Vor 21 Jahren wurden die Grenzen in Deutschland geöffnet. Ein historisches Ereignis, das Geschichte schrieb. Doch jeder Mensch hat seine ganz persönlichen Erinnerungen an diese spektakuläre Nacht und die aufregenden Stunden und Tage, die darauf folgten.

Wir haben unsere User gefragt, wie sie dieses Ereignis erlebt haben. Lesen Sie hier die 14 Geschichten, die uns am meisten beeindruckt haben. Sie verleihen der Wiedervereinigung ein wahres Gesicht und erwecken die Nacht erneut zum Leben.

Barbier, 55 Jahre: "Ich habe den Mauerfall im Zuchthaus Waldheim erlebt - wegen Republikflucht im schweren Fall §213 abs.2 Ziff.2. Ich hatte 3 Jahre und 6 Monate bekommen!

An diesem Tag ging mein Herz auf, als ich es im selbstgebauten Radio hörte und den anderen [Insassen] mitteilte. Wir lagen uns in den Armen mit Leuten, die im Rollstuhl saßen, weil beide Beine durch eine SM 70 Mine an der Mauer weggerissen wurden. Es waren Menschen, die in ihrem absoluten Drang nach Freiheit an der Grenze bis zum Äußeren gingen und dafür bis ans Lebensende im Zuchthaus bleiben sollten."

Das Gefühl der neu erworbenen Freiheit wurde nicht nur in dem Mauern des Gefängnisses gefeiert. Statt in einem selbstgebauten Radio, hörten viele Deutsche erstmals von dem Mauerfall im Fernsehen oder von Freunden. Jedoch gab es auch eindeutige Zeichen auf den Straßen Deutschlands, die von einer offenen Grenzen erzählten.

DieErlkoenigin, 44 Jahre: "Wir haben auf der Autobahn von dem Mauerfall erfahren. Wir waren auf dem Weg von Marburg in Richtung Süden. Nach dem dritten Trabi sagte mein Mann: "Mach sofort das Radio an"."

Die Öffnung der Grenzen zwischen Ost- und Westdeutschland bewegt die Bürger. Aber auch im Live-Fernsehen konnten die Moderatoren ihre Verwunderung über dieses Ereignis nicht verbergen.

Conderoga, 36 Jahre: "Ich hab damals regelmäßig "RTL-Aktuell" mit Hans Meiser geschaut. Das fing damals schon um 18.45 Uhr an. Um 18.47 Uhr unterbrach Meiser das erste Hauptthema mit den Worten, ihm wurde soeben eine Eilmeldung zugereicht - klassisch per Zettel. Er wusste selbst noch nicht, was darauf stand. Schließlich sagte er, mit völlig verdattertem Gesichtsausdruck, dass die Mauer aufgemacht wird. Ich war noch platter als er.

Dann wurde sofort nach Bonn in den Bundestag herübergeschaltet, wo gerade eine unbedeutende Arbeitssitzung über irgendwas abgehalten wurde. Es waren nur eine handvoll Abgeordnete zugegen. Jedenfalls erhoben sich die Parlamentarier bei der Verkündung der Maueröffnung und sangen spontan (mehr schlecht als recht) unsere Nationalhymne. Danach war ich den ganzen Abend nicht mehr vom Fernseher wegzukriegen."

Die Stimmung in Deutschland kurz vor dem Mauerfall sorgte für viele Spekulationen - auch bei dieser Userin.

Bad1, 43 Jahre: "Ich bin am 9. November mit meinem jetzigen Mann nach West-Berlin gefahren, um einen Freund zu besuchen und dort am 10. November meinen Geburtstag zu feiern. Noch auf der Transitstrecke haben wir geunkt: "Stell dir vor, die Mauer würde jetzt geöffnet werden - dann kämen uns lauter Trabbis entgegen."

Abends rief dann eine Freundin an und erzählte uns, dass gerade in den Nachrichten gesagt wurde, dass die Grenze geöffnet wird. Wir waren uns sicher, dass sie sich verhört hatte. Nachdem wir uns selbst die Nachrichten angeguckt hatten, sind wir erst Richtung Bornholmer Straße und dann gegen Mitternacht weiter zum Checkpoit Charlie gefahren.

Ich hatte Geburtstag und die ersten "Ossis" kamen rüber! Dieses Erlebnis war einfach nur geil und treibt mir noch heute Tränen in die Augen! Wir haben die ganze Nacht mit lauter Fremden aus Ost und West auf dem Ku`damm Party gemacht.

Am nächsten Tag sind wir abends auf der Mauer am Brandenburger Tor Steine kloppen gegangen und als wir in der Folgenacht nach Hause fuhren, brauchten wir 10 Stunden bis Wolfsburg - in einer Trabbilawine. Das war wohl mein schönster Geburtstag!!!"

Viele persönliche Geschichten von dem Abend des 9. November 1989 beschreiben die Aufregung, die Freude und vor allem die Unfassbarkeit des Moments. Doch nicht jeder hat sofort von dem Unglaublichen gehört.

Dangell, 36 Jahre: "Ich habe es wirklich verschlafen. Ich war in der Disco in der Nacht am 9. November 1989. Am nächsten Morgen bin ich wach geworden und war plötzlich ganz allein zu Hause. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel für mich: "Wir sind im Westen..." - da ist mir erstmal vor Schreck die Spucke weggeblieben. Ich dachte meine Familie ist ohne mich abgehauen und ich würde sie nie wieder sehen. Als ich weiter las - "...kommen heut Abend 17.45 mit dem Zug wieder zurück" - da verstand ich gar nichts mehr. Ich habe erstmal den Fernseher angemacht und dann verstand ich so langsam. Ich hatte Tränen in den Augen, so wie jetzt auch."

Während manche Deutschen den Mauerfall verschlafen haben, waren viele mehr damit beschäftigt, ihr ganz persönliche, eigene Geschichte zu schreiben. Da kann man sogar ein innenpolitisches Spektakel komplett ausblenden.

Solara, 48 Jahre: "Ich hab den Mauerfall gar nicht mitbekommen - mehrere Tage lang. Ich lag in den Wehen. Der Arzt kam zu mir ins Zimmer herein mit den Worten: "Jetzt kommen sie alle raus!". Ich wunderte mich, wer hier denn noch entbinden würde, denn auf der Station habe ich keinen weiter gesehen.

Da wir die ersten Tage nach der Geburt zu Hause und völlig ungestört verbrachten, haben wir den Mauerfall tatsächlich erst nach einer Woche mitbekommen. Es ist schon komisch, wenn sich die Welt ohne einen dreht."

Die Tatsache, dass der Mauerfall wirklich passieren könnte, war für viele Menschen unvorstellbar. Es ist daher kein Wunder, dass der Satz "Die Mauer ist gefallen" für einen wahren Schock sorgen kann.

Judge1, 40 Jahre: "Ich bin Streife bei der Bundeswehr gelaufen, und musste mich stündlich an einem uralten Telefonapparat melden der an einer alten Mauer hing. Als dann der Unteroffizier am anderen Ende der Leitung meinte die Mauer sei gefallen, sprang ich erschrocken einen Schritt zurück.

Ich glaubte, er meine die Mauer an der das Telefon hing. Er meinte aber dann doch eine ganz andere Mauer."

Solche Anekdoten machen das historische Ereignis unvergesslich. Doch auch der Ort, an dem man von der Vereinigung Deutschlands erfuhr, prägt den Einzelnen.

Keno, 29 Jahre: "Ich habe den Mauerfall noch in sehr guter Erinnerung. Ich bin [...] an dem so genannten "Todesstreifen" aufgewachsen, der bei uns circa drei Kilometer breit gewesen ist. Unser Dorf hatte ungefähr 600 Einwohner dafür aber bis zu 2.000 Soldaten (NVA), die unsere regionale Grenze bewachten.

Ich habe am 12. November Geburtstag und in der Nacht als die Grenzen geöffnet wurden, war das erste mal im Dorf richtig was los.

Leider kam zu meinem Geburtstag keiner meiner Familie. Sie sind alle über die Grenze gemacht. Ich habe dennoch nie wieder so eine konzentrierte Freude erlebt, wie an diesen Abend vom 9. zum 10. Oktober 1989."

Viele Menschen, die zu dem Zeitpunkt noch Kinder waren, können sich nicht an die genauen Vorgänge des Tages erinnern. Jedoch gibt es kleine Momente, die den Tag auch für die damals Kleinen unvergesslich machen.

Kerky, 27 Jahre: "Ich war erst 8 und habe nicht alles verstanden. Allerdings hatte ich in der Schule ein Holzpuzzle mit Europa. Jedes Land war ein einzelnes Puzzleteil, und die Lehrerin hat die BRD und die DDR zusammengeklebt."

Eine ähnliche Geschichte aus Kindertagen kann dieser User erzählen. Diese hat sich aber nicht in der Schule, sondern vor dem Fernseher in den eigenen vier Wänden abgespielt.

TheMiau, 26 Jahre: "Mein Bruder und ich waren damals noch recht klein. Aber unsre Eltern haben sich den Mauerfall mit uns im Fernsehen angesehen. Anscheinend waren wir davon sehr beeindruckt, denn wir haben den Mauerfall mit Playmobilfiguren nachgestellt. Die Mauer war aus Legosteinen und wurde einfach mit den Händen abgerissen. Es könnte alles so einfach sein..."

Auch im Ausland sorgte die Wiedervereinigung Deutschlands für Aufregung.

Molaix, 45 Jahre: "Waren damals auf Saharatour in Algerien. Als wir in Algier im Zoll saßen und auf die Fähre warteten kam ein Algerier mit dem "El Moudjahid" (algerische Tageszeitung) und fragte uns, was die Amerikaner wohl 'dazu' sagen. Ungläubig sahen wir auf dem Titelbild ein Foto von der Berliner Mauer, auf der Menschen standen, strahlten und feierten.

Die Rückfahrt von Marseille Richtung Norddeutschland war dann sehr spannend. Immer wenn ein Trabbi gesehen wurde, gab es wilde Hup- und Lichthupkonzerte und fröhliches Zuwinken: Es war eine ganz besondere Stimmung."

Ein User wurde durch seinen Auslandsaufenthalt sogar kurz berühmt - zumindest für seine Familie und Bekannte.

Seeya2, 59 Jahre: "An meinem damaligen Wohnort San Juan wollte ich im deutschen Restaurant klammheimlich und auf die Schnelle ein "Bierchen zischen". Kaum angekommen, kam das puertoricanische Fernsehen mit einem Team herein. Mein Telefon stand die ganze Nacht nicht still, fast die gesamte Verwandtschaft hatte mich im TV gesehen!"

Geschichten, die sich um den Tag des Mauerfalls drehen, müssen nicht immer mit der Familie oder Freunden zusammen hängen. Der Chef eines Users hat die Möglichkeit eines lukrativen Geschäfts gerochen und sofort für die Umsetzung gesorgt. Trotzdem kamen die großen Gefühle in dieser Geschichte nicht zu kurz.

Newsbabe, 42 Jahre: "Ich habe mich damals [...] an die gefallene "Mauer" aufgemacht habe. In diesem Fall die damalige Grenze zwischen Hessen und Thüringen.

Die Meldung von Schabowskis Fauxpas kam gegen 16 Uhr über das Radio [...]. Ich war neben meinem Studium als Teamleiter einer Promotion-Firma tätig - passenderweise arbeiteten wir damals gerade für die Zigarettenmarke "West".

Unsere Chefs schalteten schnell und beorderten uns gleich an besagten Grenzübergang mit dem Auftrag, jedem einreisenden Bürger der DDR eine Packung "West" zu schenken. Nach etwas drei Stunden Fahrt waren drei hübsche junge Frauen und ich an dem Grenzüberganz und es war das totale Chaos.

Wir konnten mit unserem bis an den Rand mit Kippen gefüllten und aufwändig in den Farben des Herstellers lackierten VW-Bus direkt auf das Geländer der DDR fahren - kein Trabi kam an uns vorbei, ohne von uns abgefangen zu werden.

Es spielten sich schnell herzzerreißende Szenen ab: Die Bürger der DDR schlossen mich und meine Kolleginnen in die Arme und es liefen Tränen über ihre Wangen. Niemand verstand, dass es sich um eine Aktion handelte, die dem Absatz der Marke dienen sollte - jeder glaubte, dass wir aus eigenem Antrieb dorthin gefahren waren."

Die Tage nach dem 9. November sind, genau wie der Tag an sich, von Fremdenfreundlichkeit und Güte geprägt. Ein Beweis dafür ist diese Geschichte des Mauerfalls.

Menzenschwand, 61 Jahre: "Ich wohne in Uelzen. Das ist nicht weit zur Grenze in Bergen. Zu der Zeit habe ich in einem Kaufhaus als Aufsicht gearbeitet. Am Sonntag haben wir das Geschäft geöffnet und als ich zum Dienst kam, standen schon hunderte von Menschen vor dem Geschäft und warteten auf das Öffnen der Türen.

Die Menschen strömten in den Laden. Ich werde die Gesichter nie wieder vergessen. Es war, als wenn kleine Kinder zum ersten mal den Weihnachtsbaum sehen würden. Ein Ereignis ist ganz besonders in meiner Erinnerung hängen geblieben.

Es klingelte an einer Kasse. Dort stand ein altes Ehepaar und sie hatten vom Begrüßungsgeld eingekauft. Nun sollte es noch ein Radiorecorder sein. Leider fehlten 5 DM. Der Verkäufer konnte das nicht mehr stornieren und eigentlich hätte ich das tun müssen. Ich sah aber nur die traurigen Augen des alten Ehepaares. Ein Blick zum Verkäufer reichte: Wir waren uns einig und so entdeckten wir eine winzig kleine Schramme an dem Gerät. Somit konnte ich den Preis um 5 DM reduzieren. Die strahlenden Gesichter beruhigten mein schlechtes Gewissen sofort.

Für mich war die Grenzöffnung einer der bewegendsten Momente in meinem Leben. Auch heute, nach zwanzig Jahren, kommen mir die Tränen wenn ich an die Freude der Menschen denke."

(Anmerkung der Redaktion: Die hier veröffentlichten Texte wurden von uns teilweise gekürzt und bearbeitet.)