Anfang Juni hat die Stadt München auf einem Abschnitt des Mittleren Rings Tempo 30 eingeführt. Durch die Maßnahme sollen sich endlich die Luftwerte verbessern und ein ausgeweitetes Diesel-Fahrverbot gerade noch verhindert werden. Doch seit Einführung der Maßnahme beobachtet die Polizei mehr Stau. Ist das Tempolimit schuld?

Eine Analyse
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Die Idee klang einfach: weniger Tempo, weniger Schadstoffe. Seit Anfang Juni herrscht auf einem Abschnitt des Mittleren Rings in München Tempolimit 30. Die Geschwindigkeitsbegrenzung soll die Luftwerte verbessern, denn die Stadt München hat den Grenzwert für Stickstoffdioxid im vergangenen Jahr erneut gerissen.

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Ganz freiwillig entschied die Stadt München das aber nicht. Sie wurde vom Bayerischen Verwaltungsgerichtshof (BayVGH) auf Einhaltung der Grenzwerte verklagt. Eigentlich drohte eine ganz andere Maßnahme: Ein umfassenderes Fahrverbot für Diesel-Fahrzeuge der Schadstoffklasse Euro-5, das das Gericht explizit gefordert hatte. Der Stadtrat lehnte das als unverhältnismäßig ab und will das Fahrverbot nun mit dem einjährigen Verkehrsversuch vermeiden.

Was sind Stickoxide?

  • Laut der Deutschen Umwelthilfe sind Stick(stoff)oxide (sogenannte NOX-Verbindungen) Luftschadstoffe, die zu einer Vielzahl von negativen Umweltwirkungen führen können: Sie stellen beispielsweise Belastungen für Asthmatiker dar und tragen zur Feinstaubbelastung bei. Die beiden wichtigsten Verbindungen sind Stickstoffmonoxid (NO) und Stickstoffdioxid (NO2). Stickoxide werden hauptsächlich durch Verbrennungsmotoren sowie durch Feuerungsanlagen für Kohle, Öl, Gas, Holz und Abfälle erzeugt. In Ballungsgebieten ist der Straßenverkehr die bedeutendste NOX-Quelle.

Polizei beobachtet mehr Stau

Doch die ersten Beobachtungen deuten in eine überraschende Richtung: Auf dem Mittleren Ring – ohnehin einer der Stauschwerpunkte Deutschlands – herrscht noch mehr Stau. Im Gespräch mit unserer Redaktion spricht Polizeihauptkommissar Christian Drexler von einer "erheblichen Verlangsamung des Verkehrs" samt Rückstauungen. "Die Stauungen sind überwiegend tagsüber, zu den Hauptverkehrszeiten, zu verzeichnen", so Drexler. Wenn das Tempolimit tatsächlich dauerhaft zu mehr Stau führen würde, wäre damit genau das Gegenteil erreicht.

Der ADAC Südbayern hat bislang keine Rückmeldungen von Mitgliedern zu noch mehr Stau, sagt aber gegenüber unserer Redaktion: "Da zu den Hauptverkehrszeiten auf der Landshuter Allee [Teil des Mittleren Rings; Anm.d.Red.] ohnehin regelmäßig Staus vorherrschen, dürfte sich die Beschränkung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit für eine Vielzahl an Pendlern kaum bemerkbar machen." Auf einer der staureichsten Straßen Deutschlands seien die Autofahrer schon im Vorfeld hohe Zeiteinbußen gewohnt gewesen.

Hat das Tempolimit in München also genau das Gegenteil bezweckt? Robin Kulpa, stellvertretender Bereichsleiter Verkehr und Luftreinhaltung bei der Deutschen Umwelthilfe, bezweifelt das.

"Ein allgemeiner und direkter Zusammenhang zwischen Tempolimit und mehr Stau lässt sich wissenschaftlich nicht belegen. Denn die Fahrzeuge fahren zwar langsamer, aber die Abstände zwischen ihnen verringern sich auch. Diese Entwicklungen zusammengenommen bleibt die Kapazität einer Hauptverkehrsstraße bei Tempo 30 ungefähr genauso hoch wie bei Tempo 50", erklärt Kulpa gegenüber unserer Redaktion. Er vermutet sogar das Gegenteil: "Wenn man langsamer unterwegs ist, kann man vorausschauender fahren, sodass zum Beispiel Vollbremsungen weniger werden."

München, so Kulpa, sei nicht die erste Stadt, die Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen einführe: "Da gibt es zahlreiche Erfahrungswerte, die allesamt nicht in diese Richtung gehen." In Berlin habe man beispielsweise im Rahmen des Luftreinhalteplans aus dem Jahr 2019 auf 34 Hauptstraßen Tempo 30 eingeführt. Einige dieser Hauptstraßen seien sehr genau untersucht worden. "Das Ergebnis war, dass der Verkehrsfluss sich auf vier von fünf Straßen erheblich verbessert hat und die Belastung mit Stickstoffdioxid rückgängig war." Man habe durch das Tempolimit also sowohl eine Verbesserung der Luftqualität als auch des Verkehrsflusses verzeichnet.

Bedingung für guten Verkehrsfluss

Er hat aber eine Vermutung, woran die Beobachtung der Polizei liegen könnte: "In der Theorie ist Tempo 30 nichts, was zu mehr Stop-and-Go und mehr Stau führt. Die große Bedingung ist aber, dass Ampelschaltungen angepasst werden müssen. Es könnte sein, dass das in München noch nicht passiert ist", sagt er. Für die Ampelanlagen ist die Stadt München verantwortlich.

Die wiederum teilt auf Anfrage mit, die sogenannte Progressionsgeschwindigkeit – also die zu fahrende Geschwindigkeit, mit der die "Grüne Welle" ohne Halt durchfahren werden kann – sei berücksichtigt worden. Sonstige Änderungen an der Steuerungssoftware der Ampeln seien in dem genannten Geschwindigkeitsbereich von unter 50 km/h nicht erforderlich.

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Kulpa hält Tempo 30 auf dem Mittleren Ring aber ohnehin für keine ausreichende Maßnahme, um die Werte der Luftreinhaltung zu erreichen: "Diese Maßnahme hat sich die Stadt München ausgedacht, um wirklich wirksame Maßnahmen wie ein Diesel-Fahrverbot zu vermeiden." Tempo 30 sei innerorts sinnvoll, auch um Lärmbelästigung zu senken und die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Die Stadt München komme aber um ein Diesel-Fahrverbot für besonders schmutzige Euro-5-Fahrzeuge nicht mehr herum.

Auch die Stadt München räumt ein: "Um lufthygienisch eine positive Wirkung zu erreichen, muss sich der Verkehrsfluss generell verbessern." Der Verkehrsversuch werde deshalb laufend evaluiert. Stadtsprecherin Franziska Hartmann meint jedoch auch: "Neue Verkehrsregelungen benötigen üblicherweise eine gewisse Eingewöhnungszeit." Es sei deshalb noch zu früh, ein Fazit zu ziehen, man brauche Daten von mindestens drei Monaten.

ADAC hat einen Verdacht

"Für Rückstauungen können auch andere Faktoren wie Unfälle oder Baustellen verantwortlich sein. Auch bei Tempo 50 war in den Spitzenstunden nicht immer ein flüssiger Verkehrsablauf gegeben", so die Sprecherin. Ob Tempo 30 auf der Landshuter Allee angeordnet bleibe, sei daher zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht klar.

Der ADAC Südbayern hat derweil noch eine ganz andere Vermutung, wieso die Luft in München so schmutzig ist und der Verkehr sich so staut: "Es wäre angebracht, das bereits seit 1. Februar 2008 bestehende Transit-Verbot für Lkw auch durchzusetzen. Eigene Erhebungen legen den Verdacht nahe, dass täglich Hunderte Lkw unzulässig den Mittleren Ring im Transitverkehr benutzen und somit sowohl Luft als auch Verkehrsfluss unnötig negativ beeinträchtigen", sagt ein Sprecher unserer Redaktion.

Über den Gesprächspartner

  • Robin Kulpa ist der stellvertretende Leiter im Bereich Verkehr & Luftreinhaltung bei der Deutschen Umwelthilfe e.V.

Verwendete Quellen

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