2012 besuchte er in London nicht nur die Olympischen Spiele, sondern blieb gleich noch zu den Paralympics. Für die Olympischen Winterspiele im Februar im russischen Sotschi findet er dagegen nicht einen einzigen Tag Zeit. Auch wenn das Bundespräsidialamt sich bemüht, den Vorgang herunterzuspielen: Die Absage ist ein eindeutiges politisches Zeichen.

Internationale Sportveranstaltungen wie Olympia und die Fußballweltmeisterschaft hatten schon immer eine politische Dimension - und sind immer wieder von Diktaturen als willkommene Gelegenheit missbraucht worden, sich selbst und ihr Land in einem geschönten Licht der angereisten Weltgemeinschaft zu präsentieren. So geschehen auf der Olympiade 1936 in Hitlers Berlin, dem vielleicht größten Sündenfall der Olympia-Geschichte, aber auch während der umstrittenen Olympischen Spiele in Peking 2008.

Während Städte wie München Olympia absagen, ist die Austragung aufgrund der großen propagandistischen Effekte bei absolutistischen Herrschern beliebt, auch weil es ohne eine funktionierende Demokratie keine Kostenkontrolle, Volksentscheide und lästige Arbeitsschutzbestimmungen gibt, wenn ein Staat sich für die Weltgemeinschaft schmückt.

Gauck meidet Russland

Bundespräsident Gauck weiß um die dunkle Seite des angeblich so unpolitischen Sport-Festes. Sein Leben als Pfarrer in der sozialistischen Diktatur hat ihn tief geprägt. Auch in der DDR wurde der Profi-Sport systematisch missbraucht, als Propagandamittel, um internationale Anerkennung zu erlangen - und die eigene Bevölkerung unter dem Deckmantel eines DDR-Nationalgefühls zusammen zu schweißen. Gauck hat selbst erlebt, wie sehr eine Diktatur nach der Adelung durch internationale Besucher lechzt, wie sehr jeder Staatsbesuch dazu verwendet wird, das Bild einer Normalität zu zeichnen, die es nicht gibt.

Man darf mit gutem Gewissen annehmen, dass es diese Erfahrungen sind, die den Präsidenten zu dem medienwirksamen Affront gegenüber Russland angetrieben haben. Er hat seine Präsidentschaft in seinen Reden immer wieder mit dem Thema "Freiheit" überschrieben. Und er hat Russland seit seinem Amtsantritt noch kein einziges Mal besucht. Nein, Präsident Gauck möchte offensichtlich keiner dieser Besucher sein, die gute Miene zum bösen Spiel machen, während anderswo im Land jugendliche Popsängerin wie die Girls der Pussy-Riots-Band im Arbeitslager schmoren.

So nachvollziehbar diese mutmaßliche Gewissensentscheidung ist, so sehr ist es jedoch auch die Kritik an Gauck, die sich, wenn auch verhalten, in der deutschen Politik regt. "Man muss sich fragen, ob man damit nicht auch die Menschen im Land trifft", sagte der CDU-Außenpolitiker Andreas Schockenhoff der Zeitung "Die Welt". Ein Besuch Gaucks hätte auch die Möglichkeit geboten, um Gespräche mit Reformkräften in Russland zu führen und ihren Anliegen in der politischen Debatte mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, sagte der stellvertretende Vorsitzende der deutsch-russischen Parlamentariergruppe, Lars Klingbeil (SPD) ebenfalls der "Welt".

Russland beklagt "zweierlei Maß"

Tatsächlich behält Gauck mit seiner Entscheidung zwar ein einwandfreies Gewissen. Konkrete Verbesserungen für die Menschen in Russland wird er so aber nicht erreichen. Russische Politiker zeigten sich pikiert und werfen dem deutschen Bundespräsidenten zweierlei Maß in der Beurteilung der deutschen Partner USA und Russland vor: "Der deutsche Präsident Gauck kritisierte kein einziges Mal die Tötung von Kindern und Frauen in Pakistan und Afghanistan. Aber er verurteilt Russland so stark, dass er nicht einmal nach Sotschi reisen will", twitterte der Chef des Auswärtigen Ausschusses im russischen Parlament, Alexej Puschkow.

Eine Basis für menschliche Erleichterungen, die er in persönlichen Gesprächen in Moskau erreichen könnte, schafft der Präsident durch seine Absage gewiss nicht und steht vor einem Dilemma, das ihm aus der Geschichte bekannt sein dürfte. Auch im Umgang mit der DDR zogen sich alle westdeutschen Politiker, die wie Willy Brandt auf einen "Wandel durch Annäherung" setzten, stets den Vorwurf zu, mit einer menschenverachtenden Diktatur zu reden.

Und doch erreichten nur diejenigen menschliche Erleichterungen, die zu Zugeständnissen bereit waren. Gauck hat mit seiner nachvollziehbaren Absage auch die Chance vertan, sich zum Beispiel bei Treffen mit russischen Oppositionellen und in öffentlichen Reden aktiv und vor Ort für die Opfer der "gelenkten russischen Demokratie" einzusetzen.