Manche sehen in ihm "Hitlers Lieblingsgeneral", andere einen Widerstandskämpfer: Um Erwin Rommel ranken sich viele Mythen. War Rommel in die Pläne für das Attentat auf Adolf Hitler eingeweiht? Brach der General gar am Ende mit der menschenverachtenden Ideologie der Nationalsozialisten? Anlässlich von Rommels 70. Todestag spricht die Historikerin Cornelia Hecht im Interview mit unserem Portal über den Mythos Rommel.

Frau Hecht, am 14. Oktober 1944 starb Erwin Rommel. Vielen kennen ihn als "Hitlers Lieblingsgeneral" und "genialen Strategen", um ihn entstand gar eine Art Mythos. Wie kam es dazu?

Cornelia Hecht: Einerseits war Rommel eine Propagandagestalt des Nationalsozialismus und wurde gezielt von Joseph Goebbels als Volksgeneral auserkoren. Insbesondere während des Afrikafeldzuges wurde er von der NS-Wochenschau und anderen Zeitschriften als "Pop-Ikone" ins Zentrum der Propaganda gestellt. Andererseits spielte auch die britische Propaganda eine große Rolle. Mit Blick auf Afrika wurde im gesamten britischen Königreich weniger über die Deutsche Wehrmacht als über Rommel berichtet. Schon während des Krieges entstanden zahlreiche Schriften und Bücher über ihn. Damit sollte vor allem erklärt werden, warum das britische Empire nicht gewann: Rommel, der geniale Stratege. Und auch der bekannte Spitzname "Wüstenfuchs" ist eine Wortschöpfung der Briten nach dem zweiten Weltkrieg.

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Rommel war aus zwei Gründen im militärischen Establishment extrem unbeliebt: Zum einen fehlte ihm die vorgeschriebene Generalstabsausbildung. Zum anderen war er ein Protegé Hitlers und hatte einen sehr direkten Draht zu ihm. Er konnte sich deshalb mehr erlauben als andere.

Hatte Rommels Unbeliebtheit auch mit seinem Charakter zu tun?

Hier gibt es zwei Perspektiven: Bei vielen einfachen Soldaten war er offenbar beliebt, da er als einer der wenigen an vorderster Front kämpfte – das ist nicht nur ein Mythos, sondern Realität. Allerdings konnte er auch sehr barsch und unerbittlich auftreten, was ihn bei Generalstäblern und Offizieren deutlich weniger beliebt machte.

Eine der umstrittensten Fragen unter Historikern ist die zu Rommels Rolle für den Widerstand: Brach er tatsächlich mit den Nationalsozialismus und wurde am Ende zum Widerstandkämpfer – oder blieb er dem Dritten Reich treu?

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Ich würde den Begriff "Widerstandskämpfer" nicht verwenden. Aber Rommel machte eine Entwicklung durch, die spätestens 1943 in El Alamein begann. Damals hatte er gegen den Befehl Hitlers den Rückzug angetreten. Später erkannte Rommel, dass die Invasion der Alliierten nicht aufzuhalten war und legte Hitler in Gesprächen nahe, Konsequenzen zu ziehen: Zuletzt forderte er ihn am 9. Juli 1944 auf, den Krieg zu beenden. Zwar lehnte Rommel lange ein Attentat auf Hitler ab. Doch seit 2005 kennen wir Abhörprotokolle deutscher Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft. Darunter ist auch die Aussage des Panzergenerals Heinrich Eberbach, der Rommel zitierte: Dieser habe ihm am 17. Juli gesagt, dass es keine andere Möglichkeit gebe, als den Führer und die gesamte Sippschaft umzubringen. Diese Quelle spricht deutlich dafür, dass Rommel in die Pläne für das Attentat auf Hitler vom 20. Juli eingeweiht war und sie nicht mehr ablehnte.

Wie gesichert ist diese Ansicht heute?

Mittlerweile setzt sich diese Position mehr und mehr durch. Leider gibt es von Rommel selbst praktisch keine Dokumente. Interessant wäre es sicherlich, alte Gestapo-Protokolle zu finden. Damit würde man möglicherweise erfahren, was Beteiligte am Hitler-Attentat in ihren Vernehmungen über Rommel gesagt haben könnten.

Dr. Cornelia Hecht hat in Tübingen Neuere Geschichte und Politikwissenschaft studiert, 2001 promoviert und ist heute wissenschaftliche Mitarbeiterin am Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart. Dort kuratierte sie 2008/09 auch die Ausstellung "Mythos Rommel", wofür sie den Nachlass Erwin Rommels sichtete.