Wegen der Schlagzeilen über den skandalösen Tod des Journalisten Jamal Khashoggi scheint die Welt ein noch viel größeres Verbrechen zu übersehen: Ebenfalls unter Beteiligung Saudi-Arabiens tobt der grausame Krieg im Jemen weiter. Dort kämpfen vom Iran unterstützte Huthi-Rebellen gegen die Regierung von Abed Rabbo Mansur Hadi. Die Zahl der Opfer wächst, gleichzeitig sind Millionen vom Hungertod bedroht.

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Dreh- und Angelpunkt der humanitären Katastrophe ist Hudeida. Über die Hafenstadt wickelte der Jemen in Friedenszeiten einen Großteil seiner Lebensmittelimporte ab, im Krieg wurden Hilfsgüter für die notleidende Bevölkerung angeliefert.

Doch um die Stadt zu "befreien", die seit 2013 unter Kontrolle der Rebellen steht, greift die von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) geführte Kriegskoalition erbarmungslos an. Seither stocken die Lieferungen.

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Der Jemenkrieg entwickle sich zur "schlimmsten humanitären Katastrophe der Welt", warnte UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock am Dienstag vor dem UN-Sicherheitsrat in New York.

Die Hungersnot bedrohe mittlerweile 14 Millionen Menschen – die Hälfte der jemenitischen Bevölkerung. 22 Millionen Jemeniten sollen auf humanitäre Hilfe angewiesen sein.

Mindestens 28.000 Menschen sollen seit Beginn des Krieges vor vier Jahren umgekommen sein, 10.000 von ihnen Zivilisten. Vor allem die Bombardements durch die saudi-arabische Luftwaffe seien für die Opfer verantwortlich, sagt Achim Schlott vom Vorstand der Deutsch-Jemenitischen Gesellschaft in Frankfurt.

Er spricht von "Kriegsverbrechen, die überwiegend von den saudischen Kräften begangen werden" und von "bis zu 50.000 Toten". Seine Schlussfolgerung: Die saudischen Militärs "gehören eigentlich vor ein internationales Tribunal."

Tausende von Kindern unter den Opfern

Auch 2.200 Kinder gehörten zu den Todesopfern, berichtet das UN-Kinderhilfswerks Unicef. Allein beim Angriff auf einen Schulbus Anfang August starben 40 Schulkinder.

Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) sagt in einem Interview der "Welt", im Jemen kämpften "über zehn Millionen Kriegsflüchtlinge ums nackte Überleben". Das UN-Flüchtlingshilfswerk spricht von der "größten humanitären Katastrophe weltweit".

Der Jemen sei schon immer ein "Armenhaus" gewesen, sagt Daniel Potthast vom Institut für den Nahen und Mittleren Osten an der Universität München.

Zu mehr als 80 Prozent besteht das Land aus den "schlimmsten Wüsten der Welt", wie Potthast sagt, Wasser kann nahezu ausschließlich mithilfe von Dieselmotoren aus unterirdischen Quellen geschöpft werden.

Das Land könne sich schon lange nicht mehr selbst versorgen, ein rasantes Bevölkerungswachstum in den letzten Jahrzehnten habe die Lage verschärft.

Boykott und Hafenblockaden der Saudis sorgen nun nicht nur dafür, dass kaum mehr Lebensmittel ins Land kommen – auch die Wasserversorgung wird immer prekärer, weil der Treibstoff für die Pumpen ausbleibt.

Entkommen können die Jemeniten dem Krieg in ihrem zerrütteten Land nur schwer. Über den Golf von Aden nach Somalia zu gelangen, ist nicht einfach, die riesigen Wüsten des Landes zu durchqueren nahezu unmöglich.

Und die Grenze nach Saudi-Arabien ist praktisch unpassierbar: Sie sei, sagt Potthast, schon vor dem arabischen Frühling und dem Beginn der Unruhen im Jemen "mit modernster technischer Ausrüstung gesichert worden" – nicht zuletzt mit deutscher Hilfe.

Weil es fluchtwillige Jemeniten bis nach Europa erst recht nicht schaffen, stößt der mörderische Konflikt hierzulande bisher auf wenig Interesse: "Daran kann nicht einmal die größte Cholera-Epidemie der Geschichte viel ändern", klagt der Islamwissenschaftler Potthast.

Gespräche hatten nur kosmetische Folgen

Große Ratlosigkeit zeigt die internationale Gemeinschaft beim Versuch, den Krieg zu beenden oder wenigstens für eine Atempause zu sorgen. Vermittlungsgespräche Anfang September haben kaum mehr als kosmetische Veränderungen bewirkt, die Saudis scheinen ihre Blockade eher noch verschärft zu haben.

Der Konflikt wäre leichter zu lösen, "wenn Saudi-Arabien und der Iran ihre Rivalität beilegen würden, die zur Instabilität in der ganzen Region beiträgt", meint Michael Bauer vom Forschungs- und Beratungsnetzwerk MEIA Research.

Doch selbst dann wären die inner-jemenitischen Probleme nur schwer zu beseitigen. Dass der ehemals einflussreiche Stamm der Huthi in den 1990er-Jahren an Einfluss verlor, als sich Nord- und Süd-Jemen vereinigten, hat zu diesem Konflikt beigetragen. Im Jemen habe es "nie eine Zentralregierung gegeben, die volle Kontrolle über alle Gebiete gehabt hätte", sagt Bauer.

Weil die Konflikte im Inneren aber mittlerweile überlagert werden vom Gerangel der Konkurrenten Saudi-Arabien und Iran um Macht und Einfluss, liegt eine Lösung für die Probleme des Jemen weiter entfernt als je zuvor.

Der Westen, allen voran den USA, unterstützt Saudi-Arabien, weil er befürchtet, dass sonst der Einfluss des Iran in der Region weiter wächst.

"Dramatischer Wandel" in der Politik Saudi-Arabiens

Der wachsende Machtanspruch des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman verschärft offenbar die ohnehin komplizierte Lage in der Region.

Michael Bauer sieht einen "dramatischen Wandel" in der Außenpolitik Saudi-Arabiens durch den Einfluss Salmans. Das Land sei früher bestrebt gewesen – "oftmals vergeblich, manchmal aber auch mit Erfolg" –, die Konflikte in der Region "auszubalancieren".

Jetzt aber werde Saudi-Arabien zunehmend selbst aktiv und versuche insbesondere, der Ausweitung des iranischen Einflusses entgegenzuwirken. Bauers Befürchtung: "Der strategische Planungsprozess hält mit dieser Neuorientierung nicht Schritt."

Anders ausgedrückt: Mohammed bin Salman handelt unüberlegt. "Wenn die saudischen Aktionen scheitern", meint Bauer, "gibt es keinen Plan B."

Für den Jemen kommt deshalb derzeit nur eine Lösung in Frage, bei der der machtbewusste saudische Kronprinz nicht als Verlierer dastehen würde.

Die Folgen dieser saudischen Politik seien im Jemen "besonders dramatisch", so Bauer, weil der Krieg mit so enorm hohen Opfern unter der Zivilbevölkerung verbunden sei.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Daniel Potthast, Institut für den Nahen und Mittleren Osten an der Universität München
  • Gespräch mit Achim Schlott, Vorsitzender der Deutsch-Jemenitischen Gesellschaft, Frankfurt
  • Gespräch mit Michael Bauer, Forschungs- und Beratungsnetzwerk MEIA Research
  • "Zeit online" vom 24.10.2018: "UN: Hungersnot im Jemen könnte 14 Millionen Menschen treffen"
  • "Welt.de" vom 5.7.2018: "Das sind Probleme, die Europa erschüttern werden"