Die Islamkritiker haben erneut mobil gemacht. Trotz Terrorwarnung und Demonstrationsverbot in Dresden sind am Montagabend in verschiedenen Städten Deutschlands erneut Pegida-Anhänger auf die Straße gegangen, um gegen eine angebliche Islamisierung zu demonstrieren. Die Pegida-Anhänger stufen sich dabei nicht als fremdenfeindlich oder gar rassistisch ein. Doch wann hören legitime Vorbehalte gegen andere auf und wo beginnen Fremdenhass und Rassismus?

Gesellschaften sind keine homogenen Gebilde. Vielmehr bestehen sie aus vielfältigen Kulturen, Meinungen und Haltungen - zumindest, insofern sie frei von Unterdrückung und Anpassungszwang sind. Gerade im Zeitalter der Globalisierung gehören äußere beziehungsweise fremde Einflüsse zum gesellschaftlichen Alltag - auch wenn manche davon die eigene Identität bedroht sehen. Ist diese Sorge schon fremdenfeindlich?

"Fremdheit muss hergestellt werden. Sie ist nicht einfach naturgegeben", sagt Dr. Yasemin Shooman. Sie leitet die Akademieprogramme des Jüdischen Museums Berlin und verantwortet dabei die Programme Migration und Diversität sowie das Jüdisch-Islamische Forum der Akademie.

Woher kommt Fremdenfeindlichkeit?

Was Shooman, deren Forschungsschwerpunkte Antimuslimischer Rassismus/Islamfeindlichkeit und Migration/Integration umfassen, meint, erklärt sich an einem simplen Beispiel. "Christentum und Islam haben als monotheistische Religionen größere Überschneidungen als etwa das Christentum und der Buddhismus. Trotzdem wird der Buddhismus hier positiver wahrgenommen. Das hat also weniger mit tatsächlicher kultureller Nähe oder Fremdheit zu tun."

Zur Ursache von Fremdenfeindlichkeit gibt es verschiedene Erklärungen. Sozial Benachteiligte machen zumeist nicht den eigentlichen Verursacher von Missständen verantwortlich. Stattdessen suchen sie sich eine unbeteiligte dritte Partei und erklären diese zum Sündenbock. So tritt Fremdenfeindlichkeit nachweislich eher dort auf, wo hohe Arbeitslosigkeit herrscht. Interessant dabei: Selbst dort, wo bestimmte Gruppen nicht oder kaum vorkommen, kann die Ablehnung oder Abwertung dieser auch ohne negative Erfahrungen sehr hoch sein.

Dieses Phänomen erklärt sich vorwiegend durch eine diffuse Angst vor dem Unbekannten. So wird bereits Kleinkindern spielerisch die "Angst vorm Schwarzen Mann" vermittelt. Was wir also konkret als fremd und bedrohlich wahrnehmen, hängt vor allem von unserer Sozialisation ab.

Rassismus kommt auch in der Mitte der Gesellschaft vor

"Fremdenfeindlich" wird häufig mit "rassistisch" gleichgesetzt, obwohl damit nicht nur Ausländerfeindlichkeit gemeint ist. Wissenschaftlich betrachtet, beschreibt der Begriff "Rassismus" vielmehr eine ablehnende, ausgrenzende oder sogar feindselige Haltung gegenüber Personen oder Gruppen, die als andersartig und nicht zur eigenen Gruppe zugehörig gelten. Hinzu kommt, dass man das eigene Selbstbild gegenüber den anderen als das überlegene darstellt.

Laut Shooman kommt Rassismus nicht nur am rechten Rand der Gesellschaft vor. "Er kommt auch in der Mitte der Gesellschaft vor. Dort wird er oft weniger aggressiv vorgetragen und subtiler ausgedrückt." Auch deswegen verwundert es wenig, dass sich Anhänger der Pegida-Bewegung weder als rassistisch noch als fremdenfeindlich einstufen - und dennoch aufgrund ihrer Parolen genau diesen Ruf haben.

Shooman zufolge geht es bei der Pegida-Bewegung nicht um eine legitime Religionskritik. "Diese Art Islamkritik steht für eine generelle Ablehnung und Ausgrenzung von Muslimen. Die Religion wird nur als Vorwand benutzt", sagt Shooman. Immerhin träfen Ressentiments auch solche Menschen, die nicht religiös seien.

Was tun gegen Fremdenfeindlichkeit?

Vor allem Fremdenfeindlichkeit werde es in weitgehend offenen Gesellschaften immer geben. Denn Begegnungen alleine reichen nicht aus, um Vorurteile abzubauen. Dazu müsse, so Shooman, ein Kontakt auf Augenhöhe stattfinden. "Das heißt, beide Seiten sollten von ihrem Bildungshintergrund her und sozioökonomisch gleichgestellt sein."

Darüber hinaus kommt den Medien eine wichtige Rolle bei der Meinungsbildung zu. Nicht nur, weil sie positive Leitbilder vorgeben und die Vorteile einer bunten Gesellschaft vermitteln können, sondern vor allem, weil viele im Alltag mit Minderheiten kaum in Berührung kommen und sich vornehmlich über die Medien informieren.

Warnung vor Radikalisierung der Ausgegrenzten

Integration gilt deshalb als Schlüssel zu einer friedvollen Gemeinschaft. Finden dagegen überwiegend Fremdenfeindlichkeit und Rassismus statt, ist auch eine Radikalisierung der Betroffenen nicht weit. Vor allem, wenn diese einen alternativen Rückzugsort haben.

In einem Interview der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" antwortete der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide auf die Frage, wie Salafisten junge Menschen für sich gewinnen können: "Salafismus ist bei Jugendlichen attraktiv, die das Gefühl haben, ohnmächtig und marginalisiert zu sein, und von der Gesellschaft nicht anerkannt."

Insofern sollte klar sein: Wer diskriminierte Jugendliche davon überzeugen kann, dass sie besser dran sind, wenn sie gegen die "Ungläubigen" vorgehen, hat praktisch schon gewonnen - die Gesellschaft dahinter dagegen verloren.