Mein Kampf" die im Januar 2016 erscheint.