• Weltweit sind im Kampf gegen die Corona-Pandemie Impfkampagnen angelaufen, in Deutschland haben sich bereits über 600.000 Menschen gegen das Virus impfen lassen.
  • Impfgegner aber lehnen die Gabe des Impfstoffes ab.
  • Warum mobilisiert gerade das Impfen so viel Widerstand? Ein Psychologe gibt Antworten.

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Es scheint der vielversprechendste Ausweg aus der Pandemie zu sein: Die Impfung der Bevölkerung gegen das Corona-Virus. Kein Lockdown oder Reisestopp, keine Massentests oder Corona-Apps könnten das wiederbringen, was sie verspricht – ein Ende der Einschränkungen, eine Rückkehr zum normalen Alltag.

In der EU sind mittlerweile zwei Impfstoffe zugelassen, seit dem 27. Dezember werden in Deutschland Präparate von Biontech/Pfizer und Moderna verabreicht.

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes "YouGov" wollen sich zwei Drittel der Deutschen impfen lassen. 19 Prozent aber haben sich gegen eine Impfung entschieden, 16 Prozent sind noch unentschlossen.

Impfgegner in den sozialen Netzwerken

Unter dem Hashtag #IchLassemichnichtimpfen twittern Hunderte ihre Gründe dafür: Während die einen Angst vor Nebenwirkungen und Spätfolgen haben, das Coronavirus leugnen, gesunde Ernährung und Sport als ausreichenden Schutz erachten oder durch die verhältnismäßig schnelle Zulassung verunsichert sind, vermuten andere Machenschaften der Pharmaindustrie hinter den Impfkampagnen, schreiben von implantierten Chips oder Auswirkungen auf ihre eigene DNA.

Belege gibt es für die genannten Verschwörungstheorien nicht, Impfexperten sehen keinen Anlass für größere Bedenken: Die bislang bekannten Nebenwirkungen wie Gliederschmerzen oder Schmerzen an der Einstichstelle entsprechen üblichen Impfreaktionen, in Studien kam es nur sehr vereinzelt zu schwerwiegenderen Reaktionen.

Die drei Phasen der Impfstofftestung, die Dauer bezieht sich auf Durchschnittwerte. Beim Coronavirus kann die Entwicklung und Zulassung bei gleichbleibender Sicherheit beschleunigt werden, weil zeitgleich getestet, geprüft und ausgewertet wird. Darüber hinaus stehen wegen der laufenden Pandemie auch ausreichend freiwillige Testpersonen zur Verfügung.

Impfen ablehnen, aber bereit zur Vollnarkose?

Dennoch lassen sich offenbar viele Menschen in der Bevölkerung stärker von Gerüchten über angebliche Spätfolgen und Falschmeldungen verunsichern als von den schrecklichen Bildern und Nachrichten, die die Pandemie produziert: überfüllte Krematorien, überarbeitete Pflegekräfte, einsam Sterbende.

Warum ist das so? Warum gibt es gerade beim Impfen so viel Widerstand? Und warum scheuen einige die vermeintlichen Impf-Risiken, fliegen aber gleichzeitig Flugzeug, sind bei Operationen zur Vollnarkose bereit oder konsumieren Lebensmittel mit schädlichen Inhaltsstoffen?

Angst vor konkretem Szenario

Peter Kirsch ist Psychologe vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Gemeinsam mit Heidelberger Wissenschaftlern hat er die Angst vor Corona und die Impfskepsis in Deutschland erforscht. Er sagt: "Es gibt nicht einen einzigen Mechanismus, der dieses teilweise unlogische Verhalten der Impfgegner- und skeptiker erklärt."

Mehrere Dinge kämen zusammen. "Ein Aspekt, der dazu führt, dass die Risiken beim Impfen von manchen als so bedrohlich wahrgenommen werden, ist, dass man sich beim Impfen sehr konkret einen schlimmen Ausgang vorstellen kann", sagt der Experte.

Beispielsweise könnten sie sich einen allergischen Schock ausmalen, bei dem man innerhalb kürzester Zeit versterbe. "Bei anderem Verhalten mit Risiken – etwa dem Konsumieren von Lebensmitteln mit schädlichen Inhaltsstoffen – ist das Szenario nicht so direkt und konkret", meint Kirsch.

Spezifisch menschliche Angst

Er bringt ein weiteres Beispiel: "Es ist auch irrational, dass Menschen, ohne sich Gedanken zu machen, mit dem Auto zum Flughafen fahren und dann Angst haben in ein Flugzeug zu steigen, obwohl das der erheblich sicherere Teil der Reise ist."

Es erkläre sich jedoch dadurch, dass diese Menschen ein konkretes Bild im Kopf hätten, wie das Flugzeug dem Boden entgegen rast und sie jegliche Kontrolle über die Situation verlieren. "Bei der Impfung könnte es ähnlich sein – etwas wird in den Körper injiziert, über das man keine Kontrolle hat", so der Wissenschaftler.

Ein solch invasiver Vorgang, bei dem in den eigenen Körper eingegriffen werde, sei vermutlich eine spezifisch menschliche Angst. "Solche Veranlagungen könnten beim Impfen aktiviert werden. Es ist auch kein Zufall, dass es eine Blut- und Spritzenphobie gibt, aber keine Zahnbürsten-Phobie", so Experte Kirsch.

Scheinbar sichere Alternative

Solche Unsicherheiten, die bei einem neu entwickelten Impfstoff noch ausgeprägter sein dürfe, werde aktuell von der allgemeinen Stimmung befeuert. "Die Impfgegner sind sehr laut geworden und haben den Diskurs beeinflusst. Das ruft Unsicherheiten bei anderen hervor."

In der öffentlichen Kommunikation erscheine die Minderheit größer als sie sei. "So denken wiederum andere: 'Wenn es so viele Gegner und Skeptiker gibt, muss da vielleicht doch etwas dran sein'", erklärt Kirsch.

Aus der ökonomischen Entscheidungsforschung wüsste man außerdem, dass Menschen risiko-aversiv handelten. "Sie wählen die scheinbar sicherere Alternative, selbst wenn sie damit auf einen Gewinn verzichten", erklärt Kirsch. Bezogen auf das Impfen heißt das: Die Belohnung, die in der zweiten Hälfte des Jahres auf uns alle warten könnte, wäre eine Rückkehr zum normalen Alltag.

Belohnung erst in weiter Zukunft

Das Risiko, was davorsteht, ist, dass bei der Impfung irgendetwas passieren könnte. "Offensichtlich schätzen manche das Risiko immer noch höher ein, als die Belohnung, die in der Zukunft liegt", erklärt Kirsch. Das Risiko, sich ohne Impfung mit Corona zu infizieren, scheine für diese Menschen immer noch nicht konkret genug zu sein – trotz der Bilder, die das Leid der Pandemie täglich in den Medien zeigt.

Noch ein weiterer Aspekt kommt hinzu: "Die negative Konsequenz einer Impfung, wenn sie denn tatsächlich einträte, passiert zeitnah, auf positive Konsequenz müsste man noch Monate warten", so der Experte. Je weiter eine Belohnung in der Zukunft liege, desto weniger relevant sei sie für eine Entscheidung.

Impfbereitschaft und Vertrauen in Politik

Daten, die der Psychologe gemeinsam mit Kollegen am Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg erhoben hat, zeigen: Innerhalb eines halben Jahres (Sommer und Winter 2020) hat die Impfbereitschaft abgenommen – obwohl das Risiko, sich mit dem Corona-Virus zu infizieren, gestiegen ist.

Kirsch hat mit seinem Team auch herausgefunden: "Es gibt einen bedeutenden Zusammenhang zwischen der Impfbereitschaft und dem Vertrauen in staatliche Institutionen, Wissenschaft, klassische Medien und sogar in Mitmenschen", sagt Kirsch. Die Ablehnung sei mit einer erhöhten Verschwörungsmentalität assoziiert.

Kirsch betont: "Nicht alle Impfskeptiker sind deshalb Verschwörungstheoretiker und es gibt auch einen Unterschied zwischen radikalen Impfgegnern und Skeptikern." Verunsicherte treffen aber besonders im Internet auf eine wortstarke Community. "Wenn man sich vom Mainstream ausgeschlossen fühlt, schließt man sich noch enger mit anderen, die sich auch ausgeschlossen fühlen, zusammen", weiß Kirsch. Das verstärke irrationale Annahmen.

Kanzleramtschef Braun wirbt für mehr Impfbereitschaft

Kanzleramtschef Helge Braun hat für eine größere Impfbereitschaft in Deutschland geworben. Zudem warnte er vor einem völligen Kontrollverlust durch die Ausbreitung der Virus-Mutationen, wie sie in Großbritannien und Irland registriert werden.

Ängste ernst nehmen

Eine soziale Komponente hat es jedoch auch, sich impfen zu lassen. "Sich nicht nur selbst zu schützen, sondern die gesamte Gesellschaft, dürfte für viele ein Motiv sein", meint auch Kirsch. Viele Verhaltensmotive von Menschen als soziale Wesen basierten darauf, dass wir als Gemeinschaft überleben.

Deshalb ist es auch eine entscheidende Frage, wie man die Impfbereitschaft in der Bevölkerung erhöhen kann. "Wir müssen die Menschen ernst nehmen und ihr Vertrauen in Entscheidungsträger und die Medizin stärken", meint Kirsch. Man dürfe Impfskeptiker nicht kategorisch abqualifizieren.

Impfbereitschaft steigt wieder

Wie die jüngsten Zahlen zeigen, ist die Impfbereitschaft wieder gestiegen. Aus dem "ARDDeutschlandtrend" geht hervor, dass vor allem bei den unter 65-Jährigen die Bereitschaft gestiegen ist. Insgesamt gaben 54 Prozent an, sich auf jeden Fall impfen lassen zu wollen - 17 Prozentpunkte mehr als im November 2020. Weitere 21 Prozent sagen, dass sie sich wahrscheinlich impfen lassen werden. Wie viele Menschen tatsächlich schon geimpft sind, monitoriert das Robert-Koch-Institut.

Kirsch ist zuversichtlich, dass sich der Trend fortsetzt. "Schon das Modell derer im Freundes- oder Bekanntenkreis, die geimpft sind und ein Stück weit entspannter in den Alltag gehen können, gesund bleiben und keine schwerwiegenden Nebenwirkungen haben, wird sicherlich dazu führen", hofft der Experte.

Über den Experten: Prof. Dr. Peter Kirsch ist Abteilungsleiter der Abteilung Klinische Psychologie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Prof. Dr. Peter Kirsch
  • Robert-Koch Institut: Digitales Impfmonitoring, Stand 11.01.21
  • Universität Heidelberg: "Angst vor Corona und Impfskepsis", Pressemitteilung Nr. 115/2020

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