• Seit sein Vater im Jahr 2011 starb, regiert Kim Jong Un Nordkorea.
  • Anfangs sicherte er seine Macht durch kaltblütige Morde, später verschaffte Donald Trump ihm Popularität.
  • Heute nimmt er Reformen zurück – und die Bevölkerung hungert weiter.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzung des Autors bzw. des zu Wort kommenden Experten einfließt. Hier finden Sie Informationen über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Schon bevor Nordkoreas langjähriger Diktator Kim Jong Il am 17. Dezember 2011 starb, wurde sein Sohn Kim Jong Un als Nachfolger gehandelt. Kaum war die offizielle Trauerzeit beendet, ließ er sich dann auch am 29. Dezember 2011 zum "obersten Führer" der Partei und des Militärs ausrufen. Zehn Jahre ist das nun her. Seither hat sich viel getan in Nordkorea – und doch hat sich kaum etwas verändert.

Kim Jong Uns erste Jahre als Alleinherrscher verliefen blutrünstig: 2013 ließ er die Nummer zwei im Staat, seinen Onkel Jang Song Thaek, hinrichten, zwei Jahre später den Verteidigungsminister Hyon Yong Chol, 2017 starb sein Halbbruder Kim Jong Nam bei einem Giftanschlag in Kuala Lumpur. Nun waren alle Konkurrenten um die Herrschaft in Nordkorea beseitigt.

Von den nahen Verwandten ist noch Kim Jong Uns älterer Bruder Kim Jong Chul am Leben – er tritt politisch nicht in Erscheinung –, sowie seine Schwester Kim Yo Jong, die als Frau im streng konfuzianischen Nordkorea keine Konkurrenz für den Diktator darstellt.

"Ein Trauerspiel": Die Bilanz von zehn Jahren Herrschaft

Heute, sagt der Volkswirtschafts- und Nordkorea-Experte Ralph Wrobel im Gespräch mit unserer Redaktion, sitze der Diktator "fest im Sattel". Und das, obwohl die Bilanz seiner zehnjährigen Herrschaft "ein Trauerspiel" sei.

Dabei hatte Kim Jong Un anfangs mit wirtschaftlichen Reformen für einen Hoffnungsschimmer gesorgt. Etwa mit den sogenannten 5.30-Maßnahmen vom 30. Mai 2014, die Nordkoreas Unternehmern mehr wirtschaftliche Freiheiten und den Bauern mehr Land zur eigenen Bewirtschaftung versprachen. Ein "zaghafter gesellschaftlicher Wandel" bahne sich an, vermuteten Beobachter, auf den Märkten gab es vorübergehend tatsächlich mehr zu kaufen.

Gleichzeitig entstand eine neue Bevölkerungsschicht: die "Donju", die den Staat plündern, aber gerade dadurch für wirtschaftlichen Fortschritt sorgen. Zum Beispiel, indem sie Lastwagen ihrer Firma für private Geschäfte nutzen und an ihrem Arbeitsplatz nur gelegentlich auftauchen. Das privat verdiente Geld investieren sie in andere Geschäfte oder Immobilien, einige begannen sogar, in den nationalen und internationalen Handel einzusteigen. "Eine gemischte Ökonomie ganz besonderer Art" sei das, meint Experte Wrobel. Denn obwohl Nordkoreas Planwirtschaft "auf dem Papier sehr strikt" sei, erzeuge die Schattenwirtschaft geschätzte 30 bis 50 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes.

Zweck der Liberalisierung: mehr Atomrüstung

Die Plünderung staatlicher Ressourcen, auch als "kalte Privatisierung" bezeichnet, ließ Kim Jong Un zu, weil er Mehreinnahmen für das wichtigste Standbein seiner schon 2013 beschlossenen "Zwei-Säulen-Politik" brauchte: Neben wirtschaftlicher Liberalisierung sieht diese die militärische Aufrüstung als unverzichtbar an. Mit Atomwaffen, so das Kalkül des Diktators, kann er einerseits drohen – andererseits kann er sie in Verhandlungen einbringen. Dafür, dass diese zynische Rechnung aufgehen konnte, sorgte ausgerechnet Donald Trump: "Er war dumm genug, auf Kim Jong Uns Gesprächsangebote hereinzufallen", sagt Experte Wrobel.

So kam es 2018 und 2019 zu denkwürdigen Treffen mit dem US-Präsidenten, die am Ende weder zur von Trump gewünschten Abrüstung noch zum von Kim Jong Un angestrebten Ende der internationalen Wirtschaftssanktionen führten. "In dieser Hinsicht und für Donald Trump ist außer Spesen nichts gewesen", kommentiert Wrobel.

Experte Wrobel: Darum ist Kim Jong Un ein "unschlagbar effektiver Politiker"

Einen enormen Nutzen habe der Diktator aber trotzdem aus den Verhandlungen gezogen: "In den Augen der Bevölkerung ist er seitdem der große Held schlechthin" – ein gewaltiger innenpolitischer Erfolg für den Despoten.

Auch deshalb sieht Wrobel in Kim einen "unschlagbar effektiven Politiker": Er scheut keine Morde, um Konkurrenten auszuschalten, nimmt eine äußerst widersprüchliche Wirtschafts- und Außenpolitik in Kauf, um seinen Zielen näherzukommen – und wenn er diese nicht erreicht, zieht er sogar Nutzen aus seinem Misserfolg.

Kims Taktik: provozieren – verhandeln – wieder provozieren

Wrobel glaubt sogar, ein System in Kim Jong Uns politischem Handeln zu erkennen: Der Herrscher wolle provozieren und gleichzeitig Verhandlungsbereitschaft zeigen; im Fall des Scheiterns erfolge die Rückkehr zur Provokation sofort, im Erfolgsfall erst nach einer Zeit der Zurückhaltung. Zu glauben, Kim würde über sein Atomwaffenprogramm ernsthaft verhandeln, sei ohnehin eine Illusion gewesen, meint der Experte: "Er hätte das nie aufgegeben. Atomraketen sind seine Versicherung gegen alle Umsturzversuche von außen" – auch gegen seinen einzigen verbleibenden Wirtschaftspartner China.

Die Zeit der wirtschaftlichen Öffnung, die international von vielen Experten als "sehr, sehr positiv" eingeschätzt worden sei, wie Wrobel sagt, ist mittlerweile vorüber. Wegen der Sanktionen und möglicherweise auch wegen Corona sind die wirtschaftlichen Probleme Nordkoreas stark gewachsen.

Das Land hat sich sofort nach Ausbruch der Pandemie noch stärker als vorher abgeschottet. Ob es SARS-CoV-2 trotzdem ins Land geschafft hat, ist nicht feststellbar. Doch Wrobel geht davon aus, dass nun auch der lukrative Schmuggel über die Grenze zu China nicht mehr funktioniert.

Zukunftsaussichten für Bevölkerung in Nordkorea "mehr als schlecht"

"Seit dem Scheitern der Verhandlungen mit Trump ist jede Hoffnung auf Öffnung wieder gestorben", resümiert Wrobel, er registriert "Schritt für Schritt einen ideologischen, außen- und innenpolitischen Rückfall in die alte Zeit." Die Zukunftsaussichten für die Bevölkerung seien "mehr als schlecht", Hungersnöte seien zu erwarten.

Seine einzige Hoffnung ruht auf denen, die von der Privatisierung profitiert haben und sich nun gegen neuerliche Unterdrückung wehren könnten. Für wahrscheinlich hält Wrobel das nicht. Vielmehr müsse man davon ausgehen, "dass wir Kim Jong Un noch mindestens für die nächsten zehn Jahre erleben werden".

Es hat sich viel getan unter Kim Jong Uns Herrschaft – verändert hat sich kaum etwas.

Über den Experten: Prof. Dr. Ralph Wrobel lehrt Volkswirtschaft und Wirtschaftspolitik an der Westsächsischen Hochschule Zwickau und ist dort auch Mitglied des Ostasienzentrums.

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