Heute vor siebzig Jahren befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Über eine Million Menschen sind dort in den Gaskammern oder an den unmenschlichen Bedingungen gestorben. Wie kam es zu dem organisierten Massenmord? Eine Schilderung des Grauens.

Wohl nie zuvor traten die menschlichen Abgründe kälter hervor als im Holocaust. Millionen Menschen wurden getötet und fast jede Spur von ihnen beseitigt. Die meisten waren Juden, aber auch politisch Andersdenkende, Intellektuelle, Behinderte, Arbeitslose, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma gehören zu den vielen Opfern des Nationalsozialismus.

Auschwitz und die anderen NS-Vernichtungslager sind in ihrer Monstrosität einzigartig. Es ist kaum zu verstehen, wie es möglich war, so viele unschuldige Männer, Frauen und Kinder ins Gas zu schicken.

Ein KZ-Überlebender erinnert sich an das historische Verfahren.

Holocaust nicht nur das Werk Hitlers

Die systematische Ermordung von Menschen, die nicht in die Ideologie der Nationalsozialisten passten, ist nicht nur auf den Fanatismus eines Einzelnen zurückzuführen. Es war eine Gemeinschaftsarbeit, von vielen Köpfen erdacht, geplant und vorangetrieben, von vielen Händen ausgeführt. "Tatsächlich ist die Ansicht, die Vernichtung der Juden sei irgendwie von ein paar Verrückten einem widerstrebenden Europa aufgezwungen worden, eine der gefährlichsten überhaupt", erläutert Laurence Rees in seinem Buch "Auschwitz - Geschichte eines Verbrechens". Der Historiker und Journalist hat zahlreiche Interviews mit NS-Funktionären und Holocaust-Überlebenden geführt. Er versucht eine Antwort auf die Frage zu finden: Wie konnte Auschwitz geschehen?

Laut Rees baute der Judenhass der Nazis auf den bereits bestehenden Antisemitismus auf, den es nicht nur in Deutschland, sondern überall in Europa gab und noch immer gibt. In der NS-Ideologie galten "Arier" als überlegene "Herrenrasse", die die übrigen Völker unterwerfen muss. Juden dagegen wurden als "schädlich" und als die "natürlichen Feinde" der Deutschen verfolgt. "Der Jude ist der eiternde Blinddarm im Körper der Menschheit", drückte es der SS-Arzt Fritz Klein aus. Deshalb müsse man sie beseitigen. Die Nationalsozialisten sahen die Todeslager gar als "gesundheitspolitische Maßnahme", erklärt Rees. In den Vorstellungen des Regimes war jeder, der dem Reich nicht von Nutzen war, auch nicht wert zu leben.

Die SS erzog zur Härte

So weit die Ideologie. Doch wer waren die Menschen, die den Massenmord der Nazis in die Tat umsetzten? Der erste Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß spielte für die Planung und Ausführung eine entscheidende Rolle. In der SS-Ausbildung wurde er zu absoluter Härte erzogen. Bei der Führung eines KZ wurde Skrupellosigkeit erwartet. "Jede Form des Mitgefühls, jede Form von Erbarmen war damit ein Beweis der Schwäche", erklärt Rees. "Die Grundwerte der SS - bedingungslose Loyalität, Härte, Schutz des Reiches vor inneren Feinden - wurden fast zur Ersatzreligion, es war eine besondere und leicht verdauliche Weltsicht", so Rees.

Als Modell für Auschwitz diente das Konzentrationslager Dachau, das schon kurz nach der Machtergreifung im März 1933 errichtet wurde und in dem auch Höß arbeitete. In Dachau wurden zunächst politische Gegner inhaftiert, die als Bedrohung für das Reich angesehen wurden. Der psychologische Terror und die Hierarchie im für "seinen Sadismus berüchtigten" Lager wurden später in Auschwitz übernommen.

Auch wenn Juden im Dritten Reich nach und nach alle Rechte verloren, gab es wohl zunächst noch keine genauen Pläne, sie systematisch zu töten. Nach dem deutschen Einmarsch in Polen lebten aber plötzlich Millionen weitere Juden im Reichsgebiet. Sie sollten Platz machen für die Volksdeutschen, die sich nun in den eroberten Regionen ansiedeln sollten. Große Umsiedlungsaktionen mitten im Krieg wurden bald wieder aufgegeben und die Juden in Ghettos gesperrt. Noch war nicht klar, was mit ihnen passieren soll.

Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion und dem Kriegseintritt der USA 1941 spitzte sich die Situation für die Juden weiter zu. In der nationalsozialistischen Propaganda waren sie Feinde, da Adolf Hitler an eine jüdisch-bolschewistische Verschwörung in der Sowjetunion glaubte und zudem überzeugt war, dass das "Weltjudentum" einen Krieg angezettelt hatte. Selbst Kinder wurden als "nachwachsende Gegner" gesehen, so Rees. Die NS-Führung beschloss deshalb die "Endlösung der Judenfrage". Auschwitz sollte hier eine zentrale Funktion zukommen.

Selektion in "Arbeiter" und "Nutzlose"

Die ersten Gefangenen in Auschwitz 1940 waren Polen, die unter Verdacht standen, Widerstandskämpfer zu sein. Ab 1941 wurde der Ort zum Vernichtungslager ausgebaut. Anders als die drei Todeslager Belzec, Sobibor und Treblinka, die einzig auf die massenhafte Vernichtung von Menschen ausgerichtet waren, diente Auschwitz zusätzlich als Arbeitslager. "Arbeitsfähige" und "Nutzlose" wurden gnadenlos aufgeteilt. Letztere wurden direkt in die Gaskammern verbracht und fanden dort einen qualvollen Tod.

Auf perfide Art verschafften sich die Täter Abstand zu ihren Verbrechen: Die Gaskammern standen am Ende einer Suche nach der effizientesten und anonymsten Methode, möglichst viele Menschen in kurzer Zeit zu töten. In Auschwitz wurde Zyklon B verwendet - es führt zu schnellem Ersticken. Es galt als "seelisch weniger belastend" als die Massenerschießungen, mit denen die Nazis zuvor Juden getötet hatten. Viele Aufgaben mussten zudem ausgewählte Häftlinge übernehmen, etwa das Bergen der Leichen, die Reinigungsarbeiten oder das Sortieren der Kleider der Toten.

Inmitten des unermesslichen menschlichen Leids genoss die Lagerführung ein gutes Leben in Auschwitz. Es gab ein Kino, ein Theater, einen Sportverein - und jede Menge Alkohol. "Wir kriegten ein gewisses Quantum jeden Tag, das wir gar nicht mehr abholten, und manchmal abholten und ein großes Saufgelage machten", erzählte Oskar Gröning, der als Buchhalte in Auschwitz gearbeitet hatte, dem Journalisten Rees. Zudem bereicherten sich die SS-Leute an den Wertsachen, die die Juden mit ins Lager brachten.

"Niemand kennt sich selbst"

1944 lief die Höllenmaschine Auschwitz auf Hochtouren. Es war das Jahr des größten Mordens - in einer Zeit, in der sich die Niederlage des deutschen Reiches im zweiten Weltkrieg immer deutlicher abzeichnete. Obwohl den NS-Oberen klar war, dass sie vor der Welt für ihre Gräueltaten zur Rechenschaft gezogen werden würden, fuhren sie mit dem Völkermord fort. Für Rees ist Rache das dahinter steckende Motiv. Kurz vor dem Eintreffen der Alliierten wurden noch viele Beweise zerstört, die Gaskammern in Auschwitz in die Luft gesprengt.

Die wenigsten NS-Funktionäre bereuten später, was sie getan haben. Sie waren oder sind noch immer stolz auf ihre Zeit als Herren über Leben und Tod, blind und kalt für das Leid der anderen. Als "paradiesisch" beschrieb es sogar Wilfried von Oven, ein enger Mitarbeiter von Joseph Goebbels, gegenüber Rees.

Was in Auschwitz geschehen ist, liegt wohl auch im inneren Abgrund jedes Menschen. Der Holocaust-Überlebende Toivi Blatt hat im Interview mit Rees seine eigene Erklärung dafür gefunden: "Der nette Mensch auf der Straße, den du fragst: 'Wo ist die Nordstraße?', und der einen halben Block mit dir geht und sie dir zeigt und nett ist und freundlich. Dieser selbe Mensch könnte unter anderen Umständen ein richtiger Sadist sein. Niemand kennt sich selbst."

Laurence Rees ist ein britischer Journalist und Dokumentarfilmer. Lange Zeit arbeitete er für den Sender BBC. Rees hat sowohl mit vielen hohen NS-Funktionären als auch Holocaust-Überlebenden Interviews geführt. Er ist Autor des Buches "Auschwitz - Geschichte eines Verbrechens".