• Deutsche Versicherer und Experten schlagen Alarm: Auf den Katastrophenfall eines flächendeckenden Blackouts wäre Deutschland nicht vorbereitet.
  • Gleichzeitig wird die Stromversorgung immer verwundbarer, etwa durch Hackerangriffe.
  • Bei dem Problem spielt auch das schleppende Tempo der Energiewende eine große Rolle. Ein Experte erklärt die Hintergründe.

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Plötzlich ist es dunkel. Der Fernseher geht aus, die Telefonleitung ist tot, warmes Wasser fehlt. Auch der Gang zum Sicherungskasten schafft keine Abhilfe: Der Strom ist großflächig ausgefallen - Blackout in Deutschland. In den ersten Stunden helfen Kerzen und Dosenravioli. Dann aber gehen vielen die Vorräte aus.

In Deutschland bricht Chaos aus: Supermärkte sind leergefegt, Ampeln fallen aus, die Krankenhausversorgung kollabiert. Kühlketten, Beatmungsgeräte und vielerorts auch die Trinkwasserversorgung funktionieren nicht mehr.

Was wie eine ferne Dystopie klingt, könnte in Europa zur Realität werden. Vor einem "drohenden Kollaps der Gesellschaft" warnt zumindest der Versicherungsverband GDV und schlägt Alarm: In Deutschland mangele es an Vorsorge für längere Stromausfälle - mit potenziell katastrophalen Folgen. "Ein Blackout gehört aktuell zu den größten Risiken für unser Land", zitiert der GDV Wolfram Geier, Abteilungsleiter für Risikomanagement und Internationale Angelegenheiten im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK).

Wie das aussehen kann, mussten etwa Menschen in den USA bereits erleben: Dort führte im Jahr 2003 ein Softwarefehler zum schlimmsten Blackout in der Geschichte des Landes. Mehr als 50 Millionen Menschen waren betroffen und New York City für zwei Tage lahmgelegt.

In Berlin war es für über 30.000 Haushalte und 2.000 Unternehmen im Februar 2019 im Stadtbezirk Treptow-Köpenick plötzlich für 30 Stunden dunkel. Gefriertruhen tauten ab, Handys konnten nicht mehr geladen werden, die Unternehmen erlitten wirtschaftliche Schäden in Millionenhöhe. Hilfe von außerhalb blieb möglich, im größeren Katastrophenfall könnte das anders aussehen.

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Experte geht von Blackout "in den nächsten Jahren" aus

Die Wahrscheinlichkeit für solche Vorkommnisse wächst, da ist sich auch Herbert Saurugg sicher. "Ich gehe davon aus, dass es in den nächsten Jahren zu einem derartigen Ereignis kommen wird", sagt der Blackout- und Krisenvorsorgeexperte im Gespräch mit unserer Redaktion. Deutschland spielt dabei eine besonders wichtige Rolle – ein Stromausfall hierzulande könnte große Teile Europas mitreißen. "Wir haben ein europäisches Verbundsystem, welches von Portugal bis in die Ost-Türkei und von Sizilien bis nach Dänemark reicht", erklärt Saurugg.

In Deutschland würden zudem viele Schritte in der Energiewende unsystematisch umgesetzt – das erhöhe das Risiko. "Mit dem Atom- und Kohleausstieg werden große Mengen an planbaren und steuerbaren Stromquellen abgeschaltet, gleichzeitig schreitet die Energiewende nicht im entsprechenden Tempo und Gleichschritt voran", sagt Saurugg. Es mangele vor allem an Speichersystemen, um die Volatilität der Erneuerbaren Energien ausgleichen zu können. Wind und Sonne wehen und scheinen nicht entsprechend dem Strombedarf, daher muss zu jedem Augenblick die Balance zwischen Erzeugung und Verbrauch sichergestellt werden. Sonst kollabiert dieses fragile System. "Man könnte aber nicht einmal eine Stunde mit den Speichern, die derzeit in Deutschland verfügbar sind, abdecken", warnt Saurugg.

Durch die Energiewende sei das System viel instabiler und fragiler geworden. Der Experte betont jedoch: "Nicht die Erneuerbaren Energien an sich erhöhen das Risiko für Ausfälle, sondern die Regulation und die Politik, die falsche Rahmenbedingungen setzt." Die Infrastruktur müsse daher verbessert werden. Ursprünglicher Plan war es, die Trasse "Suedlink", die Strom von der Nordsee bis nach Bayern transportieren soll, bis zum Atomausstieg fertigzustellen. "Nun wird von frühestens 2028 gesprochen", sagt Saurugg. Jedes Mitgliedsland des Verbundsystems mache seine eigene Energiewende, aber jeweils in eine andere Richtung. "Das ist bei einem gemeinsamen, fragilen System nicht besonders stabilitätsfördernd", so der Experte.

Weitere Risiken: Extremwetter und Cyberangriffe

Verwundbar ist das System aber auf mehreren Ebenen. Als weitere große Gefahr sehen Experten Hackerangriffe. Aber auch Extremwetterereignisse wie Starkregen, Sturm oder Hitzewellen sowie Sabotage, Marktmanipulationen oder alternde Infrastrukturen und Überlastungen könnten Auslöser für einen Blackout sein. "Die steigende Komplexität an sich kann ebenfalls zu einer Überlastung des ganzen Systems führen, sodass es zu größeren Ausfällen kommt", meint Saurugg.

Er ist sich zudem sicher, dass die Bevölkerung das Ausmaß des Problems nicht voll erfasse. "Sollte so ein großes Ereignis auftreten, ist die Gesellschaft absolut nicht darauf vorbereitet", warnt er. Es gehe nicht primär um den Stromausfall, sondern um den anschließenden Lieferkettenkollaps. "Wir haben keine Rückfallebene mehr, weil immer alles funktioniert", mahnt Saurugg. Die Bevölkerung glaube, es sei immer alles verfügbar, man könne jederzeit einkaufen gehen und müsse nicht mehr wie früher vorsorgen.

"In Deutschland kann sich ein Drittel der Bevölkerung nicht länger als vier Tage selbst versorgen, ein weiteres Drittel maximal eine Woche, nur der Rest länger", so der Experte. Dabei würde die Versorgung nach einem großflächigen Blackout aber nicht vor der zweiten Woche wieder anlaufen und selbst dann auf einem absoluten Minimalniveau. "Millionen Menschen wären in Deutschland im Überlebenskampf", fürchtet Saurugg.

"Größte Katastrophe nach Zweitem Weltkrieg"

"Und das betrifft auch das Personal, das die Systeme und Logistik wieder hochfahren müsste", führt er weiter aus. Komme dieses nicht mehr zur Arbeit, stecke Deutschland in der größten Katastrophe nach dem Zweiten Weltkrieg. "Ein Stromausfall betrifft alle Bereiche. Krankenhäuser fühlen sich durch Notstrom vorbereitet, aber in der Praxis erlebe ich etwas ganz anderes", berichtet Saurugg. Die Krankenhausversorgung würde aus seiner Sicht innerhalb weniger Tage kollabieren.

"Die Politik muss mehr Aufklärungsarbeit leisten", fordert Saurugg daher. 2016 hatte der damalige Innenminister Thomas de Maizière die Bevölkerung bereits aufgefordert, für den Katastrophenfall Vorräte anzulegen. Lebensmittel für mindestens zehn Tage sollten die Deutschen demnach horten. Die Opposition kritisierte die Pläne damals als "Panikmache". "Gefährlich", sagt Saurugg aus heutiger Sicht dazu.

Über den Experten:
Herbert Saurugg ist Experte für die Vorbereitung auf den Ausfall lebenswichtiger Infrastrukturen und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge.

Verwendete Quellen:

  • GDV: Black­out: Vom dro­hen­den Kol­laps der Gesell­schaft. 31.01.2022
  • Bundesministerium des Inneren und für Heimat: Konzeption Zivile Verteidigung
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