Der deutsche Publizist Jürgen Todenhöfer hat sich für ein Buchprojekt in das "Kalifat" des Islamischen Staates getraut – und kam wohlbehalten zurück. Sichtlich beeindruckt von den Erlebnissen im Herzen des Terror-Staates warnt er eindringlich vor der Terror-Miliz. Der IS habe vor, Hunderte Millionen Menschen zu töten. Auch Muslime im Westen seien nicht sicher.

Der frühere Burda-Vorstands-Chef Jürgen Todenhöfer ist in das "Kalifat" des Islamischen Staates (IS) gereist. Das hat er am Anfang der Woche auf seiner Facebook-Seite geschrieben. Als "angeblich erster westlicher Publizist der Welt" habe er die Islamisten besucht. Zuvor hatte er nach eigener Auskunft die "erforderlichen Sicherheitsgarantien" in monatelangen Skype-Gesprächen mit der "Kalifat"-Führung ausgehandelt.

Der Strom deutscher Gotteskrieger nach Syrien und dem Irak reißt nicht ab. Bereits Hunderte Radikale haben sich dem Islamischen Staat angeschlossen, um im Namen Allahs zu töten. Einige von ihnen kommen radikalisiert zurück. Der Verfassungsschutz hat deswegen Alarm geschlagen. Doch sie sind nicht das einzige Problem. Experten sehen eine große Gefahr für die deutsche Gesellschaft.

Dennoch war es ein heikles Unterfangen. In den vergangenen Monaten hatte die Terror-Miliz immer wieder bewiesen, wie gefährlich sie ist. Mehrere westliche Journalisten wurden geköpft. "Dem IS war bekannt, dass ich mich mehrfach sehr kritisch zum Islamischen Staat geäußert hatte. Hier auf Facebook und in der deutschen Presse. Ich habe die Gefahren dieser Reise daher nie unterschätzt", so Todenhöfer.

"IS ist mächtiger und gefährlicher, als viele ahnen"

Während der zehntägigen Visite im Kampfgebiet machte der Publizist, der schon Bashar al-Assad interviewte, offenbar dramatische Erlebnisse. "Der IS ist mächtiger und gefährlicher, als viele westliche Politiker ahnen", warnt er. Auch im Tagesthemen-Interview mit Caren Miosga am Donnerstag betonte Todenhöfer die große Gefahr, die vom IS ausgeht. "Der IS ist cleverer, als wir uns das hier vorstellen", sagte der 74-Jährige. Es herrsche bei der Miliz eine "fast rauschartige Begeisterung und Siegeszuversicht". Der IS sei davon überzeugt, den gesamten mittleren Osten für sich einnehmen zu können.

Sorgen bereitet Todenhöfer vor allem die religiöse Säuberungsstrategie der Miliz. Dem Publizisten zufolge will der IS, alle Menschen im Mittleren Osten und in der Welt töten, die nicht den abrahamitischen Religionen – also Muslime, Christen und Juden – angehören. IS-Dschihadisten hätten Zahlen von 150 bis 500 Millionen Menschen genannt. "Das wäre die größte religiöse Säuberungsaktion in der Geschichte der Menschheit (…) Die IS-Muslime sehen im Übrigen die Muslime im Westen als ihre Feinde an, weil sie demokratisch sind."

Der Westen habe den IS massiv unterschätzt. "Das ist die stärkste Bewegung seit vielleicht hundert Jahren im mittleren Osten", warnt Todenhöfer eindringlich.

Gefahr für Deutschland

Auch für Deutschland besteht dem 74-Jährigen zufolge eine Gefahr - allerdings anders, als deutsche Sicherheitsbehörden das vielleicht denken. Die Bedrohung, die von Rückkehrern ausgehe, sei jedoch nicht so hoch. "Die deutschen Sicherheitsbehörden unterliegen hier einer Fehleinschätzung (…) Die Rückkehrer gelten als die Verlierer." Die eigentliche Gefahr seien die IS-Sympathisanten, die nach Syrien oder den Irak gehen wollen und zuvor noch Anschläge verüben könnten.

Todenhöfer ist froh, lebend aus dem "Kalifat" zurückgekehrt zu sein. "Als ich gestern Abend mit meinem Gepäck in der Nähe eines türkischen Schießturms zu Fuß über einen Schmugglerpfad in die Türkei rannte, fiel eine gefühlte Last von 1.000 Tonnen von meinen Schultern. Ich bin sehr glücklich, dass ich wieder heil in Deutschland bin. Meine Familie auch. Es hat viele Tränen gegeben", schrieb er auf seiner Facebook-Seite Anfang der Woche.

Sein Besuch beim IS ist dabei keineswegs unumstritten. Einige Facebook-User werfen ihm Eitelkeit vor und unterstellen ihm, Propaganda für den IS zu machen. Andere bewundern seinen Mut und respektieren seine Mission. Am Ende fügt sich seine Reise in das "Herz der Finsternis", wie es "Meedia.de" nennt, in eine Reihe höchst umstrittener Projekte ein. Besonders sein Interview mit dem syrischen Diktator Bashar al-Assad und Gespräche mit Al-Kaida brachten ihm reichlich Kritik ein – darauf weist er im Übrigen auch im Zusammenhang mit seiner IS-Visite hin.

Todenhöfer sagte, er sei stets bemüht gewesen, mit allen Seiten zu sprechen - so auch mit dem IS. "Du sollst deinen Feind kennen, nur dann kannst du ihn besiegen."