Die Vereinten Nationen sprechen von der größten humanitären Katastrophe weltweit: Die Lage im Jemen ist ohnehin verheerend - und jetzt kommt auch noch das Coronavirus.

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Nach mehr als fünf Jahren Bürgerkrieg sind im Jemen mindestens 100.000 Menschen gestorben. Experten gehen von weit mehr Opfern in dem rund 30-Millionen-Einwohner-Land im Süden der Arabischen Halbinsel aus. Trotzdem berichten Medien vergleichsweise wenig über den komplizierten Konflikt - und die menschlichen Tragödien. Ein Überblick zur Lage.

Wer kämpft gegen wen?

Stark vereinfacht: Auf der einen Seite stehen die Huthi-Rebellen. Dabei handelt es sich um gemäßigte Schiiten, die schon seit Jahren die Hauptstadt Sanaa und weite Teile des Nordens kontrollieren. Unterstützt werden sie vom Iran.

Auf der anderen Seite kämpfen sowohl die international anerkannte Regierung als auch der 2017 gegründete Südübergangsrat. Dieser versteht sich als Interessenvertretung der Südjemeniten und will auf lange Sicht ein unabhängiges "Südarabien" schaffen.

Die jemenitische Regierung war bereits Anfang 2015 auf Druck der Huthis zurückgetreten. Präsident Abd Rabbu Mansur Hadi lebt seitdem im Exil im saudi-arabischen Riad und versucht von dort aus, Macht zurückzugewinnen - politisch und militärisch unterstützt von einer von Saudi-Arabien geführten Koalition.

Ihr gehören mehrere überwiegend sunnitische Staaten an, darunter die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Eine Resolution des UN-Sicherheitsrats legitimierte ihr militärisches Eingreifen im Jemen.

Wie ist die Lage aktuell?

Auch zwischen den im Kampf gegen die Huthi-Rebellen lange Verbündeten gibt es im Süden inzwischen Gefechte. Im Sommer 2019 eroberten aufständische, von den Emiraten unterstützte Separatisten den Präsidentenpalast in der Hafenstadt Aden - aus Sicht der jemenitischen Exil-Regierung eine Art Putschversuch.

Risse im Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und den VAE wurden immer deutlicher. Schon kurz zuvor hatten die Emirate zum Ärger Riads Teile ihrer Truppen abgezogen. Und auch das Königreich "sucht seit geraumer Zeit nach einem gesichtswahrenden Weg", sich aus dem kostspieligen Krieg zurückzuziehen, wie Raiman Al-Hamdani vom Forschungszentrum Yemen Polling Center (YPC) in einem Beitrag für das Magazin Zenith schreibt.

Ein Friedensabkommen aus dem vergangenen November, auf dem große Hoffnungen ruhten, hielt nicht lange. Der Südübergangsrat hat der Hadi-Regierung im April die Rückkehr in die temporäre Hauptstadt Aden verweigert - und die Selbstverwaltung des Südens ausgerufen. Jedoch erkennen nicht alle Südjemeniten den Rat als ihre politische Vertretung an, wie die Bundeszentrale für Politische Bildung in einem Dossier erklärt.

Erst in der vergangenen Woche gab es wieder Gefechte zwischen von Saudi-Arabien unterstützten Regierungstruppen und von den Emiraten geförderten Separatisten.

Wie geht es der Bevölkerung?

Beim Bürgerkrieg im Jemen handelt es sich nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) um die größte humanitäre Katastrophe weltweit. Die Konflikte forderten nach offiziellen Angaben bislang mehr als 100.000 Todesopfer. YPC-Experte Raiman Al-Hamdani geht im Gespräch mit unserer Redaktion von weit mehr Opfern aus. "Ich wäre nicht überrascht, wenn es mehr als 500.000 sind."

24 Millionen der knapp 30 Millionen Einwohner sind auf humanitäre Hilfe angewiesen - und fast eine halbe Million Menschen nach UN-Angaben schwer unterernährt. Allein seit Januar wurden mehr als 94.000 Menschen vertrieben.

Nicht allein die Kämpfe machen der Bevölkerung zu schaffen, wie Al-Hamdani betont: "Sie leidet Hunger, und die medizinische Versorgung im Land ist katastrophal." Die Konfliktparteien hinderten Hilfsorganisationen immer wieder daran, ins Land zu kommen. "Darüber hinaus schwächen Naturkatastrophen wie Starkregen und Überschwemmungen als Folgen des Klimawandels das Land."

Welche Rolle spielt die Corona-Pandemie?

"Eigentlich glaubte man, die Lage könne nicht mehr schlimmer werden", sagt Al-Hamdani. Doch dann kam die Pandemie. Er beschreibt die Situation in seinem Heimatland als "extrem verheerend": Krankenhäuser waren dem Wissenschaftler zufolge schon vor dem Virus völlig überlastet. "Menschen müssten das Land verlassen, um überhaupt medizinisch versorgt werden zu können."

Zudem gebe es in der Bevölkerung wenig Bewusstsein für Hygieneregeln. Das kulturelle Leben basiere auf engen menschlichen Kontakten. "Viele Familien leben in Mehrgenerationenhaushalten zusammen."

Nach offiziellen Zahlen der Johns Hopkins University sind bislang nur 728 Menschen mit dem Coronavirus infiziert und 164 im Zusammenhang mit dem Virus gestorben (Stand: 15. Juni). Doch diese Zahlen aus einem Land ohne funktionierendes Gesundheitssystem sind wenig aussagekräftig. "Es gibt kaum Tests", bedauert Al-Hamdani. Er berichtet, dass der Jemen zeitgleich mit anderen Infektionskrankheiten kämpfe, darunter Cholera und Dengue-Fieber.

Handelt es sich um einen Stellvertreterkrieg?

Der Bürgerkrieg im Jemen wird in der Tat häufig so bezeichnet. Auf der einen Seite ist er das auch - weil außenstehende Staaten ihre Interessen dort vertreten und auf dem Rücken der jemenitischen Bevölkerung austragen. "Aber gleichzeitig gibt es viele lokale und regionale Konflikte", betont Al-Hamdani.

Seiner Einschätzung nach tragen alle drei Akteure - die Huthis, die regierungsnahen Militärs und die Separatisten - dazu bei, dass sich die Situation im Land immer weiter verschärft. "Sie alle verstoßen gegen Menschenrechte." Ein Vorwurf, den auch die Vereinten Nationen erheben.

"Die Huthis unterhalten zwar Verbindungen zum Iran, aber sie werden nicht von ihm gesteuert", ist sich der YPC-Experte sicher. Saudi-Arabien und sein Einfluss auf die Lage im Jemen würden zwar häufig kritisiert, die Rolle der Emirate indes zu selten kritisch hinterfragt. Amnesty International etwa beschuldigt die VAE, unrechtmäßig gelieferte Waffen - auch aus europäischen Staaten - an verbündete Milizen im Jemen weiterzuleiten. Diese begehen der Menschenrechtsorganisation zufolge damit Kriegsverbrechen.

Wie stehen westliche Demokratien zu den Konflikten?

Der Westen erkennt die Exilregierung in Riad nach wie vor als offizielle Vertreterin des Jemen an. Was die saudische Intervention angeht, gibt es unterschiedliche Positionen, wie die Experten der Bundeszentrale für Politische Bildung erklären: Vor allem die USA und Großbritannien spielten eine "aktiv unterstützende Rolle" - etwa bei Waffenlieferungen, Informationen oder strategischer Beratung bei Militäroperationen.

Die Bundesregierung zeige zwar "Verständnis" für das Vorgehen der saudisch-geführten Koalition, bemühe sich jedoch - genau wie die Europäische Union - auf diplomatischer Ebene den Konflikt gemeinsam mit der UN zu beenden. Allerdings hat auch die Bundesregierung seit Anfang 2019 Rüstungsexporte für mehr als eine Milliarde Euro an die Länder der von Saudi-Arabien geführten Kriegsallianz im Jemen genehmigt.

Raiman Al-Hamdani findet zwar, dass die westlichen Staaten mehr Druck auf die Länder, die den Konflikt unterstützen, ausüben könnten. Jedoch wünscht er sich vor allem Hilfe von den direkten Nachbarn: "Wir sind umgeben von wohlhabenden Staaten. Von denen fühlt man sich weit mehr im Stich gelassen."

Warum hört und liest man hierzulande so wenig über den Bürgerkrieg im Jemen?

Dass international wenig Interesse an der katastrophalen Lage in seinem Heimatland besteht, wundert Al-Hamdani nicht: "Es gibt keine kulturellen Verbindungen zum Jemen, wirtschaftlich ist das Land unbedeutend. Viele wissen nicht einmal, wo es liegt." Im Gegensatz zu Menschen aus Syrien kommen kaum Jemeniten nach Deutschland - das Land zu verlassen, ist ihnen kaum möglich, geschweige denn die Flucht bis nach Europa.

Im vergangenen Jahr wollten Amrai Coen und Malte Henk, Redakteure der Wochenzeitung "Zeit", von vor Ort über den Krieg berichten, "von dem kaum jemand weiß". Doch sie strandeten im Nachbarland Dschibuti, durften nicht in den Jemen einreisen. Die Kriegsparteien haben eines gemeinsam, stand daraufhin in der "Zeit" (Artikel kostenpflichtig): "Sie wollen ihren Krieg vor der Welt verbergen."

Eine Beobachtung, die Al-Hamdani bestätigt. "Ein großes Problem ist, dass auch die jemenitischen Journalisten nicht frei arbeiten können", sagt er. Das betreffe genauso Wissenschaftler und Mitarbeiter von NGOs und Hilfsorganisationen. All jene, die die humanitäre Katastrophe mildern - oder zumindest auf sie aufmerksam machen - könnten.

Über den Experten: Raiman Al-Hamdani arbeitet am Forschungszentrum Yemen Polling Center (YPC) und ist Visiting Fellow beim European Council on Foreign Relations.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Raiman Al-Hamdani
  • Bundeszentrale für Politische Bildung: Dossier zum Jemen
  • Johns Hopkins University & Medicine: COVID-19-Dashboard
  • Zenith: Riad sucht die Exit-Strategie
  • Zeit Online: Wenn sie euch nicht in den Jemen lassen, berichtet trotzdem
  • Deutsche Welle: UN: Alle Kriegsparteien im Jemen verstoßen gegen das Völkerrecht
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