Menschenhändler im Osten Sudans und auf der Sinai-Halbinsel entführen eritreische Flüchtlinge. Sie foltern sie so lange, bis die Angehörigen Lösegeld zahlen. Falls diese zahlen können. Das abscheuliche Geschäft mit Menschen hat im Norden Afrikas Hochkonjunktur - und wird meist stillschweigend geduldet. So berichtet es eine neue Studie der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch".

Seit 2004 flüchteten mehr als 200.000 Menschen aus Eritrea vor Elend und Unterdrückung. Viele retten sich in die Flüchtlingscamps im benachbarten Sudan oder zahlen horrende Summen an Schleuser, die sie nach Israel bringen sollen. Viele von ihnen erreichen nie ihr Ziel. Stattdessen fallen sie Menschenhändlern in die Hände, die sie foltern und Lösegeld von den Angehörigen fordern. Sicherheitsbeamte, die die Flüchtlinge schützen sollten, leugnen die Taten oder unterstützen die Entführer. Der 79-seitige Bericht "I wanted to lie down and die: Trafficking and Torture in Sudan and Egypt" dokumentiert die grausamen Zustände im Osten Sudans und auf der ägyptischen Halbinsel Sinai.

Laut dem am Dienstag veröffentlichten Bericht entführen, foltern und töten Menschenhändler eritreische Flüchtlinge. Grundlage des Berichts sind 37 Interviews, die "Human Rights Watch" mit betroffenen Menschen geführt hat. Die Flüchtlinge berichten, über Wochen und Monate misshandelt worden zu sein. Das System ist so simpel wie grausam: Die Menschenhändler entführen ihre Opfer und foltern sie so lange, bis diese die Telefonnummern ihrer Familie verraten. Die verbliebenen Angehörigen werden angerufen und müssen dem qualvollen Leiden ihrer Liebsten per Telefon zuhören. Der einzige Weg das Leiden des Opfers zu beenden, ist die Zahlung eines Lösegelds. Bis zu 40.000 US-Dollar fordern die Entführer von den Hinterbliebenen pro Freilassung.

"Wir mussten mit ansehen, wie er starb"

Die Berichte der Opfer über die Foltermethoden sind unfassbar. Laut der Studie werden Frauen und Männer vergewaltigt, mit Elektroschocks gequält. Genitalien und Körperteile sollen mit glühenden Eisen, kochendem Wasser sowie Zigaretten verbrannt worden sein. Ein 23-jähriger Mann aus Eritrea, der mit 24 weiteren Männern und acht Frauen sechs Wochen lang gefangen gehalten wurde, erzählt "Human Rights Watch" von den brutalen Misshandlungen: "Sie schlugen mich mit einer Eisenstange. Sie ließen geschmolzenes Plastik auf meinen Rücken laufen. Manchmal drohten sie mir, mich umzubringen und hielten mir eine Waffe an den Kopf. Sie hingen mich an der Decke auf, sodass meine Füße nicht den Boden berühren konnten, und sie verpassten mir Elektroschocks. Einer von uns starb, nachdem er 24 Stunden lang an der Decke gehangen hatte. Wir mussten mit ansehen, wie er starb." 17 der befragten Opfer sagten, sie hätten gesehen, wie andere durch Folter gestorben seien.

Selbst wenn die Angehörigen das geforderte Lösegeld bezahlen können, eine Gewissheit, dass das Opfer freikommt, gibt es nicht. Manche Entführer töten ihre Geiseln trotzdem. Entführte, die tatsächlich frei gelassen werden, sind trotzdem nicht in Sicherheit. Kaum von ihren Peinigern losgelöst, werden die Flüchtlinge von der ägyptischen Grenzpolizei festgenommen und der Militärstaatsanwaltschaft übergeben. Denn die Behörden haben nicht vor, den Opfern zu helfen. Stattdessen werden sie wegen Verstoß gegen das Einwanderungsgesetz belangt.

Ägyptische Behörden behaupten, dass es sich bei allen Eritreern, die auf dem Sinai festgenommen wurden, um illegale Einwanderer handelt. Die Regierung ignoriert dabei die Tatsache, dass die Mehrzahl der Entführten gegen ihren Willen von Menschenhändlern nach Ägypten gebracht wurden. Somit landen die gerade freigekauften Opfer geradewegs in einer ägyptischen Gefängniszelle, wo sie monatelang ihre Haft absitzen. Erst 2010 wurde in Ägypten ein Gesetz verabschiedet, dass den Opfern von Menschenhandel Recht auf Unterstützung, Schutz und Straffreiheit zusichert. Doch die Regierung scheint sich um dieses Gesetz drei Jahre später nicht mehr zu kümmern.

Sicherheitskräfte und Menschenhändler arbeiten zusammen

Seit 2013 haben die ägyptischen Behörden die Sicherheitsaktivitäten auf dem Sinai verstärkt. Sicherheitsbeamte sollen Menschenhändler ausfindig machen und sie zur Rechenschaft ziehen. Doch die Situation auf der ägyptischen Halbinsel entwickelt sich anders als geplant. Laut "Human Rights Watch" sehen Beamte und Polizei im Sinai und Sudan im richtigen Moment weg oder helfen den Entführern.

Obwohl der Menschenhandel und die Schwere der Misshandlungen der Opfer allgemein bekannt sind, bestreiten hochrangige ägyptische Beamte immer wieder, dass es auf dem Sinai Menschenhandel gibt. Die wenigen, die mögliche Misshandlungen einräumen, behaupten laut "Human Rights Watch", es gebe nicht genügend Beweise, um zu ermitteln.

"Seit Jahren leugnen ägyptische Beamte, dass es vor ihrer Nase auf dem Sinai zur grauenvollen Misshandlung von Flüchtlingen kommt", sagt Gerry Simpson, Flüchtlingsexperte von "Human Rights Watch" und Autor des Berichts. "Ägypten und Sudan müssen den Folterungen und Erpressungen von Eritreern, zu denen es in ihren Ländern kommt, ein Ende setzen. Menschenhändler und Sicherheitsbeamte, die sie unterstützen, müssen verfolgt und zur Rechenschaft gezogen werden."

Situation unverändert

Seit Dezember 2013 laufen Ermittlungen gegen einen in Kairo ansässigen Komplizen eines Menschenhändlers vom Sinai, so ein Anwalt, der Opfer von Menschenhandel vertritt. Laut internationalen Organisationen, die die Fälle von Menschenhandel im Sudan verfolgen, wurden nur in 14 Fällen von Menschenhandel mit Eritreern im Osten Sudans strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet. Bis Ende 2013 wurde im Sudan gegen vier Polizeibeamte im Zusammenhang mit Menschenhandel und Folter ermittelt. In Ägypten gab es im gleichen Zeitraum nicht einen einzigen Fall von Ermittlungen gegen Polizeibeamte. Aber warum klappt eine zumindest ansatzweise Verfolgung der Straftäter im Sudan, jedoch nicht in Ägypten?

Laut Gerry Simpson ist die Begründung dafür in der fehlenden internationalen Aufmerksamkeit zu finden: "Im Januar 2012 besuchte ein UN-Hochkommissar für Flüchtlingsfragen den Osten des Sudan. Kurz darauf, im Februar und März des selben Jahres, gab es einige Berichte in internationalen Medien und somit auch internationale Aufmerksamkeit. Der Sudan steht bei dieser Thematik mehr im Auge des öffentlichen Interesses als zum Beispiel Ägypten". Außerdem fügt Simpson an, sei "der Ursprung, die Flüchtlingslager in die die Eritreer flüchten und dann verschleppt werden, im östlichen Sudan zu finden". "Wenn dort mit harter Hand gegen die Entführungen durchgegriffen wird, kann dem Menschenhandel Einhalt geboten werden," fordert Simpson.