Helmut Kohl war ein Weltpolitiker, blieb in seiner Familie aber unnahbar. Nach seinem Tod lieferten sich seine Söhne und seine zweite Frau einen erbitterten Streit. Materiell ist dieser beigelegt. Doch das Verhältnis der Söhne zu Kohls zweiter Frau bleibt zerrüttet. Wie konnte es so weit kommen?

Helmut Kohl starb am 16. Juni im Alter von 87 Jahren. Nach seinem Tod entbrannte ein erbitterter Streit. Nicht um das materielle Erbe.

Das sei seit 2016 beigelegt, erklärte Walter Kohl am späten Dienstagabend in der ZDF-Talkshow "Markus Lanz". "Da ist alles geklärt. Das Thema Erbschaft in der Familie ist komplett erledigt."

Doch in dem 30-minütigen Gespräch mit Markus Lanz fand der älteste Sohn Kohls noch immer keine versöhnlichen Worte für die Witwe des Altkanzlers, Maike Kohl-Richter.

Ausgrenzen, Abgrenzen, Kontrollieren – das sei ihre Verhaltensweise. Jeder von ihnen habe seine eigene Familie und seine eigenen Vorstellungen vom Leben. "Wir haben bis auf zwei, drei Themen nichts mehr, was uns verbindet oder wo Berührungspunkte sind. Und das ist vielleicht auch ganz gut so."

Den harten Worten des Sohnes gingen mehrere Kontroversen voraus. So erfuhr Walter Kohl vom Tod des Vaters aus dem Radio, wie er selber angab. Nicht der einzige Hinweis auf die schwierige Familiensituation.

Für mediales Aufsehen sorgten auch die Besuche des Sohnes am Hause des Vaters, in das er nach dessen Tod nicht hineingelassen wurde.

Verhältnis zerüttet

Maike Kohl-Richter warf er in der Sendung von Lanz vor, sie sei "nicht an einem Kontakt interessiert". Jahrelang hätten die Brüder nicht bei Kohl in Ludwigshafen-Oggersheim anrufen können, sie seien immer direkt an Kohls Berliner Büro weitergeleitet worden.

"Mein Bruder hat mal eine lustige Szene erlebt", sagte Walter Kohl. "Der rief nämlich an, und dann hieß es wieder 'keine Auskunft, keine Auskunft, keine Auskunft'. Und dann hat mein Bruder gefragt 'Sagen Sie: Können Sie mir sagen, wie viel Uhr es in Berlin ist?' Antwort: 'Keine Auskunft'", schilderte Kohl.

Nicht erst seit dem Auftritt bei Lanz ist klar, dass die Beziehung zwischen Kohls zweiter Frau und seinen Söhnen endgültig zerrüttet ist.

Früh inszeniertes Familienglück

Dabei war die Familie früh wichtiger Bestandteil der "Marke" Helmut Kohl. Die jährlichen Urlaube am Wolfgangsee in den österreichischen Alpen lieferten dem Bundeskanzler die erwünschten Bilder für die Medien – auch wenn das Idyll wohl zumindest in Teilen Fassade war.

Sein älterer Sohn Walter erklärte später, dass der übermächtige Vater für ihn die meiste Zeit ein Abwesender war. Das Verhältnis des Kanzlers zu seinen Söhnen galt als distanziert.

So aufmerksam, interessiert und gewissenhaft Kohl in den Beziehungen zu politischen Partnern wie Gegnern war, so unnahbar blieb er in seiner Familie.

Trauer um die Mutter

Ein Einschnitt für die ganze Familie war der Tod von Hannelore Kohl, die sich im Juli 2001 zu Hause in Oggersheim das Leben nahm. Die Söhne hatten ein enges Verhältnis zu ihrer Mutter – von ihrem Tod erfuhr Walter Kohl nach eigener Aussage von der Büroleiterin des Vaters.

Und doch hatten Kohl und seine Söhne zu diesem Zeitpunkt noch engen Kontakt. Bei der Trauerfeier im Speyerer Dom hielten der jüngere Sohn Peter und seine Frau Elif Sözen jeweils eine Hand des Vaters, als sie gemeinsam dem Sarg folgten.

„Ohne meine Mutter wäre mein Vater nie der geworden, der er ist", sagte Walter Kohl gegenüber Lanz.

Nach dem Tod von Hannelore Kohl trat Maike Richter an die Seite Helmut Kohls. Er kannte die 34 Jahre jüngere Volkswirtin aus dem Kanzleramt, wo sie unter anderem als Redenschreiberin arbeitete.

Maike Richter war offensichtlich vernarrt in ihn. Peter Kohl schrieb in einer Biografie über seine Mutter Hannelore über einen Besuch in Richters Wohnung im Jahr 2004, dass überall Bilder seines Vaters gehangen hätten. "Ich war in eine Art privates Helmut-Kohl-Museum geraten."

Bruch im Jahr 2008

2008 erlitt Helmut Kohl bei einem Sturz ein Schädel-Hirn-Trauma. Noch in der Heidelberger Reha-Klinik heiratete er Maike Richter. Seine Söhne erfuhren davon per Telegramm.

"Ich habe daraus für mich die notwendigen Schlüsse gezogen und kann heute sagen: Er lebt in seinem Bereich und ich in meinem Bereich – und das ist gut so", sagte Walter Kohl damals in einem Fernseh-Interview.

Die Hochzeit sorgte für den wohl entscheidenden Bruch in den familiären Beziehungen. Maike Kohl-Richter habe sich aufopfernd um ihren zunehmend pflegebedürftigen Mann gekümmert. Die rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Julia Klöckner beschrieb sie in einem Gespräch mit der "Welt" als "gastfreundlich und aufgeschlossen".

Doch gleichzeitig wurde Kohl-Richter vorgeworfen, den früheren Kanzler abzuschotten, die Beziehungen zu seinen Söhnen und früheren Vertrauten abzubrechen.

Was genau sie dazu verleitete, ist unklar. "Als sie mit ihm im Bungalow wohnte, da wollte sie ihn nicht mehr hergeben, wollte ihn ganz für sich allein", berichtete die "Süddeutsche Zeitung".

Und die zweite Frau leistete sich Fehltritte: Kohls Söhne waren schockiert, als sie Hosenanzug und Schmuck ihrer toten Mutter trug. Dass das ein Fehler war, gab sie daraufhin zu.

Kein Kontakt seit 2011

Anfang 2011 erschien Walter Kohls Buch "Leben oder gelebt werden". Es sei eine Art Selbsttherapie, erklärte er. Das Schreiben habe ihn davor gerettet, seiner Mutter aus freien Stücken in den Tod zu folgen.

Aber das Buch ist auch eine Anklage an den Vater. Es triebWalter und Maike Kohl-Richter endgültig auseinander.

Der Ruf des Staatsmannes, der Deutschland die Einheit brachte und die Einigung des ganzen Kontinents vorantrieb, hatte nach der Spendenaffäre und dem Selbstmord seiner ersten Frau ohnehin gelitten.

Maike Kohl-Richter war immer darauf bedacht, das öffentliche Bild ihres Mannes wieder in ein positives Licht zu rücken.

Mit Walter Kohls Buch aber wurde das Zerwürfnis mit seinem Sohn endgültig und ausführlich öffentlich. Im Jahr 2011, so beschrieb es Walter Kohl, habe er zum letzten Mal mit seinem Vater telefoniert.

Helmut Kohls politisches Erbe aber bleibt. Mit Blick auf dessen Einordnung und Aufarbeitung sagte der Sohn bei Lanz, er wünsche sich, "dass es eine Stiftung gibt, die – ganz wichtig – neutral, objektiv ist. Die außerhalb aller Familienmitglieder ist."

Weder er noch sein Bruder oder Maike Kohl-Richter sollten in dieser Stiftung eine Rolle spielen, "sie sollte an einem neutralen staatlichen Ort - Beispiel Bundesarchiv (...) - aufgehängt sein. Sie sollte von Fachleuten, von Historikern, von kompetenten, objektiven Menschen geleitet werden", ergänzte er.

Die komplette Dokumentation solle offen und öffentlich zur Verfügung stehen – so wie bei der früheren britischen Regierungschefin Margaret Thatcher.

Mit Material der dpa (fab)