Johannes Clair wusste, dass er sterben könnte. Doch auf die Todesangst war er nicht vorbereitet. Vor einem Jahr veröffentlichte der Ex-Soldat den Bestseller "Vier Tage im November" über seinen Kampfeinsatz in Afghanistan. Erst jetzt konnte er sich eingestehen, dass er an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Das Problem wird von der deutschen Gesellschaft verdrängt.

Für den Afghanistan-Einsatz hat sich der damalige Zeitsoldat freiwillig gemeldet. Zu dieser Zeit war die Bundeswehr bereits mehr als acht Jahre am Hindukusch. Clair ist mit dem Einsatz aufgewachsen. Er wollte selbst erleben, was dort eigentlich passiert. Jenseits aller "klischeehaften Meinungen über diesen Einsatz und dieses Land", wie er sagt. Für ihn ist der Soldatenberuf ein Teil des Rechtsstaats. Auch den kritischen Umgang mit dem Thema Krieg und Militär schätzt er in Deutschland. Er wollte aktiv werden. Er wollte etwas verändern.

Der damals 24-Jährige wusste, dass er in Afghanistan sterben könnte. Er wusste, dass er auf Menschen schießen musste und dass Menschen auf ihn schießen würden. Kurz vor seinem Einsatzbeginn im Juni 2010 kamen sieben Bundeswehr-Soldaten bei Angriffen in Kunduz ums Leben. Doch im Rückblick fühlt er sich nicht wirklich vorbereitet auf das, was ihn im Einsatz erwarten würde. Lediglich ein Buch mit landeskundlichen Informationen über Afghanistan wurde den Soldaten in die Hand gedrückt.

Todesangst in Afghanistan

Clair ist ein nachdenklicher Mensch, der seine Zeit am Hindukusch selbstreflektiert schildert. Zwei Mal wurde er von einem Sprengsatz getroffen. Bei vielen Gefechten erlebte er Todesangst, manchmal kam er nur sehr knapp mit dem Leben davon. Vier Tage lag er bei der "Operation Halmazag" im Dauerfeuer. Seine Angst steigerte sich immer mehr, bis er kaum noch in der Lage war, zu handeln.

Die Angst verließ ihn nicht mehr. Im Januar 2011 kam er aus seinem Einsatz zurück, ein halbes Jahr später schied Clair regulär aus der Bundeswehr aus. Doch der Einsatz beschäftigt ihn immer noch "von vorne bis hinten und von morgen bis abends". Seine Gedanke kreisen täglich um das Thema, er kann nicht mehr richtig zur Ruhe kommen. Ständig ist er angespannt, ein Gefühl, dass er aus dem Bundeswehr-Lager kennt: Jederzeit konnte ihm und seinen Kameraden etwas passieren. Die Angreifer versteckten sich im Hinterhalt. Sie konnten immer zuschlagen, die Soldaten dagegen konnten nur reagieren. Es ist eine Form von Hilflosigkeit.

Auch heute noch ist Clair in ständiger Verteidigungsbereitschaft, als ob er sich immer noch vor einem unsichtbaren Feind schützen muss. Die qualvolle Unruhe weicht auch in der Nacht nicht. "Ich habe seit zweieinhalb Jahren keine einzige Nacht durchgeschlafen", sagt der Ex-Soldat. Hinzu kommt die Existenzangst: Was ist, wenn er nicht mehr in der Lage ist, wieder vernünftig in den Alltag zurückzufinden und eine geregelte Arbeit aufzunehmen?

"Da wurde mir es schlagartig vor Augen geführt"

Lange verdrängte er, dass das Erlebte ihm mehr zu schaffen macht, als er zugeben wollte. Er hatte am Anfang mehr mit den "klassischen Symptomen" gerechnet, wie Panikattacken oder Wutausbrüchen. Er nahm nicht wahr, dass seine Schwierigkeiten, wieder in den zivilen Alltag zurückzukehren, auf den Einsatz zurückzuführen sind. Er schob es auf Stress und zu viel Arbeit. Erst ein sogenanntes Trigger-Erlebnis machte ihm klar, dass er Hilfe braucht. Er las einen Bericht vom Zugführer des Kameraden, der von einem Selbstmordattentäter in seinem Einsatz getötet wurde: "Da wurde mir es zum ersten Mal schlagartig vor Augen geführt." Seit kurzem ist er in psychotherapeutischer Behandlung.

Auslöser für eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist normalerweise ein Erlebnis, das einen Menschen tiefgreifend erschüttert hat. "So etwas wie das Erleben von Todesangst oder ein Erlebnis, dass man noch nie erfahren hat und nicht einordnen kann", beschreibt es Wolfgang Mack, Professor für Allgemeine Psychologie an der Bundeswehr-Universität in München und Leiter des Arbeitskreises PTBS im Reservistenverband. "Bei Soldaten sind Kampfsituationen wichtige Ursachen und das Miterleben, wenn Kameraden verwundet werden oder jemand stirbt."

Das Erlebte kehrt in sehr lebendigen Erinnerungen und Träumen immer wieder. "Das kann ausgelöst werden durch bestimmte Reize, die im Falle der Traumatisierung anwesend waren, zum Beispiel Brandgeruch. Das nennt man Triggern. So kann es passieren, dass jemand beim Grillen das schreckliche Ereignis wieder erlebt", sagt Mack. Häufig meiden die Betroffenen alles, was sie an die vergangene Situation erinnert und ziehen sich zurück. Die Bundeswehr habe jedoch inzwischen auf das Problem reagiert und arbeite daran, entsprechende Maßnahmen zu verbessern.

"Wir denken immer noch, Veteranen haben einen weißen Bart"

Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie im Auftrag des Bundestags nimmt nur etwa jeder fünfte Betroffene professionelle Hilfe in Anspruch. Scham und das Gefühl, versagt zu haben, sind nach Clairs Meinung häufig Gründe, warum Soldaten so selten Hilfe für ihre Probleme suchen. Viele verbänden ihren Beruf mit Stärke und dem Helfen von anderen Menschen. Da passt es nicht in das Selbstbild, sich als Opfer zu erleben. Und wenn sie es schaffen, die Belastung vor sich selbst einzugestehen, müssen sie einen zweiten schwierigen Schritt gehen und es ihrer Umwelt mitteilen.

Clair fühlt sich auch von der Gesellschaft im Stich gelassen. Das sei eben ihr Berufsrisiko und sie hätten an ihrer Situation selber schuld, bekämen Soldaten oft zu hören. "Dabei blendet jeder Mensch aus, was er selber an Verantwortung trägt. Jeder ist in einer Demokratie mit einer Parlamentsarmee dafür mitverantwortlich, dass es zu solchen Einsätzen kommt", führt der Ex-Soldat an. Er beklagt die fehlende Veteranenkultur in Deutschland. "Wir denken immer noch, Veteranen waren im Zweiten Weltkrieg und haben heute einen weißen Bart. Dabei produzieren wir seit 20 Jahren Veteranen."