Seit dem Vormarsch der IS-Terrormiliz scheint der Dschihadismus allgegenwärtig. Dabei hat die Ideologie ihren Ursprung in den Anfängen des Islam und entwickelte sich in den vergangenen Jahrzehnten stetig weiter - vom Kampf gegen eigene korrupte Regierungen zum direkten Kampf gegen den Westen.

Wenn Abu Bakr al-Bagdadi den Dschihad entfesselt, sollen seine Anhänger ausschwärmen und die Feinde des Islams vernichten. So will es der Chef der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), so wollen es die radikalen Islamisten. Sie berufen sich auf den Dschihadismus, eine extremistische Form des Islamismus, meist als "Heiliger Krieg" übersetzt. Denn Allah verlange, gegen Ungläubige vorzugehen.

Der IS hat den Dschihad nicht erfunden. Aber mit seinen Gräueltaten hämmert er das Wort geradezu ins kollektive Bewusstsein. Dennoch bleibt die Idee oftmals diffus: Denn was erklärt der Begriff eigentlich genau? Was will der Dschihadismus? Und wie hat er sich bis heute verändert?

Libysche Stadt Derna ist offenbar vollständig in Hand der Dschihadisten.

Dschihad kann auch friedlich sein

Auch wenn aufgrund des IS fast nur noch das Bild vom Krieg präsent ist, bedeutet das arabische Wort Dschihad nicht mehr als "Bemühung" oder "Anstrengung". "Dschihadismus meinte schon immer mehr als nur Kampf", sagt Marco Schöller, Professor für Islamische Geschichte der Universität Münster.

Denn der Kampf spiegelt nur eine Hälfte wider, nur den "kleinen Dschihad": die Verteidigung des Islams und das Ziel, seine Herrschaft auszuweiten. Radikale Islamisten verstehen sich als Gotteskrieger, die Allah dienen und mit Gewalt für ihre Religion kämpfen.

Der "große Dschihad" hingegen ist friedlich: Er beschreibt, wie jeder Muslim sich um das richtige religiöse Verhalten bemühen soll, den Kampf gegen das innere Selbst, gegen die Triebseele. Die Unterscheidung in "groß" und "klein" formte sich laut Schöller in den ersten Jahrhunderten des Islams.

1960er Jahre: Der moderne Dschihadismus entsteht

So alt wie die Begriffe sind auch die Wege des Dschihad. Seit der Islam im 7. Jahrhundert entstand, war auch die Religion immer wieder mit dabei, wenn Muslime neue Gebiete eroberten. Einen Brennpunkt bildete etwa das islamische Spanien, weshalb der IS heute davon schwärmt, sein Kalifat bis nach "Al-Andalus" ausdehnen zu wollen. Andere Zentren waren Sizilien, die Balkankriege zu Zeiten des Osmanischen Reichs oder der Kaukasus.

Der moderne Dschihad aber entwickelte sich erst vor rund 50 Jahren. "Seit knapp 200 Jahren greifen westliche Staaten in die arabische Welt ein. Aber erst in den 1960er Jahren entstand eine dschihadistische Gewaltreaktion", sagt Schöller. Dabei richtete sich diese anfangs nicht einmal direkt gegen den Westen.

Die Ideologen wetterten gegen die korrupten Regime, etwa in Ägypten: "Die eigenen Regierungen wurden als Marionetten des Westens gesehen." Den eigenen abtrünnigen Staat betrachteten sie als "nahen Feind", wie Elhakam Sukhni vom Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück erklärt.

Immer häufiger gelingt den Terroristen des Islamischen Staats, Gebiete außerhalb des Iraks und Syrien unter ihre Kontrolle zu bringen. Neben Ägypten und Libyen sympathisieren auch in Nordafrika islamische Extremisten mit der Terroristenmiliz.

1980er Jahre: Der sowjetische Afghanistankrieg befeuert die Ideologie

Im Afghanistan der 1980er Jahre etwa war das Ziel nicht nur die eigene kommunistische Regierung, sondern zudem der "ferne Feind": die sowjetischen Besatzer. Der sowjetische Afghanistankrieg wurde auch deshalb zu einem entscheidenden Moment, weil die Mudschaheddin Kämpfer aus anderen arabischen Ländern einflogen und die Grundlage für eine komplexe Ideologie legten. Der Dschihad wurde transnational. "Nach dem Krieg trugen die Rückkehrer diese Ideologie zurück in ihre Heimat und verbreiteten sie", sagt Sukhni.

Diese Zweiteilung von nah und fern zeigt sich auch bei Al-Kaida: Als das Königshaus in Saudi Arabien in den 1990er Jahren mit den USA gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein kooperiert, bricht Osama bin Laden mit dem Regime. Gegen Ende des Jahrzehnts folgen die Anschlägen auf US-Botschaften in Kenia und Tansania.

Der 11. September 2001 als großer Wendepunkt

Der große Wendepunkt aber kommt am 11. September 2001. Mit der Attacke auf das World Trade Center wird der Westen wie nie zuvor zur Zielscheibe des Heiligen Kriegs. Die anschließenden US-Invasionen in Afghanistan und dem Irak zementierten das Feindbild nur noch.

Terroranschläge sind dabei kein eigenes Merkmal des Dschihadismus. Schon früher hatten andere wie etwa linke Gruppierungen im algerischen Befreiungskrieg (1954-62) Terrorstrategien verfolgt. Was den modernen Dschihadismus aber kennzeichnet, ist seine "verselbstständigte Gewaltideologie", wie sie der Verfassungsschutz nennt. Diese drückt sich aus im globalen Kampf ohne nationale, regionale oder zeitliche Grenzen.

Die Terror-Miliz IS schließt offenbar ein gefährliches Bündnis. In Syrien soll sie sich mit der Al-Kaida-nahen Gruppe Al Nusra zusammengetan haben. Experten warnen: Ein Bündnis mit Al-Kaida würde zur Globalisierung des Terrors unter dem Banner des IS führen - und könnte bald andere Länder erreichen.

Islamischer Staat verkörpert Pop-Dschihadismus

So ist es auch beim Islamischen Staat – anders als zum Beispiel bei der Hamas, die vor allem gezielt Israel angreift. Es überrascht nicht, dass die Ideologien von Al-Kaida und IS auf den ersten Blick viel gemeinsam haben. Doch Al-Kaida wirkte auch auf seinem Zenit im Verborgenen. Der IS hingegen rekrutiert offen Tausende Kämpfer und erobert Territorium – er wird sichtbar.

Und auch die Propaganda hat sich verändert. Bei Al-Kaida predigten alte, weise Männer – der IS setzt auf gewalttätige Hochglanzbilder, die er in sozialen Medien streut. Beobachter haben auch für diese jüngste Erscheinung schon einen Namen gefunden: Pop-Dschihadismus.